Editorial
Den Bach runter: Klassische Musik gegen Junkies
Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Der Mikrokosmos des hauptstädtischen Bahnhofs spiegelt dieser Tage wider, was die DP-CSV-Koalition in der ganzen Stadt umsetzen möchte und was vor kurzem auch die Literaturaktualität – siehe den Fall Roald Dahl – prägte: den Wunsch nach einer aseptischen Welt, in der alles, was einem nicht in den Kram passt – kruder Sprachgebrauch, Bettler, Armut, Drogenabhängigkeit –, einfach so lange an den Rand unserer Wahrnehmung geschoben wird, bis man hofft, dass all dies, ganz im Sinne eines präkopernikanischen Weltbilds, von der Erdscheibe kippt und in ein reinigendes Fegefeuer fällt.
Mithilfe von Beschallung möchte man, ganz nach dem Modell der Deutschen Bahn – die ja im Allgemeinen als Vorzeigeexemplar für alles, was Schienenverkehr anbelangt, gilt –, im städtischen Hauptbahnhof für ein sichereres Umfeld sorgen. Wem nicht ganz klar ist, was die Verbindung zwischen mehr Sicherheit und klassischer Musik sein soll: Diese Maßnahme, angelehnt an eine Praxis, die u.a. in Hamburg bereits keine sichtbaren Erfolge verbuchen konnte, besteht darin, dass man Musik von Bach oder Mozart laufen lässt, weil sich „Anhänger der Betäubungsmittelszene“, so die im Luxemburger Wort zitierte Bezeichnung der CFL-Pressestelle, nicht lange an Orten aufhalten können, an denen klassische Musik läuft.
Davon abgesehen, dass dieser Musikmissbrauch sehr stark an Guantanamo erinnert, wo Songs zu Folterzwecken eingesetzt wurden, gibt es doch unzählige Komponisten – sei es klassischer Musik oder dessen, was man moderne Klassiker nennt –, die selbst Junkies waren, wenn auch oft gutbürgerliche. Rauschmittel stehen also erst im Dienste der Kreativität, deren Erzeugnisse dann Rauschmittelkonsumenten vertreiben sollen – das wirkt nur dann wie ein Widerspruch, wenn man vergisst, dass auch unter Drogenkonsumenten zwischen denen, die in den eigenen vier Wänden konsumieren, und denen, die dies auf der Straße tun, hierarchisiert wird.
Darüber hinaus ist der wissenschaftliche Gehalt dieser klanglichen Anti-Junkies-Vogelscheuche mehr als bröckelig: Befragte Musikpsychologen oder Experten von der Hamburger Drogenberatungs- und Kontaktstelle sind sich einig, dass die Annahme, mit klassischer Musik würde man Junkies vertreiben, mehr Wunschdenken ist, als dass sie auf Empirie oder kognitiven Studien fußt. Der Musikpsychologe Reinhard Kopiez ordnet diese These sogar in den Bereich der „Naiven Theorien“ ein – eine Kategorie, in der sie neben Spekulationen wie „Kühe geben mehr Milch, wenn sie Mozart hören“ Platz findet.
Aber selbst, wenn dieses Vorhaben funktionieren sollte: Eine solche Zweckentfremdung der Kultur ist ähnlich abartig wie diese Anti-Obdachlosen-Bänke, die letztlich für niemanden mehr bequem sind. Vielleicht werden sich Lydie Polfer (DP) und Paul Galles (CSV) dies zu Herzen nehmen – und in der dystopischen Luxembourg City ertönen zukünftig überall Bach-Sonaten. Damit hätte man gleichzeitig die nervigen Straßenmusiker vertrieben.
In seinem Post-9/11-Roman „Bleeding Edge“ beschreibt Thomas Pynchon, wie der New Yorker Bürgermeister einst den Times Square säuberte: „Giuliani, seine Stadtentwicklerfreunde und die Kräfte vorstädtischer Rechtschaffenheit haben es in ein steriles Disneyland verwandelt: Man hat die melancholischen Bars, die Cholesterin- und Fettschleudern und die Pornokinos abgerissen oder renoviert, man hat die Ungekämmten, Unbehausten, Unvertretenen vertrieben, es gibt keine Drogenhändler, Zuhälter oder Hütchenspielartisten mehr, nicht mal mehr die alten Spielhallen mit schwänzenden Schulkindern – alles weg. Maxine wird übel bei dem Gedanken, es könnte irgendeinen verblödeten Konsens darüber geben, wie das Leben zu sein hat, und dieser könnte sich der ganzen Stadt bemächtigen, eine immer engere Schlinge des Schreckens aus Multiplexen, Shoppingcentern und riesigen Geschäften.“
Wer in diesem Auszug Rudolph Giuliani durch Lydie Polfer und den Times Square durch das Bahnhofsviertel ersetzt, erhält eine erschreckend treffende Beschreibung dessen, was in Luxemburg zurzeit passiert.