Editorial

Autor missbraucht Minderjährige: Deckmantel der Fiktion

Gabriel Matzneff, 1983

Gabriel Matzneff, 1983

Im kürzlich erschienenen „Le consentement“ beschreibt Vanessa Springora schonungslos, wie der ältere Schriftsteller G.M. sie verführte und die beiden eine Affäre hatten. Zwar beruhte die Beziehung auf gegenseitigem Einverständnis – nur war Springora damals 14 Jahre alt. Als sie 15 wurde, interessierte sich G. nicht mehr für sie.

In einer der furchtbarsten Passagen dieses durch und durch furchtbaren Buches erklärt G. seiner jungen Geliebten, dass in der Antike die sexuelle Ausbildung Jugendlicher durch Ältere Pflicht war; dass Poes Frau 13 war, als er sie heiratete; dass Lewis Carroll mit Vorliebe sehr junge Mädchen fotografierte, manche davon nackt. Einem dieser Mädchen widmete er sein berühmtes Buch „Alice in Wonderland“.

G. erwähnt Roman Polanski, heute würde er vielleicht Michael Jackson hinzufügen. Aber legitimiert die Anhäufung an Grenzüberschreitungen das eigene unmoralische Verhalten? Entschuldigt Kunst alles? Darf der Schriftsteller ein Monster sein, nur weil es in den literarischen Werken nur so von Ungeheuern wimmelt und Marcel Proust mal gesagt hat, dass man die Werke eines Künstlers unabhängig vom Menschen hinter dem Künstler bewerten soll? Würde Proust, dessen Hauptbeispiel sich in der Recherche darauf beschränkt, dass sich Langweiler Vinteuil als toller Komponist entpuppt, heute die Lost Prophets hören, nachdem er erfahren hat, dass deren Sänger Kinder vergewaltigt hat? Wieso hört heute niemand mehr die Lost Prophets, während die Songs von Michael Jackson selbst nach der Doku „Finding Neverland“ noch auf jedem Radiosender tagtäglich gespielt werden? Hat es damit zu tun, dass wir immer noch an Jacksons Schuld zweifeln (wollen)? Oder damit, dass sich Lieder wie „Billy Jean“ in unseren Gehörgängen festgesetzt haben und wir sie aus reinem kulturellen Habitus weiterhören?

Wie viel ist dem Zeitgeist oder der Blindheit einer Epoche geschuldet? Wie sehr sind die heutigen Proteste auch eine Distanzierung gegenüber einer Zeit, deren Permissivität zu Exzessen geführt hat? Seinerzeit hat Simone de Beauvoir eine Petition unterzeichnet, die eine Entkriminalisierung der sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen forderte, heute sind Feministinnen (zu Recht) über diese Unterschrift entgeistert.

Schriftsteller Pierre Jourde hat in einem ausgezeichneten Artikel klargestellt: Das Gericht urteilt über die Verbrechen eines Menschen, der Kulturkritiker über die Qualität seiner Kunst. Wenn ein Bankräuber einen tollen Roman schreibt, beschränkt sich das Urteil der Kritiker und Leser auf die literarische Qualität seines Werkes – vom Gericht bestraft wird er trotzdem.

Problematisch wird die Sache eben, wenn der Künstler selbst die Grenzen zwischen seiner Person und seinem Werk verwischt. Wenn der Bankräuber über seine Delikte schreibt, ist dies wenig problematisch, weil dem Banküberfall seit Robin Hood eine verklärte Romantik, eine Kapitalismuskritik anhaftet. Wenn Gabriel Matzneff (der reale Autor hinter den Initialen G.M.) aber seine pädophilen Neigungen in seinen Büchern nicht nur verteidigt, sondern auch noch glorifiziert und zudem die Briefe seiner jungen Liebhaberinnen abdruckt, wird die Trennung zwischen Künstler und Mensch auch deswegen auf der Rezeptionsebene schwierig, weil der Autor diesen Unterschied in erster Linie nicht mehr wahrnimmt. Die Fiktion wird zum Vorwand: Ein literarischer Stil und einige erzählerische Unklarheiten, die der bewussten Wirklichkeitsverbiegung oder dem Erinnerungsschwund geschuldet sind, reichen nicht aus, um lebende Menschen unter dem fiktionalen Deckmantel in ein Kunstwerk zu ziehen, nachdem man sie bereits im realen Leben ausgenutzt und manipuliert hat.

Lewis Carroll, Autor von „Alice in Wonderland“, fotografierte mit Vorliebe sehr junge Mädchen 

Lewis Carroll, Autor von „Alice in Wonderland“, fotografierte mit Vorliebe sehr junge Mädchen 

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