Editorial

Auch wer mitten in der Nacht unterwegs ist, muss vom öffentlichen Verkehr profitieren dürfen

Auch wer mitten in der Nacht unterwegs ist, muss vom öffentlichen Verkehr profitieren dürfen

Foto: Editpress/Alain Rischard

Luxemburg muss es schon wahrlich schlecht gehen, wenn selbst beim kostenlosen öffentlichen Verkehr auf einmal jeder Cent zweimal umgedreht werden muss. „Effizenz“ und „Rentabilität“ sind die zwei Stichworte, die im Streit um das Transportsyndikat TICE im Süden des Landes immer wieder fallen. Mit der neuen Konvention geben die Südgemeinden das Leiten der Geschicke „ihres“ Busservice zum Großteil in die Hände des Mobilitätsministeriums. Der Grund ist schlicht: Allein können die Gemeinden sich das nicht leisten. Allen voran wegen der notwendigen Elektrifizierung des Fuhrparks.

Doch was das „Syndicat mixte“ konkret bedeutet, bekommen die Bewohner der Südgemeinden nun nach und nach zu spüren. 2026 wird der Schultransport vom RGTR („Régime général des transports routiers“) übernommen. Zwei Buslinien – die 17 und 15 – sind ab 2028/2029 ebenfalls in RGTR-Händen. Und: Ab Mitte dieses Jahres heißt es „Ciao, Nachtdienst!“.

Die Busfahrer, so die Weisheit der Planer, könnten dann mehr in Stoßzeiten eingesetzt werden. Und was ist schon der Sinn darin, dass Busse nachts quasi leer durch die Gegend fahren? Das Angebot wird ja nur von „Partygängern“ genutzt – und die können dann auch ein Taxi für den Weg nach Hause nehmen, so die Argumentation.

Dabei wird wohl vergessen, dass der öffentliche Verkehr die Aufgabe hat, die gesamte „Öffentlichkeit“ sicher von A nach B zu befördern. Und dazu gehören auch jene, die nicht zu den typischen Stoßzeiten unterwegs sind. Die Bürokraten, die über die Planung von Bus und Bahn entscheiden, scheinen vergessen zu haben, dass komfortable Bürojobs mit festen Uhrzeiten von 8 bis 17 oder 9 bis 18 Uhr keineswegs der gelebten Realität aller Bewohner Luxemburgs entsprechen.

Was ist mit Schichtarbeitern? Oder Reinigungskräften, die spätabends oder morgens früh die Büros putzen müssen? Oder den Angestellten im Horesca-Bereich, die noch bis Mitternacht ihre Gäste bedienen und danach den Gastraum aufräumen? Was ist mit den Busfahrern selbst, die morgens früh ihre Schicht beginnen müssen? Haben sie alle kein Recht darauf, vom öffentlichen Verkehr zu profitieren und mit Bus und Bahn sicher zu ihrem Job zu kommen? 

Die können ja dann das Auto zur Arbeit nehmen, mag so mancher nun entgegnen. Immerhin sind zu den Zeiten keine Staus. Aber was ist mit denen, die sich kein Auto oder Taxi leisten können? Oder aus diversen Gründen kein Auto fahren dürfen? Pech gehabt, dann müsst ihr euch eben einen anderen Job suchen. 

Und selbst wenn der Nachtverkehr nur von Partygängern genutzt werden würde: Sollte uns deren Sicherheit nicht die Kosten wert sein? Jeden Tag lesen wir in den Polizeiberichten, wie sich Menschen betrunken hinter das Steuer setzen und damit ihr eigenes Leben und das anderer riskieren. 

Luxemburg gibt sich gerne den Anstrich einer modernen Metropole. Man will als Land mit anderen „Hubs“ wie Berlin, Brüssel, Paris und Amsterdam mithalten. Dort kann man sich aber darauf verlassen, dass man auch mitten in der Nacht von einem Ende der Stadt zum anderen kommt – auf eine sichere Art und Weise und ohne sich dumm und dusselig zu bezahlen. Und das jeden Tag und nicht nur vereinzelt am Wochenende. 

Die Verantwortlichen für die Planung der Busstrecken müssen sich dringend bewusst werden, dass „Transport“ kein reines Zahlenspiel ist, sondern dass dahinter menschliche Schicksale stecken, die auf den Dienst angewiesen sind. Statt den Nachtdienst abzuschaffen, sollte sich das Ministerium am TICE ein Beispiel nehmen – und das Prinzip ausweiten.

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