Editorial
Amerika ist auf Abwegen – doch auch Europa kann froh sein, wenn es Trump überlebt
„Dieses Land kann froh sein, wenn es ihn überlebt“, schreibt Erfolgsautor Stephen King über Donald Trump – Europa geht es derweil nicht viel besser, auch hier ist die Versuchung des Populismus groß Foto: AFP/Mandel Ngan
„Trump ist ein extrem gefährlicher Mann – dumm, rachsüchtig, auf Vergeltung an seinen Feinden fixiert“, schreibt Stephen King auf Bluesky. Der Erfolgsautor, der sich wie kaum ein anderer mit Horrorgeschichten auskennt, fügt an: „Dieses Land kann froh sein, wenn es ihn überlebt.“
Das ging schnell. Noch vor wenigen Wochen gab man sich in Europa betont gelassen. Man kenne den Donald ja bereits, hieß es von Brüssel bis Paris und von Madrid bis Warschau. Alles halb so wild demnach. Luxemburgs Premier Luc Frieden (CSV) verstieg sich sogar zur Aussage, die Beziehungen zu den USA sollten „verstärkt“ werden. Als Regierung werde man „alles dafür tun“. Am Wochenende hat Trump nun die ersten Zölle verhängt. Visiert sind China, Kanada und Mexiko. Jene gegen Europa dürften nur eine Frage der Zeit sein – und hier ist man inzwischen dabei, sich reihum die Kinnladen wieder hochzuklappen angesichts dessen, was beim transatlantischen Freund und Partner gerade geschieht.
Und wie schnell das geschieht: Nach zwei Wochen Trump 2.0 stehen die amerikanische Verfassung und Demokratie unter Druck wie nie zuvor. Trump will seine Meinung zum Gesetz machen, seine Weltsicht zur Wahrheit. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird weggeräumt. Straftäter sind begnadigt, verdienten Staatsdienern ist der Personenschutz entzogen und den amerikanischen Beamten die Denunziation von Kolleginnen und Kollegen verordnet. In den Behörden laufen rechtswidrige Säuberungen. Auch die unqualifiziertesten Regierungskandidaten winkt der Kongress durch. Bereits angewiesene Zahlungen will Trump unter Missachtung der amerikanischen Verfassung wieder stoppen. Wie Claqueure begleiten die Republikaner ihren Chef bei der Zerlegung des Staates. Der Führerkult hat Amerika gekapert.
Auf Rache gesinnt, will Trump die Zeit zurückdrehen. Parteileute, Medienmenschen, Tech-Milliardäre, Industrie und Kapital empfangen ihn wie ihren Heiland. Gleichheit gilt als Schwäche, Hierarchie ist der Trend, Diversität der Feind, der weiße Mann der Held. Privilegien werden wieder in Zement gegossen. It’s the Oligarchy, Stupid! Alle illegalen Einwanderer sind jetzt auch kriminelle Einwanderer und werden von Trumps Apparat gejagt.
Trump hatte angekündigt, in den ersten Tagen wie ein Diktator auftreten zu wollen. Bei seiner Antrittsrede sagte er, einige würden bald „schockiert“ sein. Trump bleibt unberechenbar, aber diese Drohungen waren ernst gemeint. Mit Wucht und Gewalt walzt der US-Präsident seitdem los, gegen die Welt und gegen vieles, was sie zusammenhält.
In Europa müssten längst alle Alarmglocken schrillen, doch leider verlieren auch die europäischen Politiker reihenweise ihren Kompass. Dafür reicht schon der Blick über unsere drei Landesgrenzen. Die CDU reißt die Brandmauer zur AfD ein, in Frankreich nennt der zentristische Premier die Einwanderung „Überflutung“, Belgien hat seit diesem Wochenende einen rechtsnationalistischen Regierungschef. Alle flirten sie aus Mangel an gescheiten Antworten auf die komplizierten Fragen unserer Zeit mit den Erfolgsrezepten des Trumpismus, dieser hemmungslosesten aller Spielarten des Rechtspopulismus. Auch in Luxemburg ist der Ton rauer und die Stimmung kälter geworden. Was uns bleibt, ist, den Trump’schen Trittbrettfahrern entschieden die Stirn zu bieten, in Europa und auch hierzulande. Bei dem enormen und vielschichtigen Einfluss, den Amerika weiterhin auf uns hat, wird das nicht einfach. Aber es bleibt keine andere Wahl. Denn Stephen Kings Ansage lässt sich erweitern: Auch Europa kann froh sein, wenn es Trump überlebt.