Forum von Michael Jäckel
Geschichte am „Fließband“: Wie Erzählungen unsere Sicht auf die Vergangenheit prägen
„‚Wir sind immer in Geschichten‘. (…) Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt“, lesen wir in Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“.
Zur Geschichte oder zu Geschichten gehört, dass sie nach einem bestimmten Duktus (wissenschaftlich, literarisch, nachrichtlich) „erzählt“ werden. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Man könnte ergänzen: Das Medium ist die Botschaft, wenn es um die Unterbrechung dieses Fließenden geht. Als vor nahezu 40 Jahren die Nachkriegsarchitektur Europas vor neuen Herausforderungen stand, beschrieb der Historiker Hagen Schulze im Jahr 1990 ein anderes „Fließband“. Er sprach davon, dass es keinen Tag mehr gebe, der ohne ein „historisches Ereignis“ auskomme. Der markante Titel „Revolution in der Glotze. Wie das Fernsehen die Geschichte erstickt“ steht für einen Vorgang, der das Außeralltägliche zur Normalität erhebt. Das aus dem eigenen Schulunterricht bekannte Repetieren von historischen Großtaten, die mit ebenso markanten „Großdaten“ in Zusammenhang standen, wird durch einen Bilderreigen ersetzt: „Die Welt zeigt sich nicht mehr in einer Abfolge von Geschichten, sondern als Strom von Bildern, die nicht wichtig oder unwichtig, sondern ausnahmslos aktuell und deshalb allesamt gleichermaßen ‚historisch‘ sind.“ Wie hätte die Einordnung im Internet-, dann auch Social-Media- und nun KI-Zeitalter ausfallen müssen? Es dürfte sprachlich stets ein Ringen um Superlative sein, die jeweils für sich das noch nie Dagewesene in Anspruch nehmen.