Forum von Raymond Becker

Die Welt befindet sich auf einem „rutschigen nuklearen Abhang“

„Gerade im Atomzeitalter muss die Wahrheit durchgesetzt werden: Nicht Atomwaffen haben Frieden geschaffen, sondern Abrüstung. Diese Wahrheit, die in den vergangenen Jahrzehnten, als wir eine nukleare Deeskalation erlebten, klar zu sein schien, wurde durch einen Rüstungswettlauf verdeckt, der heute Angst und Schrecken verbreitet.“ (Papst Leo XIV. in seinem brandneuen Buch „Entwaffnet und entwaffnend – Frieden ist ein Geschenk“)

Die Welt befindet sich auf einem „rutschigen nuklearen Abhang“

Foto: Uncredited/AP/dpa

Anlässlich der diesjährigen Gedenkveranstaltungen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 müsste an ein wegweisendes Gutachten vor dreißig Jahren erinnert werden. In einem Gutachten des Internationalen Gerichtshofes im Juli 1996 kam diese Hohe Instanz zur Schlussfolgerung, dass die Androhung oder der Einsatz von Atomwaffen grundsätzlich einen Verstoß gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts darstellt. Dieser Bericht macht deutlich, was Atomwaffen sind: Massenvernichtungswaffen, deren einziger Zweck darin besteht, innerhalb kürzester Zeit Millionen von Menschen zu töten.

Vor zwei Monaten veröffentlichte das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (Sipri) seine jährliche Bestandsaufnahme zur Lage in den Bereichen Rüstung, Abrüstung und internationale Sicherheit. Zu den wichtigsten Erkenntnissen des Sipri-Jahrbuchs gehört, dass Staaten zunehmend auf Atomwaffen als Instrumente nationaler Macht setzen, was jahrzehntelange Bemühungen um einen Abbau der Bestände und eine Einschränkung der Rolle von Atomwaffen zunichtemacht, obwohl die Risiken von Fehleinschätzungen und Eskalationen steigen.

Geopolitische Spannungen zwischen Atommächten

Die neun Atomwaffenstaaten, die Vereinigten Staaten, Russland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, China, Indien, Pakistan, die Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) und Israel, setzten im Jahr 2025 ihre Programme zur Modernisierung und Aufrüstung ihrer Atomwaffenarsenale fort und die meisten von ihnen setzten im Laufe des Jahres neue atomwaffenbestückte oder atomwaffenfähige Waffensysteme ein.

Von den weltweit im Januar 2026 geschätzten 12.187 Sprengköpfen befanden sich etwa 80 Prozent in militärischen Beständen für einen möglichen Einsatz. 23 Prozent hiervon, etwa 2.200 Sprengköpfe, sind in einem „Launch-on-Warning (LoW)“-Status. Dies ist eines der riskantesten Konzepte der Nuklearstrategie. Staaten starten ihre Atomraketen sofort, sobald Sensoren einen vermeintlichen Angriff melden, noch bevor sie bestätigen können, ob der Angriff real ist. Das schafft eine Situation, in der Fehlalarme, Cyberangriffe oder Missverständnisse innerhalb von Minuten zu einem nuklearen Krieg führen könnten.

Wir müssen uns stärker bewusst werden, dass die Zeiten, in denen Atomwaffen ausschließlich als Abschreckungsmittel dienten, weitgehend vorbei sind

Die aktuellen Kriege und geopolitischen Spannungen, an denen atomar bewaffnete Staaten beteiligt sind, sowie die Missachtung des Völkerrechts erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs. In diesem Zusammenhang sind sich Friedensforscher einig, dass die aktuellen Nuklearstrategien die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Konflikts erhöhen, da Modernisierung, erhöhte Alarmstufen, künstliche Intelligenz (KI) im militärischen Bereich bröckelnde Rüstungskontrolle das Risiko von nuklearen Eskalationen erheblich steigern.

Atomwaffen spielen erneut eine größere Rolle in den Sicherheitsstrategien fast aller Atomwaffenstaaten. Immer mehr Staaten betonen die Bedeutung von Atomwaffen als „Sicherheitsgarantie“. Atomare Drohungen werden häufiger und offener eingesetzt.

Wir müssen uns stärker bewusst werden, dass die Zeiten, in denen Atomwaffen ausschließlich als Abschreckungsmittel dienten, weitgehend vorbei sind. Die großen Atommächte, Russland und die USA, haben ihre Arsenale auf kleinere Systeme umgestellt, die für den Einsatz in regionalen konventionellen Konflikten konzipiert sind.

Wiederaufleben der Atomwaffen

Es ist alarmierend, dass das Wiederaufleben der Atomwaffen eine reale und gefährliche Bedrohung darstellt. Es ist alarmierend, wie bereitwillig dieses Wiederaufleben vielerorts hingenommen wird. Es ist alarmierend, wenn militärische nukleare Fakten und Strategien nicht mehr Teil einer offenen Diskussion in der Zivilgesellschaft sind.

Deshalb ist es so enttäuschend, dass die alle fünf Jahre stattfindende Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag, die ein zentrales Forum für die nukleare Abrüstung darstellt, in diesem Frühjahr endete, ohne dass die Vertragsstaaten trotz massiv zunehmender nuklearer Risiken einen Konsens erzielen konnten. Zum dritten Mal in Folge war es nicht möglich, eine gemeinsame Abschlusserklärung zu verabschieden.

3.200 Euro pro Sekunde, 119 Milliarden Dollar: Im vergangenen Jahr investierten die neun Atomwaffenstaaten 19 Prozent mehr in ihre Atomwaffenarsenale als im Jahr zuvor

Laut dem renommierten „Bulletin of the Atomic Scientists“ befindet sich die Welt auf einem „rutschigen nuklearen Abhang“. 3.200 Euro pro Sekunde, 119 Milliarden Dollar: Im vergangenen Jahr investierten die neun Atomwaffenstaaten 19 Prozent mehr in ihre Atomwaffenarsenale als im Jahr zuvor. Dies geht aus einem aktuellen Bericht der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) hervor.

Es scheint, als hätte sich ein Zustand kollektiver Amnesie breitgemacht. Erneut wird mit nuklearen Waffen gedroht. Misstrauen ist an der Tagesordnung. Die Rüstungskontrolle stirbt.

Hunger und Massensterben

Die Großmächte investieren gewaltig in Atomwaffen, obwohl deren Einsatz das Leben auf der Erde weitgehend zerstören würde. Selbst ein begrenzter Atomkrieg mit hundert „kleineren“ Atombomben würde das Klima unerträglich machen. Hunger und Massensterben wären die Folgen. Ein großer Atomkrieg würde das Ende unserer Zivilisation bedeuten.

Versuchen Sie einmal, diesen menschlichen Wahnsinn den leidenden Kindern in Konfliktgebieten zu erklären. Das ist eine Schande für Millionen von Menschen, die weltweit an Kriegen leiden durch brutale Gewalt, Massenflucht und Versorgungskollaps.

Wie erklären wir den Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die verheerende Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr Leben erlitten haben, diesen menschlichen Wahnsinn, diese Geldverschwendung, diese erneute Akzeptanz, begleitet von einer offenen Drohung, diese tödlichen Waffen einzusetzen?

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat Atomwaffen als „einzigartig in ihrer Zerstörungskraft, in dem unaussprechlichen menschlichen Leid, das sie verursachen (…) und in der Bedrohung, die sie für die Umwelt, für künftige Generationen und ja sogar für das Überleben der Menschheit darstellen“ beschrieben.

Wir müssen das Versprechen bekräftigen, das weltweit den Hibakusha anlässlich vieler Gedenkzeremonien weltweit abgegeben wurde: „Ich gedenke der Opfer des Anbruchs des Atomwaffenzeitalters in Hiroshima und Nagasaki und ehre die Überlebenden, die den Untergang dieses Zeitalters anstreben, indem ich verspreche, mich ihrem Kampf für das Verbot und die Beseitigung von Atomwaffen anzuschließen.“

In seinem Leitartikel für die französische Zeitung Combat vom 8. August 1945 über den Atombombenabwurf auf Hiroshima schließt Albert Camus, ein französischer Philosoph und engagierter Journalist, mit folgenden Zeilen: „Angesichts der schrecklichen Perspektiven, die sich der Menschheit eröffnen, wird uns noch deutlicher bewusst, dass der Frieden der einzige Kampf ist, der es wert ist, geführt zu werden. Es ist kein Gebet mehr, sondern ein Befehl, der vom Volk an die Regierungen gerichtet werden muss: der Befehl, sich endgültig zwischen Hölle und Vernunft zu entscheiden.“

Um der Menschheit willen dürfen wir bei dieser Entscheidung nicht versagen.

Zur Person

Die Welt befindet sich auf einem „rutschigen nuklearen Abhang“

Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Raymond Becker ist Mitglied des Koordinationsteams der „Friddens- a Solidaritéitsplattform“

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

1 Kommentare
Fraulein Smilla 07.08.202618:57 Uhr

Haette der Iran die Bombe , dann wuerden wir Dank dem Gesetz der Abschreckung heute nicht ueber den Irankrieg reden . Was heute auf der koreanischen Halbinsel los waere , hatte Kim die Bombe nicht , wuerde aber an der Entwicklung einer solchen feilen daran wage Ich nicht mal zu denken .

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