Editorial
Alles außer unpolitisch: Was von den Olympischen Winterspielen in China bleibt
Foto: AFP/Anthony Wallace
Am Sonntag gingen die umstrittensten Olympischen Spiele der vergangenen Jahre zu Ende. Üblicherweise steht bei Olympia spätestens mit dem Entzünden der Flamme der Sport im Vordergrund. Das war diesmal auch so, wenngleich wohl noch nie so viel über die Rahmenbedingungen berichtet wurde wie bei diesen Spielen.
Für die Sportler und Sportlerinnen ist es natürlich bedauerlich, dass ihre Leistungen nicht so gewürdigt werden, wie sie es vielleicht verdient hätten. So hat zum Beispiel das private luxemburgische IOC-Mitglied Henri Albert Gabriel Félix Marie Guillaume de Nassau – nicht zu verwechseln mit Großherzog Henri, der als Staatschef ja ein öffentliches Amt bekleidet – dem Skifahrer Matthieu Osch etwas die Schau gestohlen. Das private IOC-Mitglied sorgte mit seiner Teilnahme an Xi Jinpings Bankett der Autokraten und Diktatoren nämlich für weitaus mehr Gesprächsstoff als Osch mit seinem 28. Platz im Riesenslalom.
Dass Themen wie Menschenrechtsverletzungen, die Situation der Uiguren, Chinas Verhalten gegenüber Hongkong, Taiwan oder Tibet ständige Begleiter der Berichterstattung waren, ist dennoch zu begrüßen. Sogar einige Sportler haben sich geäußert, wie zum Beispiel der schwedische Eisschnellläufer Niels van der Poel, der Parallelen zwischen den Spielen in Peking und den Nazi-Spielen von 1936 in Berlin zog. Allerdings erst nach seiner Rückkehr in Schweden, denn aufgrund der sehr beschränkten Meinungsfreiheit in China wollten nur die wenigsten sich öffentlich äußern.
Ob sich aufgrund der kritischen Berichterstattung in China etwas ändern wird, ist allerdings mindestens so fraglich wie die Behauptung der Organisatoren, dass durch Olympia über 300 Millionen Chinesen zum Wintersport gefunden hätten. Dass der Sport bei diesen Olympischen Spielen etwas in den Hintergrund gerückt ist, kann man allerdings nicht China ankreiden. Sowohl die Menschenrechtslage wie die eingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit waren im Vorfeld bekannt. Es war das Internationale Olympische Komitee, das als reine Profit-Organisation gehandelt hat und diese Spiele durchziehen wollte, ganz gleich, ob dabei die Werte, für die Olympia eigentlich stehen soll, beschädigt werden. Alles scheint damit entschuldigt zu werden, dass der Sport ja nichts mit Politik zu tun hat.
Doch ein Mega-Event wie Olympia findet nie im luftleeren Raum statt. Nicht 2022 in Peking, nicht 2024 in Paris oder 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Jedes Regime, jede Regierung nutzt so eine Veranstaltung zu Propagandazwecken. Olympische Spiele können also nicht unpolitisch sein, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben. Sie könnten allerdings weniger politisch werden, indem sie sich endlich vom Gigantismus (in China hat alleine die Bob-Bahn 2,5 Milliarden Dollar gekostet und wird wohl nicht mehr allzu oft genutzt werden) verabschieden würden. Der macht die Spiele nämlich zu dem beliebten Propaganda-Instrument, das sie heute sind. Dafür müsste sich das IOC erst einmal wieder auf seine eigentlichen Werte besinnen und nicht nach dem reinen Profit entscheiden. Vielleicht kann das private IOC-Mitglied aus Luxemburg bei seiner nächsten privaten Reise zu seinen Ringe-Kollegen mal darauf verweisen.