Neimënster
Wie aus der Krankheitsdiagnose ein Kunstprojekt von Aurélie D’Incau und ihrer Mutter wurde
Die Künstlerin Aurélie D’Incau und ihre Mutter Thérèse halten in einem gemeinsamen Projekt fest, was sie verbindet: Geschichten, Erinnerungen, das Leben. Über zwei Frauen, die Krankheit mit Kunst trotzen.
Aurélie d’Incau (l.) und ihre Mutter Thérèse (r.) vereweigen ihre Beziehung in einem Kunstprojekt Foto: Carole Theisen
Der Raum wirkt auf den ersten Blick unspektakulär: ein großer Tisch, verstreute Stoffe, Wollknäuel, Perlenfäden, bunte Seidentücher. Doch wer länger bleibt, merkt, dass hier etwas anderes geschieht als bloß Handarbeit. Zwei Frauen – Mutter und Tochter – sitzen sich gegenüber. „Wir arbeiten langsam. Und in dieser Langsamkeit tauchen Dinge auf, über die wir sonst nie sprechen würden“, sagt Aurélie d’Incau.
Es ist der Arbeitsraum des Projektes „Liewen“, einem intergenerationellen, autoethnografischen Kunstprojekt, das die beiden Frauen bereits vor drei Jahren gemeinsam begonnen haben und während der Residenz in Neimënster (5. Januar bis 8. Februar 2026) weiter Form annimmt. Ein Projekt, das Erinnerung, Fürsorge, Identität und Verlust miteinander verwebt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Ein Projekt, das mit einem Knoten begann
Aurélie, 1990 geboren, arbeitet zwischen Luxemburg und Lissabon als bildende Künstlerin. Ihre Praxis bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst, Spiel, Pädagogik und sozialer Interaktion. Viele ihrer Projekte entstehen kollektiv, sind performativ angelegt und folgen einem offenen, prozessorientierten Ansatz. Seit Jahren erforscht sie das Spiel – nicht als bloße Leichtigkeit oder Unterhaltung, sondern als Haltung, als Möglichkeit, mit der Welt in Resonanz zu treten.
Doch als ihre Mutter erkrankte, geriet dieses Fundament ins Wanken. „Ich habe mich so lange mit dem Spiel beschäftigt, aber plötzlich konnte ich selbst nicht mehr spielen“, sagt sie. „Ich wollte diesen Knoten lösen – diesen emotionalen Knoten, der alles blockiert.“

Mutter (r.) und Tochter (l.) bei der gemeinsamen Arbeit Foto: Carole Theisen
In einer schlaflosen Nacht tauchte die Idee auf, die später „Liewen“ werden sollte: eine gemeinsame Lebensdecke zu sticken. Ein textiles Archiv, das Erinnerungen und Geschichten sammelt. Am nächsten Morgen rief sie ihre Mutter an. „Ich habe sie gefragt: Willst du mit mir eine Lebensdecke sticken? Und sie hat sofort Ja gesagt. Ohne einen Moment zu überlegen.“ In diesem Augenblick fiel eine Last von ihr ab. „Es fühlte sich an, als würden wir die Situation wieder in die Hand nehmen“, sagt Aurélie.
Ihre Mutter Thérèse (74) ist gelernte OP-Instrumentistin und war später Kindergärtnerin. Sie ist eine Frau, deren Leben von Handarbeit geprägt ist: Nähen, Sticken, Puppenbau, Gartenarbeit. „Ich habe immer mit den Händen gearbeitet“, sagt sie. „Das hat mich durchs Leben getragen.“ Sie erzählt von ihrer Kindheit im Ösling, von Einflüssen ... und von der Diagnose, die alles veränderte: das Multiple Myelom.
„Krebs ist ein Wort, das dich durchschneidet. Es klingt wie ein Todesurteil, ist es heute aber nicht unbedingt. Die Medizin kann viel – aber man muss seinen Weg neu gestalten“, sagt sie. „Aber ich wollte mich nicht verstecken. Ich wollte Dinge zu Ende bringen.“
Für Thérèse ist die Residenz in Neimënster die erste ihres Lebens – ein konzentrierter Arbeitsraum fern vom Alltag mit Haushalt, Garten und Arztterminen. „Zu Hause wird man ständig abgelenkt. Hier kann ich mich wirklich auf das konzentrieren, was wir machen“, sagt sie.
Wir sitzen hier, hören Hörbücher, erzählen uns Witze. Handarbeit zwingt dich, langsam zu werden. Und wenn du langsam wirst, kommen Gedanken, die sonst keinen Platz finden.
Aurélie D’Incau
Künstlerin
Auf dem Tisch liegen Stoffe, die schon ein halbes Leben hinter sich haben: Seidentücher, die Aurélie als Kind bemalt hat. Wollreste aus Thérèses Zeit als Puppenmacherin. „Diese Materialien tragen ihre eigenen Geschichten“, sagt Aurélie. „Es wäre schade, sie einfach zu entsorgen. Wir geben ihnen eine neue Bedeutung.“
Die beiden arbeiten vor allem mit dem, was da ist – nicht nur aus Nostalgie, sondern aus einer Haltung des Kümmerns. Aurélie bezieht sich auf die Philosophin Yuriko Saito und deren Begriff der Aesthetics of Care: Schönheit entsteht dort, wo Menschen sich umeinander kümmern – und um die Dinge, die sie tragen.
Ein Dialog in Fäden
Was als biografische Stickerei beginnt, wächst schnell zu etwas Größerem heran: zu einem Ritual, einem gemeinsamen Denken, einem vorsichtigen Sich‑Annähern. Während ihre Hände arbeiten, öffnet sich ein Gespräch, das sich nicht steuern lässt. Ein Pendeln zwischen Erinnerungen, Symbolen und beiläufigen Beobachtungen aus dem Alltag.
„Wir sind tief in unsere Vergangenheit eingetaucht“, sagt Aurélie. „Ich habe Dinge über meine Mutter erfahren, die ich sonst nie erfahren hätte. Und ich habe viel über mich selbst gelernt – über Familiendynamiken, über luxemburgische Identität.“ Thérèse beschreibt es so: „Für mich fühlt es sich an wie meine Biografie. Dinge, die ich vergessen hatte, tauchen wieder auf.“

Erinnerungen, festgehalten auf Textilien Foto: Carole Theisen
Ihre Gespräche wandern vom Ösling ins Minett und weiter in die Hauptstadt, von katholischer Prägung zu einer offeneren Spiritualität. Immer wieder tauchen bestimmte Symbole auf: die Kuh, der Faden, der Knoten, die Spirale, die Zelle.
Ein Projekt im fortlaufenden Wandel
Mit der Zeit beginnt sich das Projekt nicht nur inhaltlich, sondern auch formal zu öffnen. Aus der ursprünglichen Idee einer Lebensdecke werden textile Serien, Kostüme, symbolische Stickereien und kleine textile „Fotografien“, die bestimmte Lebensmomente festhalten. Symbole wie der Löwe für Thérèse, die Ziege für Aurélie und viele, viele Katzen finden ihren Weg in die unterschiedlichsten Werke.

Aurélie fädelt für eins der Kunstwerke Perlen ein Foto: Carole Theisen
Und schließlich entstehen Formate, die andere Menschen aktiv einbeziehen. Bei einem symbolischen „Blutspende“-Nachmittag fädeln Freundinnen und Freunde sowie Familienmitglieder Perlen auf, die unterschiedliche Blutbilder bzw. -gefäße repräsentieren – gesunde, erkrankte, solche nach der Chemotherapie und solche nach der Stammzellentherapie, die Thérèse durchlaufen muss.
Mit Filz werden bunte Zellen modelliert. „Zellen sind wunderschön – kleine Inseln, die miteinander in Kontakt stehen“, sagt Aurélie. Die Perlenketten wurden zu einer Art anatomischem Tagebuch, zu einer poetischen, aber präzisen Übersetzung eines medizinischen Prozesses in ein kollektives, haptisches Erlebnis.
Manchmal sitzen mehrere Frauen im Kreis, jede mit einer Nadel in der Hand. „Sticken war immer auch ein feministischer Raum“, sagt Aurélie. „Ein Ort, an dem Frauen sich austauschen, sich gegenseitig tragen, sich Geschichten anvertrauen.“ Sie beschreibt diesen Moment als Öffnung: „Wir sind aus unserem kleinen Kern herausgetreten. Erst wir zwei, dann die Familie, und jetzt die Welt. Andere Menschen resonieren mit uns. Das ist unglaublich berührend.“
Noch lange kein Ende in Sicht

Stricken als Moment der Verbindung Foto: Carole Theisen
„Liewen“ ist kein abgeschlossenes Werk. Aus der intimen Stickarbeit zwischen Mutter und Tochter ist ein wachsendes Geflecht aus Textilien, Gesprächen und Ritualen entstanden. Nun denken die beiden an die nächsten Schritte: Ein Buch soll die Stickereien, Erinnerungen und Reflexionen der letzten drei Jahre dokumentieren und erklären. Außerdem möchten sie eine Ausstellung realisieren – sie wissen nur noch nicht, in welcher Form und an welchem Ort. Sicher ist lediglich, dass die entstandenen Arbeiten irgendwann einen öffentlichen Raum finden sollen. Für Thérèse hat das Projekt eine existenzielle Dimension: „Ich möchte, dass das, was bleibt, in guten Händen ist. Dass nichts in einem Knoten hängen bleibt.“