Interview
Warum Daniel Hellmann als Kuh in High Heels für Tierrechte kämpft und sich den „Roude Léiw“ vorknüpft
Eine Kuh auf Stöckelschuhen? Ja, das gibt es: Die Drag-Figur Soya the Cow ist auf Einladung des „Musée national d‘histoire naturelle“ in Luxemburg zu Gast. Im Kostüm steckt der Schweizer Performance-Künstler Daniel Hellmann. Im Interview spricht er über den Zusammenhang zwischen Drag-Kunst, Tierrechten und einer friedlichen Zukunft.
Setzt sich mit Drag-Kunst für Tierrechte ein: Daniel Hellmann alias Soya the Cow Foto: OIivia Schenker
Tageblatt: Daniel Hellmann, letzte Woche hat das Europäische Parlament beschlossen, dass Veggie-Burger weiterhin als solche bezeichnet werden dürfen. Was lösen solche Debatten bei Ihnen als Veganer und Tierrechtsaktivist aus?
Daniel Hellmann: Der Versuch, solche Verbote durchzubringen, ist für mich ein Armutszeugnis einer Fleischlobby, die spürt, dass ihre Zeit abläuft. Gleichzeitig ist es interessant, dass über Begriffe gestritten wird, aber kaum darüber, dass Millionen Tiere in Schlachthöfen unter prekären Bedingungen leben und sterben. Das Problem wird verschoben, statt benannt.
Welche Rolle spielt Ihre Drag-Persona Soya the Cow im politischen Diskurs?
Als ich 2018 mit Soya the Cow begann, war das für viele in meinem Umfeld erst einmal irritierend. Die Verbindung aus Feminismus, Umweltpolitik und Tierrechten passte für viele nicht zusammen. Heute – acht Jahre später – ist die gesellschaftliche Resonanz eine andere. Inzwischen wird eher anerkannt, dass die Tierrechtsbewegung Teil der großen Gerechtigkeitskämpfe unserer Zeit ist. Wir können nicht glaubwürdig über Rassismus, Queerness oder Inklusion sprechen und gleichzeitig so tun, als sei Gewalt gegenüber Tieren keine Frage von Gleichberechtigung. Soya the Cow entstand also aus Verzweiflung: Niemand möchte Tieren etwas antun, doch auf dem Teller landen weiterhin Produkte, die ohne massives Leid nicht möglich wären. Ich wollte einen Weg finden, diese Widersprüche klar, direkt und gleichzeitig humorvoll anzusprechen.
Deswegen Drag?
Drag war dafür ideal, denn die Kunstform erlaubt durch Kostümierung und Überzeichnung, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Drag Kings und Queens sind sehr direkt. Im Laufe der Zeit hat sich die Figur stark weiterentwickelt. Heute ist Soya ein Störfaktor, aber auch die Verkörperung einer Utopie, eine Diva, ein Narr, eine Mutterfigur. Durch diese Mischung entsteht Zugänglichkeit. Ich entdecke immer wieder neue Aspekte des Projekts und arbeite inzwischen mit Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und mit den Tieren selbst zusammen.
Wenn mir jemand ins Gesicht spuckt, ist das nichts im Vergleich zu dem, was Tieren angetan wird, deren Kehle wir durchschneiden
Daniel Hellmann
Performance-Künstler aus der Schweiz
„Try Walking in My Hooves“ ist ein interaktiver Stadtrundgang, den Sie anbieten.
Beim Art Walk geht es darum, sichtbar zu machen, wie Tiere in unserem urbanen Raum präsent sind – Insekten, Vögel, Wildtiere, Haustiere, aber auch die Körperteile sogenannter Nutztiere, die etwa in Restaurants auftauchen. Zum Beispiel als Schinken auf der Pizza. Gleichzeitig betrachten wir, wie Tiere in Werbung, Architektur oder Symbolik – in Luxemburg der „Roude Léiw“ auf dem Wappen – benutzt werden. Wir sind dabei wie eine kleine Herde mittelgroßer Säugetiere, angeführt von einer großen Kuh. Bei meiner Performance in San Francisco kamen dabei andere Themen auf als bei der in einer Schweizer Kleinstadt oder in Hongkong, wo lebende Tiere in Restaurantvitrinen gehalten werden. Diese Walks zeigen aber immer, wie eng verwoben das Leben von Menschen und anderen Tieren ist. Das ist auch das Thema der Ausstellung „AnimalEch“im „Naturmusée“in Luxemburg, in der sich die wissenschaftliche Institution selbstkritisch hinterfragt. Umso glücklicher bin ich, dass die Zusammenarbeit zustande kam.
Wie reagieren die Menschen auf Soya the Cow?
Unterschiedlich. Wer sich an meinen Stadtrundgängen beteiligt, ist offen. Menschen, die mir zufällig begegnen, reagieren hingegen manchmal ablehnend oder aggressiv. Das bezieht sich aber meist auf den Fakt, dass ich sichtbar queer bin: Ich bin 1,90 Meter groß, trage High Heels und Make-up und entschuldige mich nicht für meine Ansichten. Ich wurde bereits angegriffen, körperlich und verbal. Online überwiegen positive Rückmeldungen. Viele Menschen spüren, dass meine künstlerische Arbeit ernst gemeint ist, auch wenn sie mir nicht in allen Punkten zustimmen. Und ganz ehrlich: Wenn mir jemand ins Gesicht spuckt, ist das nichts im Vergleich zu dem, was Tieren angetan wird, deren Kehle wir durchschneiden.
Wie entstand Ihre Drag-Show „Queere Tiere“, die sich – wie der Titel verrät – mit queeren Ausdrucksformen im Tierreich befasst?
Nach mehreren Jahren, in denen ich mich intensiv mit Schlachthöfen, Tierindustrie und Gewalt beschäftigt habe, wollte ich ein Projekt entwickeln, das einen anderen Zugang zu Tieren ermöglicht. Ausgangspunkt war ein Artikel über Buckelwale, bei denen Sex zwischen zwei Männchen beobachtet wurde. Von dort aus begann ich Geschichten zu sammeln – gemeinsam mit Coco Schwarz.
Entwickelten gemeinsam die Drag-Show „Queere Tiere“: Daniel Hellmann (l.) und Coco Schwarz (r.) Foto: Olivia Schenker
Wir wollten einen vielseitigen Liederabend entwickeln, der wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich macht, ohne didaktisch zu wirken. Natürlich sagt kein Schwan von sich: „Hey, ich bin schwul.“ Wir Menschen legen Kategorien auf Tiere. Aber es gibt faktisch gleichgeschlechtliche Schwanenpaare, die Eier stehlen, um gemeinsam Nachwuchs aufzuziehen. In dem Buch „Biological Exuberance“ von Bruce Bagemihl wurden schon 1999 über 1.500 Tierarten mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten sowie Vorkommnisse von Trans-Identität unter Tieren dokumentiert. Das ist 30 Jahre her, inzwischen gibt es weitere Erkenntnisse. Wir haben wissenschaftliche Literatur, Mythologie, die Bibel und auch Disney-Figuren für die Show herangezogen. Mir ist es wichtig, zu zeigen: Queere Identitäten sind in der breit gefassten Tierwelt keine Ausnahme. Es gibt so viele verschiedene Lebens- und Reproduktionsformen – die monogame, heteronormative Kleinfamilie ist nur eine davon.
Rettet die pflanzliche Ernährung die Zukunft?
Ich sehe eine enorme Chance für unsere Gesellschaft, wenn wir aufhören, für die Nahrungsproduktion so viele Tiere zu misshandeln und Ressourcen zu verschwenden. Wenn wir das reduzieren und unsere Ernährung dort umstellen, wo es möglich ist – ich bin mir bewusst, dass es Weltregionen gibt, in denen die Situation komplexer ist –, könnten wir friedlicher und gesünder leben. Wir könnten Wildtieren mehr Lebensraum zurückgeben, mehr CO₂ speichern und die Umwelt schonen. Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Wir müssen dafür nur auf ein paar Zutaten in unserer Ernährung verzichten.
Daniel Hellmann in Luxemburg
„Try Walking in my Hooves“, 15. März, 15.00 bis 16.30 Uhr, Treffpunkt: Musée national d’histoire naturelle, freier Eintritt.
„Queere Tiere“, 17. März, 20.00 Uhr, Neimënster/Salle Robert Krieps, Tickets auf neimenster.lu.
Mehr Infos zu Daniel Hellmann und Soya the Cow: daniel-hellmann.com und soyathecow.com.