Interview mit FRiDA ASBL

„Wer ein Lebewesen aufnimmt, trägt die Verantwortung für die kommenden zwanzig Jahre“

Wer ein Lebewesen bei sich aufnimmt, trägt eine oft jahrzehntelange Verantwortung – die weit mehr verlangt als ein gutes Herz: nämlich fundiertes Fachwissen und realistische Vorbereitung. Im Gespräch mit dem Tageblatt erklärt Frida-ASBL-Mitgründerin Adela Fuentes, warum Tierschutz bei einer bewussten Auswahl beginnt und vor welchen alltäglichen Herausforderungen kleinere Vereine stehen.

Adela Fuentes in Altwies mit Yorkshire-Mischlingshündin Luna (13), die aktuell ein neues Zuhause sucht

Adela Fuentes in Altwies mit Yorkshire-Mischlingshündin Luna (13), die aktuell ein neues Zuhause sucht Foto: Deborah Rimi

Tageblatt: Der Alltag im Tierschutz ist von unsichtbaren Hürden geprägt. Welche Aufgaben bestimmen die tägliche Arbeit bei der Versorgung?

Adela Fuentes: Nach fast 17 Jahren ehrenamtlicher Tierschutzarbeit wurde 2024 Frida ASBL gegründet. Unser Hauptfokus liegt auf der Betreuung geretteter Schafe, Schweine, Hühner, Enten, Gänse, Streunerkatzen und Hunde. Diese Vielfalt stemmen wir ausschließlich über Spenden, freiwillige Helfer und private Pflegefamilien; reichen diese Kapazitäten nicht aus, weichen wir auf kostenintensive Hundepensionen aus. Zentral ist neben der Versorgung die Aufklärungsarbeit von Jung und Alt: Wir zeigen die reine Freude am Tier, stellen aber vorab die entscheidenden Fragen zur artgerechten Haltung, zum Zeitaufwand, zum Raumangebot und zu den finanziellen Kosten. Genau diese sorgfältige Prüfung ist das Fundament, auf dem jede erfolgreiche Vermittlung aufbaut.

Wie läuft ein solcher Vermittlungsprozess konkret ab?

Nach dem telefonischen Erstkontakt besuchen Interessenten das Tier bei der Pflege- oder Abgabefamilie, um die Passung zu prüfen. Verläuft das Treffen positiv, folgt ein Hausbesuch. Wir kontrollieren Platz, Zeitbudgets, finanzielle Reserven für Tierarztkosten und – bei Häusern – die Ausbruchsicherheit des Gartens. Unverzichtbar ist ein verlässlicher Plan B: Alleinstehende klären die Notfallversorgung, Paare regeln die Verantwortung bei einer Trennung. Nach den nötigen Vorbereitungen zieht das Tier für eine zwei- bis vierwöchige Probezeit ein. Bewährt sich das Zusammenleben, greift der Schutzvertrag. Dieser bindet die Halter vertraglich daran, das Tier im Ernstfall niemals im Tierheim abzugeben, sondern zwingend an uns zurückzubringen, da wir zeitlebens die Verantwortung tragen. Wer das unterschätzt, überfordert im Alltag schnell sich selbst und das Tier.

Oft werden Haustiere unüberlegt angeschafft. Welche Auswirkungen dieser Überforderung erleben Sie im Alltag?

Tiere als unüberlegte Anschaffung – sei es aus Impuls, Zeitmangel oder falscher Rassewahl – bleiben ein anhaltendes Problem. Umso wichtiger ist unsere strikte Ablehnung von Tieren als Geschenk, da der direkte Austausch mit künftigen Haltern unerlässlich ist. Genau deshalb ist diese Aufklärungsarbeit so wichtig, damit extreme Abgabewellen nach Feiertagen oder vor Urlaubszeiten ausbleiben. Nichtsdestotrotz führt die Konsummentalität dazu, dass Lebewesen oft wie Wegwerfware behandelt werden – obwohl sie genau wie wir Schmerz und Trauer spüren. Immer wieder werden Tiere – teils ungechippt – einfach ausgesetzt. Bei verurteilten Tätern fallen die Strafen oft zu milde aus: Im Fall des vernachlässigten Hundes „Patapouf“ (2024) zahlten die Halter je 750 Euro und erhielten ein 15-jähriges Haltungsverbot, doch offene Tierarztkosten von 1.100 Euro beschäftigen bis heute den Gerichtsvollzieher. Von staatlicher Seite – insbesondere der ALVA – fordern wir mehr Personal für Kontrollen und ein Ende der Geheimhaltung bei Tierschutzverstößen. Solche Realitäten zeigen, wie wichtig es ist, im Einzelfall auch einmal rigoros „Nein“ zu sagen.

Wie schwer fällt es Ihnen, Interessenten von einer Adoption abzuraten, und woran machen Sie unpassende Lebensumstände fest?

Menschen aktiv von einer Adoption abzuraten, kommt glücklicherweise selten vor. Häufiger diskutieren wir jedoch mit Senioren, die sich ein zu aktives Tier aussuchen, oder mit Personen ohne einen echten Notfallplan für unvorhergesehene Situationen. Da Tierschutztiere oft eine schwierige Vergangenheit haben, ist Passgenauigkeit entscheidend – ein ängstlicher Hund gehört beispielsweise nicht zu Kleinkindern. Mit der nötigen Erfahrung fällt das notwendige „Nein“ leicht, selbst bei drohender schlechter Nachrede. Das Wohl des Lebewesens steht über jeder Statistik. Passt kein Haustier, zeigen wir Alternativen auf, wie ehrenamtliches Engagement oder den Kontakt zu Tieren ohne eigene Halterverantwortung. Wer sich stattdessen im Ausland umsieht, steht vor ganz anderen Hürden.

Worauf sollten Interessenten bei Auslandsadoptionen besonders achten, und wie unterscheidet sich die Begleitung durch einen Verein hier in Luxemburg?

Seriöse Organisationen geben niemals Tiere ohne Schutzvertrag ab und garantieren die Rücknahme bei Verhaltensproblemen. Da die psychische und physische Vorgeschichte von Auslandstieren oft unbekannt ist, lauern im Alltag schnell unerwartete Herausforderungen – von unvorhersehbaren Krankheiten bis zu schwerem Stress. Kein Verein kann zwar absolute Gesundheit garantieren, aber ehrliche Organisationen klären transparent über bekannte Mängel auf. Oft fehlt bei Auslandstransporten jegliche Nachbetreuung: Wir übernahmen die Hündin Irma aus Griechenland, weil das Adoptivpaar nach fünf Jahren verstarb, die Haltung nicht altersgerecht war und der vermittelnde Verein nicht mehr existierte. Deshalb raten wir davon ab, Tiere unüberlegt zu importieren. Wer im Urlaub helfen möchte, sollte Fundtiere niemals eigenmächtig mitbringen, sondern den Weg über Fachstellen vor Ort wählen. Verantwortungsvolle Vermittler arbeiten mit lokalen Partnern für Vor- und Nachkontrollen zusammen, prüfen die Eignung per Fragebogen und bieten eine Probezeit an. Fehlen solche Kontrollen, stehen Halter im Ernstfall allein da und suchen am Ende doch Hilfe bei Tierheimen hier im Land.

Welches verinnerlichte Denkmuster muss sich ändern, damit Lebewesen nicht als Konsum- oder Mitleidsobjekte wahrgenommen werden?

Unsere moderne Gesellschaft verlangt Tempo, und Lebewesen sollen oft nur funktionieren. Viele Menschen bringen die nötige Geduld für eine langfristige Bindung nicht mehr auf. Tierschutztiere erfordern jedoch Zeit und Arbeit. Wer rein nach Optik entscheidet, verwechselt ein fühlendes Wesen mit einem Konsumartikel. Um diese Denkweise zu durchbrechen, braucht es frühe Sensibilisierung. In meinem Beruf als Grundschullehrerin frage ich Kinder oft, worauf sie stolz sind: Wahre Leistung kommt nicht vom Konsum, sondern von Geduld. Als Beispiel nenne ich dann unseren ängstlichen Labor-Beagle, bei dem wir zwei Jahre brauchten, um aus ihm einen fröhlichen Hund zu machen – ein Wert, den selbst Zehnjährige sofort verstehen. Da sich die Verantwortung auf bis zu zwanzig Jahre erstreckt, muss eine verlässliche Absicherung für unvorhergesehene Lebenslagen wie Scheidung oder Umzug von Beginn an existieren. Solange Lebewesen wie Ware gehandelt werden und für Halter kein allgemeiner Sachkundenachweis verpflichtend ist – den es sonst nur für sogenannte Listenhunde gibt –, wird das Leid trotz Gesetzen fortbestehen. Hier müssen auch Politik und Industrie endlich umdenken.

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