Nachwirkungen der Lëtzebuerger Filmpräisser

Sophie Mousel prangerte Machtmissbrauch im Filmsektor an, jetzt reagiert das Kulturministerium

Die Schauspielerin Sophie Mousel sprach bei der Verleihung der „Lëtzebuerger Filmpräisser 2025“ über Machtmissbrauch im Filmsektor. Ein tragisches Dauerthema, zu dem sich jetzt sowohl die Abgeordnete Djuna Bernard als auch Kulturminister Eric Thill äußern.

Schauspielerin Sophie Mousel bei Lëtzebuerger Filmpräisser 2025, spricht über Machtmissbrauch im Filmsektor

Die Schauspielerin Sophie Mousel bei der Verleihung der „Lëtzebuerger Filmpräisser 2025“: Sie verwies in ihrer Rede auf Machtmissbrauch im Filmsektor Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Preisregen, Freudentränen und die harte Wahrheit: Bei der Verleihung der „Lëtzebuerger Filmpräisser 2025“ nutzte die Schauspielerin Sophie Mousel ihre Dankesrede für den Kampf gegen Machtmissbrauch im Filmsektor. Die Darstellerin, ausgezeichnet für ihre Hauptrolle in „Läif a Séil“, spielte auf die teils problematischen Arbeitsumstände an. Das betrifft nicht nur Hollywood, sondern auch Luxemburg.

Die Abgeordnete Djuna Bernard („déi gréng“) erinnert in einer parlamentarischen Frage an Kulturminister Eric Thill (DP) an Mousels Auftritt: „Diese Aussagen verdeutlichen die Verletzlichkeit (...) von Frauen, insbesondere von jungen Berufstätigen, in einem Sektor, der durch strenge Hierarchien, eine hohe Abhängigkeit vom Ruf und oft prekäre Verträge gekennzeichnet ist.“ Im Gespräch mit dem Tageblatt fügt sie dem bei, der Luxemburger Markt sei überschaubar – das verschärfe die Situation, denn oft würden Betroffene von einer Anzeige absehen, um ihre Jobchancen nicht zu gefährden.

Die Beobachtung teilt Eric Thill in seiner Antwort an Bernard: „Dem Kulturministerium wurden bisher nur (...) wenige Fälle gemeldet. Die Regierung ist sich jedoch bewusst, dass in einem kleinen Kultursektor wie dem luxemburgischen die Angst vor dem Verlust der Anonymität oder vor Abstrafung ein großes strukturelles Hindernis bei der Anzeige von Vorfällen darstellt.“

In Luxemburg blieben die großen Skandale im Zuge der #metoo-Debatte tatsächlich bisher aus. Hinter vorgehaltener Hand packten Betroffene im Austausch mit der Wochenzeitung woxx aber 2022 aus: Sie sprachen über Sexismus, unangenehme Annäherungsversuche – vor allem durch internationale Regisseure – oder von offenen Geheimnissen der Luxemburger Kulturszene. 2017 wurde die private Facebook-Gruppe #echoch gegründet, die zeitweise 200 Mitglieder (Stand: 2022) zählte. „Es wurden hauptsächlich Artikel geteilt“, hieß es. Heute ist die Gruppe unauffindbar. Die Problematik besteht hingegen fort.

Öffentliche Stellungnahmen zu Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt im Kultursektor, wie die Rede von Sophie Mousel, bleiben in Luxemburg also eher selten. Und das wiederum verleitet dazu, sich Bernards Frage an Thill anzuschließen: Was unternimmt die Regierung konkret, um dem Machtmissbrauch im Filmsektor entgegenzuwirken?

Null-Toleranz-Politik und Fortbildungen

„Wir verfolgen in dem Bereich eine Null-Toleranz-Politik“, antwortet Thill. Weiter geht es mit dem Verweis auf Initiativen des Film Fund Luxembourg, den das Kulturministerium 2026 mit über 36 Millionen Euro bezuschusst. Der Film Fund organisiere seit 2024 Weiterbildungen gegen Mobbing, sexistische und sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz. „Die Schulungen richten sich an die Berufstätigen des Sektors“, so der Kulturminister, „und die Teilnahme ist verpflichtend für Produzenten, die Fördermittel des Fonds erhalten möchten.“ Der Website des Film Fund ist zu entnehmen: Das soll auch 2026 so bleiben.

Die luxemburgische Filmindustrie bleibt von sexistischer und sexueller Gewalt, darunter auch schwerwiegende Fälle, nicht verschont

Marie Becker und Marilyn Baldeck

Seminarleiterinnen, über Erkenntnisse im Rahmen der Schulungen vom Film Fund Luxembourg

Abgeordnete Djuna Bernard (déi Gréng) spricht über neuen KEP zur Bekämpfung von Machtmissbrauch im Parlament

Die Abgeordnete Djuna Bernard (Grüne) hofft, dass der neue KEP dem Kampf gegen Machtmissbrauch Rechnung trägt Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Warum das erwähnenswert ist? Weil die hiesige Filmbranche auf die Finanzspritzen des Film Fund angewiesen ist. Das legen Zahlen des Statistikers Philippe Robin nahe, die er 2024 bei den „Assises sectorielles de la production visuelle“ vorstellte. Ein Auszug: 2023 wurden 80 Prozent der Luxemburger (Ko-)Produktionen vom Film Fund teilfinanziert.

Thill fasst den Inhalt der Schulungen zusammen: Die Teilnehmenden werden über ihre Rechte, Pflichten und Verteidigungsmittel aufgeklärt. 176 Beschäftigte aus dem Filmsektor beteiligten sich bisher an den Weiterbildungen, schreibt der Minister weiter.

In dem Rahmen wurde zudem ein Handbuch ausgearbeitet. Die Broschüre klärt unter anderem über Begrifflichkeiten auf, enthält eine Zusammenfassung der Seminare und den Kontakt zu Anlaufstellen für Betroffene. Sie steht auf der Website des Film Fund zum Herunterladen bereit. In der „Note d’intention“ der zuständigen Seminarleiterinnen Marie Becker (Cabinet Aequality) und Marilyn Baldeck (Cabinet Essaimer) ist nachzulesen: „Die Erfahrungsberichte, die wir während der ersten Schulungen gesammelt (…) haben, brachten eine ebenso vorhersehbare wie unerträgliche Realität ans Licht: Die luxemburgische Filmindustrie bleibt von sexistischer und sexueller Gewalt, darunter auch schwerwiegende Fälle, nicht verschont.“ Eine Erkenntnis, die sich 2025 wiederholte. Und das obwohl – laut Thill – mehrere audiovisuelle Produktionsfirmen bei Dreharbeiten in Luxemburg über interne Ansprechpersonen verfügen, um Missbrauch und Mobbing vorzubeugen.

Ansprechpersonen und Charta

Das Kultusministerium selbst biete derweil ebenfalls Fortbildungen zur Mobbingprävention und zu „safe spaces“ für Angestellte und Führungskräfte im Kultursektor an. Zusätzlich arbeite das Ministerium eng mit den Dachverbänden zusammen. Darüber hinaus zähle der Film Fund zu den Unterzeichnenden der „Charte de déontologie“ für Kultureinrichtungen, die das Kulturministerium – damals noch unter der Ministerin Sam Tanson („déi gréng“) – 2022 einführte. Wer die Charta unterstützt, spricht sich unter anderem für eine respektvolle Zusammenarbeit aus. „Das Deontologie-Komitee des Ministeriums gilt im Kultursektor als Anlaufstelle, um Missbrauch oder Verstöße gegen die Charta zu melden“, erklärt Thill. In dem Zusammenhang nennt er auch das „Centre national pour victimes de la violence“ (CNVV) und die Plattform Unmute Power Abuse.

Richtet sich das CNVV an alle Betroffenen von Gewalt, zielt Unmute Power Abuse vor allem auf die Bühnenkunst ab. Die Informationsstelle wurde Ende 2022 auf Wunsch des Tanzsektors gegründet und dient unter anderem der Aufklärung und dem Austausch zu Gewaltformen im Sektor. Das Trois C-L, das Neimënster sowie die „Association luxembourgeoise des professionnel-le-s du spectacle vivant“ und die Theater Federatioun schlossen sich dafür zusammen.

Djuna Bernard hinterfragt im Gespräch mit dem Tageblatt, ob das bestehende Angebot ausreicht. Die Kulturschaffenden seien durch die besonderen Arbeitsbedingungen, wie in ihrer parlamentarischen Anfrage bereits erwähnt, immerhin einem erhöhten Risiko ausgeliefert. Sie spricht den aktuellen Kulturentwicklungsplan an, der 2028 ausläuft. Der Kampf gegen Machtmissbrauch spielt dort keine Rolle. „Das muss sich bei der Ausarbeitung des KEP 2.0 ändern“, findet Bernard. „Die Gesellschaft hat sich seit der Präsentation des KEP im Jahr 2017 – zum Glück – dahingehend weiterentwickelt. Uns liegen heute neue Erkenntnisse zum Thema vor und dem muss die Neuauflage des KEP Rechnung tragen.“

Alle Zitate wurden vom Französischen ins Deutsche übersetzt.

1 Kommentare
Manfred Reinertz Barriera 15.01.202614:21 Uhr

Dieser Minister ist nur gut zum Labern, das ist auch alles, was man von ihm erwarten kann, minus Habens, Setzen hätte mein alter Lehrer gesagt!

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