Domaine Tageblatt

Soll sich der Staat in die Trinkgewohnheiten der Bürger einmischen?

Luxemburg nimmt 2026 offiziell am Dry January teil. Dass ein Verzicht auf Alkohol, auch wenn er lediglich vorübergehend ist, der Gesundheit guttut, ist bewiesen. Aber gibt das dem Staat das Recht, sich in die Trinkgewohnheiten der Bürger einzumischen? Hier gehen die Meinungen auseinander.

Glas mit rotem Wein vor trockenem Januar Konzept – Entscheidung für alkoholfreien Monat

Wein oder nicht Wein? Diese Frage stellen sich einige im Dry January. Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Manch einer mag über die Feiertage ein Glas Wein mehr als sonst getrunken haben und nimmt sich deswegen zum Jahresanfang vor, mehr auf seine Gesundheit zu achten. Ein Trend ist dabei der 2013 in England erfundene Dry January – der komplette Verzicht auf Alkohol im Januar. Luxemburg nimmt 2026 zum ersten Mal offiziell daran teil, unterstützt durch das Gesundheitsministerium. Winzer kritisieren jedoch die Einmischung des Staates.

„Das einzige, was uns missfällt, ist die Kommunikation. Wenn man sagt, der erste Tropfen Alkohol ist bereits tödlich, ist das eine Lüge“, sagt André Mehlen, Generaldirektor der Domaines Vinsmoselle. Die Argumentation sei zu ideologisch. „Überspitzt gesagt kommt man sich fast wie ein Drogendealer vor, wenn man eine Flasche Wein verkauft.“ Laut ihm sei es schwer, die Auswirkungen des Dry January in Zahlen zu fassen. „Die Bestellungen sind im Januar weniger, doch das kann ein Effekt sein, weil große Läden im Dezember viel einkaufen.“ Insgesamt spüre man einen Trend hin zu weniger Konsum. „Eine leichte Zunahme bei der Nachfrage nach alkoholfreien Weinen ist im Januar klar. Wir machen damit im Januar auch Werbung, weil wir eben wissen, dass manche Leute in diesem Monat weniger trinken wollen.“ Es sei bekanntlich gesund, weniger zu trinken, so Mehlen.

Porträt von André Mehlen, der seine Kritik an der strengen Regierungspolitik gegen Alkoholkonsum äußert

„Wir wollen die Leute nicht zum Trinken verführen, doch die Regierung drückt das Ganze zu sehr in eine extreme Richtung“, sagt André Mehlen Foto: Editpress/Herbert Becker

Eine Pause vom Alkohol hilft

Das weiß auch Aka Bamberger vom „Centre national de prévention des addictions“ (Cnapa): „Der Dry January ist zu Beginn des Jahres eine gute Möglichkeit, um was für seinen eigenen Körper zu tun.“ Eine Pause vom Alkohol führe bereits kurzfristig zu verbesserten Leberwerten und Insulinresistenz sowie zu einer Reduzierung von krebserregenden Faktoren. Nach etwa 15 Tagen verbessere sich der Schlaf, die Konzentration und das Hautbild. „Es ist auch für mich selbst eine gute Gelegenheit zu schauen, wie ich zum Alkohol stehe, wie schwer fällt es mir, aufzuhören?“, so Bamberger. Wem der Verzicht schwerfalle, der solle sich überlegen, sich Hilfe zu suchen. Langfristig würden etwa 60 Prozent der Teilnehmer am Dry January auch weiterhin weniger trinken. Doch auch eine Abstinenz nur im Januar hilft schon. „Tatsächlich zeigen diese 30 Tage bereits Wirkung.“

Aka Bamberger vom CNAPA spricht über individuelle Trinkgewohnheiten als persönliche Entscheidung

Aka Bamberger (Cnapa) zufolge ist die eigene Trinkgewohnheit eine „sehr persönliche Entscheidung“ Foto: Cnapa

Denen, die langfristig ihren Alkoholkonsum überdenken wollen, rät Bamberger, alkoholfreie Alternativen auszuprobieren. Man wisse aus der Forschung, dass bereits ein moderater Konsum gesundheitsschädigend und krebserregend sei. Wer wenig Risiko eingehen will, soll den Konsum reduzieren: „Da sind wir – je nach Land – bei einer Empfehlung von ein bis zwei Drinks pro Woche.“ Komplett risikolos sei jedoch nur ein vollständiger Verzicht.

Alkoholfreier Wein ist marginal

Alkoholfreie Alternativen sind bei den Kunden von Salvatore Pica, Gründer der Weinbar „Drupi’s“ in Esch, nicht sehr gefragt. „Bei mir im Geschäft bleibt die Nachfrage nach alkoholfreiem Wein marginal.“ Er habe aber einige Kunden mehr, die im Januar nach alkoholfreiem Bier fragen. Der Dry January sei als „Weinhändler nicht gut.“ Aber: „Als normale Person muss man natürlich mit Verstand und Gewissen konsumieren“, so der Gastronom, der in den ersten beiden Januarwochen ohnehin einen Rückgang beim Konsum spürt. „Die ersten zwei Wochen im Januar sind bei uns quasi inexistent.“ Daher schließt er sein Geschäft in der Regel Anfang Januar.

Salvatore Pica spricht über stabile Geschäftsentwicklung im Januar trotz Herausforderungen im Markt

Salvatore Pica spürt wenig Auswirkungen auf das Geschäft im Januar Foto: Editpress/Alain Richard

Dass im Januar ohnehin weniger getrunken werde, kann auch Winzer Jeff Konsbrück bestätigen. Ob die offizielle Teilnahme am Dry January einen Einfluss auf das Geschäft habe, kann er noch nicht sagen. „Der Januar hat gerade erst begonnen. Ich kann jetzt noch nichts zu den Auswirkungen des Dry January auf das Geschäft sagen“, so der Vizepräsident der Privatwinzer. Persönlich habe er nichts gegen den Dry January. „In meinen Augen ist jeder frei, zu tun, wie er will.“ Er wisse jedoch nicht, ob es gut sei, dass der Staat sich einmischt.

Für Aka Bamberger hat die offizielle Teilnahme an der Initiative aber einige Vorteile. „Das Besondere ist, dass wir die App haben.“ Zusammen mit anderen Tools, wie E-Mails und der Facebook-Seite, verdopple sich die Chance, für einen erfolgreichen Dry January. „Noch dazu profitieren wir von dem großen Erfahrungsschatz aus England.“ Man könne auch eine anonymisierte Auswertung der Daten aus der App durchführen. „Und wir dürfen den offiziellen Namen verwenden, den viele schon kennen“, so Bamberger.

Wer sich dazu entschließt, am Dry January teilzunehmen, dem rät die Suchtberaterin, sich einige Antworten zurechtzulegen, für den Fall, dass einem Alkohol angeboten wird. Auf der Facebook-Seite des Dry January in Luxemburg finden sich Anregungen. Als „Sober Shaming“ bezeichnet Bamberger das Phänomen, dass Menschen, die keinen Alkohol trinken, häufig mit Sprüchen wie „Bist du schwanger?“ oder „Wie langweilig bist du denn?“ konfrontiert werden und sich dadurch unwohl fühlen.

Winzer Jeff Konsbrück spricht über die unklare Wirkung des Dry January auf den Weinabsatz

Winzer Jeff Konsbrück kann die Auswirkungen des Dry January noch nicht einschätzen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

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5 Kommentare
Dunord Hagar 08.01.202606:16 Uhr

Dat do ass erem esou eng kollektiv Verarschung vun iergendwelchen selbsternannten Prediger an Influencer fir d‘Leit zu eppes ze konditionéieren an stigmatiséieren. Wann d‘Fuesend géif an de Januar falen, géif kee Mensch dovunner schwätzen.

HeWhoCannotBeNamed 07.01.202617:48 Uhr

Man könnte den Dry January auch als eine Art Selbstreinigungs-Ritual ansehen, das mittlerweile genauso ein gesellschaftliches Phänomen geworden ist wie das kollektive Betrinken im Dezember. Und auch wenn es noch einen Rest Selbstbestimmung gibt : die aktuellen staatlichen Kampagnen stellen sehr wohl einen "Nudge" dar - einen Anstoß, der die Menschen dazu animieren soll, nach einem bestimmten Muster zu handeln.

Guy Mathey 07.01.202617:16 Uhr

Also ich finde die Dry January Initiative positiv, ja, absolut begrüssenswert. Dabei handelt es sich bekanntermassen um eine sinnvolle Empfehlung im Interesse der Konsument*innen und deren Gesundheit, keineswegs um eine "Einmischung seitens des Staates".
Ein Leben ganz ohne Alkohol bietet einfach mehr Lebensqualität, diese Initiative kann einen guten Einstieg in einen völligen Alkoholverzicht darstellen. Einfach mal probieren, meiner persönlichen Erfahrung nach, absolut empfehlenswert. Wenn jetzt einige Produzenten alkoholischer Getränke über diese Initiative lamentieren, so verdeutlicht dies lediglich, dass ihnen die Innovationskraft fehlt, neue alkoholfreie Produkte zu entwickeln, welche dem aktuellen Markttrend entsprechen.

JJ 07.01.202612:02 Uhr

"Dass ein Verzicht auf Alkohol, auch wenn er lediglich vorübergehend ist, der Gesundheit guttut, ist bewiesen." Wussten sie denn auch dass Alkohol gut für die Gesundheit ist.Ein Glas Rotwein soll ja durch seine Inhaltsstoffe Herz fördernd sein und vieles mehr. Es ist wie beim Essen. Die Menge bestimmt ob wir uns gerade Gutes tun oder dabei sind uns umzubringen. Alkohol ist natürlich eine Droge und ein heftiges Gift wenn man die Dosis nicht einhält. 6000 vor Christus erfanden die Sumerer das Bier,also zur gleichen Zeit als Gott die Welt erschuf.( laut Bischof Usher ) Ein Genuss-und Rauschmittel war immer willkommen beim Homo Sapiens. Es hängt von ihm ab ob er ins Komasaufen absinkt oder eben Genießer bleibt.

Andre Mehlen hat Recht. Der Staat soll seine Bevormundung nicht zu sehr übertreiben.Die Kassen werden gut durch Alkoholsteuer gefüllt,idealer Weise auch vom Ausland. Der Alkohol/Tabak und Tanktourismus tragen seit 40 Jahren einen guten Teil zu unserem Wohlstand bei.

Christian Muller 07.01.202611:02 Uhr

De Staat mëscht sech jo guer net an d'Gewunnechte vu senge Bierger an. Jiddereen däerf dach, Dry January oder net, monter weiderdrénken.

Dat alles ass just eng Sensibiliséierungscampagne, déi op d'Gefore vum Alkohol hiweist an d'Leit encouragéiert, ee Mount Paus ze maachen - fräiwëlleg ?????

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