Théâtre du Centaure Luxemburg
„Seven Methods of Killing Kylie Jenner“ thematisiert Rassismus, Online-Hetze und Privilegien
Niemand hat die Absicht, Kylie Jenner zu töten, aber: Das Theaterstück „Seven Methods of Killing Kylie Jenner“ konfrontiert das Publikum unter anderem mit strukturellem Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Es hält ihm aber auch den Spiegel vor. Über ernste Debatten mit popkulturellem Anstrich.
Entführen das Publikum in die Abgründe des Internets (v.l.n.r.): Céline Camara, Marie-Christiane Nishimwe und Nora Zrika Foto: Bohumil Kostohryz
„At 21, Kylie Jenner becomes the youngest self-made billionaire ever.“ Die Nachricht vom Wirtschaftsmagazin Forbes sorgte 2019 für Furore. Vor allem das Wörtchen „self-made“ erhitzte die Gemüter. Jenner, Jungunternehmerin und Teil des Kardashian-Clans, wurde öffentlich zerfetzt. „Jenner wurde in Reichtum und Ruhm hineingeboren“, stellten kritische Stimmen richtig. Nix „self-made“. Die britische Dramatikerin Jasmine Lee-Jones nutzte die Polemik als Vorlage für ihr Debüt „Seven Methods of Killing Kylie Jenner“ (2019). Jetzt ist das Theaterstück in Luxemburg zu sehen, inszeniert von Anne Simon.
Warum Kylie Jenner?
Wem der Doppelname Kardashian-Jenner kein Begriff ist: Die amerikanische Unternehmerfamilie mutierte durch die Reality-Show „Keeping Up with the Kardashians“ zum Popkult. 2025 schätzte Forbes Kylie Jenners Vermögen auf rund 670 Millionen US-Dollar.
Ein Reichtum, der Jasmine Lee-Jones’ Hauptfigur Cleo – in Luxemburg gespielt von Céline Camara – auf die Palme treibt. Cleo hockt in ihrem Zimmer, schreibt an ihrer Dissertation zu strukturellem Rassismus, als sie über die Meldung stolpert. Besonders das Wort „self-made“ gibt ihr den Rest: Als weibliche Person of Colour (POC), deren Leben einem einzigen Kampf gleichkommt, fühlt sie sich verarscht. Cleo tippt drauf los, macht ihrem Frust durch anonyme Posts auf Twitter (heute „X“) Luft. Der Hashtag #kyliejennerfidead schlägt ein. Die rassistische Gegenrede folgt prompt. Cleo wird zur Zielscheibe.
Der Twitterbird, in Luxemburg Marie-Christiane Nishimwe, zwitschert die Hassbeiträge im Operetten-Stil. Klingt schräg? Ist es auch. Anfangs ist Nishimwes Gesang noch unterhaltsam. Später schreckt das Publikum auf, wenn sie mit schriller Stimme das Wort ergreift. Die anderen Figuren schließen sich ihr an. Gemeinsam verheddern sie sich im Netz. Wortwörtlich. Dafür sorgt Lynn Kelders mit dem passenden Bühnenbild. Online-Hetze und das unaufhörliche Gezeter aus dem World Wide Web werden erfahrbar. Der Untergang im Shitstorm ebenso.
Trotzdem steht Cleo zu ihren brutalen Gewaltvorstellungen. Für sie ist Jenner Sinnbild einer zutiefst rassistischen, ungleichen Gesellschaft. Ihr Vermögen, das mit ihrer Herkunft zusammenhängt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Was Cleo eigentlich anwidert, sind Privilegien, Stereotypen, kulturelle Aneignung, Frauenfeindlichkeit, Rassismus in all seinen Formen.
Lustig, aber komplex
Harte Themen, die Jasmine Lee-Jones dekonstruiert. Mit einem Augenzwinkern. Das Publikum im Théâtre du Centaure brach am Wochenende mehrmals in Gelächter aus und staunte über Céline Camaras beeindruckende Rap-Skills, die jede noch so krasse Mordvorstellung zum tanzbaren Track machen. Ähnliches gilt für den Austausch zwischen Cleo und ihrer queeren besten Freundin Kara, gespielt von Nora Zrika: Camara und Zrika überzeugen in jeder Hinsicht, sorgen zugleich für Lacher und betretenes Schweigen.

Céline Camara überrascht mit ihren Rap-Skills und beweist erneut ihr Schauspieltalent Foto: Bohumil Kostohryz
Cleo und Kara sind beide POC. Nur anders. Ihr Schlagabtausch führt die tausend Gesichter von Rassismus, Queer- und Frauenfeindlichkeit vor. Auch innerhalb marginalisierter Communities – und Freundschaften. „Der strukturelle Rassismus ist systemisch und daher in allen Lebensbereichen präsent“, sagt Céline Camara in einem Interview auf finkaperoots.com dazu. Das Stück hebe hervor, dass Rassismus „sich in der Beziehung zu sich selbst, in der Intimität, in der Freundschaft“ festsetze. „Das Stück ermöglicht es, mit dem Schweigen über den durch Schönheitsideale kultivierten Selbsthass zu brechen, über unsichtbare Ausgrenzung und den Hass im Internet zu sprechen“, so Camara. „Es ist humorvoll und enthält auch bissige Momente. (...) Es bringt uns zusammen, um dazuzulernen – und vielleicht auch, um zu heilen.“
Camara verweist auf eine weitere Stärke des Stückes: Jasmine Lee-Jones gibt Widersprüchen Raum. Cleo und Kara machen Fehler, sind komplexe und verletzliche Figuren. Das Stück spielt mit Kontrasten und wirft Grundsatzfragen auf. Wann ist Hass legitim? Gibt es vertretbare Mordfantasien? Und untergraben Fehler aus der Vergangenheit die eigene Glaubwürdigkeit bis in alle Ewigkeit?
Kurz erklärt
GIFs (Graphics Interchange Format) sind Kurzvideos – meist ohne Ton –, die in Online-Konversationen eingesetzt werden. Oft zeigen sie ikonische Filmszenen oder populäre Bilder/Videos aus dem Internet.
Der Humor und der Biss, die Camara anspricht, waren Jasmine Lee-Jones dabei ein Anliegen. „Ich wusste, dass kulturelle Aneignung ein großes Thema ist, zu dem jeder eine Meinung hat und das polarisieren kann. [Durch Comedy] kann man Menschen dazu bringen, auf eine andere Art und Weise zuzuhören“, kommentiert sie das Drehbuch in einem Interview mit The Guardian. „Ich wollte die Gespräche mit meinen Freunden spiegeln: Wir können über ernste Themen sprechen, und dann sagt einer von uns ‚Oh mein Gott, ich habe vergessen, dir zu erzählen ...‘ – und plötzlich wird das Gespräch locker, scherzhafter.“
Dazu passt: Das Stück strotzt vor Online-Jargon – keine Angst, das Programmheft hält ein Wörterliste für Internet-Muffel bereit. Eine Erklärung zu den GIFs*, die das Bühnenbild bereichern, bleibt hingegen aus. Zum Leidwesen eines Publikums, das nicht mit diesem Internetphänomen vertraut ist. Dramaturgisch leuchtet der Rückgriff auf GIFs ein, denn die Kurzvideos sind aus Online-Gesprächen nicht mehr wegzudenken. Sie gehören in ein Stück, in dem die digitale Kommunikation Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist. Hinzu kommt: Es bestehen Diskussionen zur Popularität von GIFs, die POC abbilden. Manche erkennen darin die Fortsetzung rassistischer Karikaturen und der Herabwürdigung von POC. Die GIFs sind in dem Stück also kein belangloses Gimmick.

Fühlen sich vom Publikum ertappt: Cleo (l.) und Kara (r.) am Ende des Stücks Foto: Bohumil Kostohryz
Genauso wenig wie die Hommage an die historische Figur Saartje Baartman. Cleo hält eins der Kissen hoch, die auf der Bühne als Projektionsfläche dienen: Baartman erscheint. Die Südafrikanerin, 1789 geboren, wurde nach Europa verschleppt und unter anderem als Kuriosität herumgereicht, bevor sie 1815 starb. In der Folge wurde ihr Körper verstärkt zum Forschungs- und Ausstellungsobjekt – bis Baartman nach langjährigen Forderungen Südafrikas 2002 die letzte Ehre erwiesen und ihre Gebeine in Hankey beigesetzt wurden.
Eine Geschichte, die Bände spricht: Baartman führt den Horror vor, dem POC seit Jahrtausenden ausgesetzt sind. Von der Hypersexualisierung bis zur Entmenschlichung. Cleo fühlt sich Baartman verbunden. Besonders, wenn sie mit Kara an einem Joint zieht. Am Ende sind beide high – und die vierte Wand, also die Barriere zwischen Publikum und Bühne, zerbricht. Cleo und Kara starren in die Zuschauerränge. „What are you going to do now? Clap?“, fragt Kara. Und der Raum versinkt – zu Recht – in tosendem Applaus.
Weitere Vorführungen von „Seven Methods of Killing Kylie Jenner“: 20.-23. Januar + 25. Januar im Théâtre du Centaure in Luxemburg-Stadt; 5.+6. Februar im CAPe Ettelbrück; 6.+7. März im Kinneksbond Mamer.