Ausstellung

Rumble im Minett – 50 Jahre Boxen im Luxemburger Süden

Bis in die frühen 80er Jahre boomte das Boxen hierzulande. Der Dokumentarfilmer und Rapper Alain Tshinza zeigt im Escher Theater eine Ausstellung über den Faustkampf im Minett von 1975 bis 2025 – mit historischen Fotos von Remo und Patrick Raffaelli und aktuellen von Paulo Lobo. Sie ist nicht zuletzt eine Hommage an jene kongolesischen Boxer, die damals nach Luxemburg kamen.

Clément Tshinza gegen José Hernandez im Oktober 1982 in Esch

Clément Tshinza gegen José Hernandez im Oktober 1982 in Esch Foto: Remo/Patrick Raffaelli

Begonnen hat alles, als Alain Tshinza im Speicher des elterlichen Hauses einen Bildband mit Sportfotos entdeckte. Die Fotos aus den 70er und 80er Jahren stammten von Remo und Patrick Raffaelli. Die beiden Escher, Vater und Sohn, hatten 1982 das Buch „Sport“ für das „Comité olympique et sportif luxembourgeois“ (COSL) veröffentlicht, für das sie unterschiedliche Sportarten fotografiert hatten, darunter auch das Boxen. Unter den Fotos entdeckte Tshinza eines von seinem Vater. „Das war für mich der Anfang“, sagt der Kurator der Expo „Mir boxen“, die ab 8. Januar im Escher Theater zu sehen ist. Vor allem war es der Start für umfangreiche Recherchen über den Boxsport und die kongolesischen Boxer, die ab 1970 nach Luxemburg kamen, um ihr Glück im Ring zu versuchen. Darunter Tshinzas Vater Clément Tshinza.

Die große Zeit des Boxens in Luxemburg hatte zwar schon früher begonnen, aber der Boom hielt noch an. In Erinnerung bleibt unter anderem der mehrfache Landesmeister Ray Philippe. Er hatte bereits als Amateur von 1952 bis 1961 in 85 Kämpfen 45-mal gewonnen. Als Profi boxte er bis 1973 in 67 Kämpfen und gewann davon 35. Am 28. Juni 1965 trat er auf Limpertsberg um den Europameistertitel im Superweltergewicht in den Ring, um den Titelverteidiger Bruno Visintin herauszufordern. Der Italiener gewann nur knapp. Philippe kam 1977 bei einem Autounfall im Alter von 38 Jahren ums Leben.

Es sind Geschichten, die Patrick Raffaelli kennt. „Schon früh begleitete ich meinen Vater zu allen möglichen Sportveranstaltungen und schaute ihm bei der Arbeit zu“, erzählt er. „Ich war damals sieben oder acht Jahre alt. Das Fotografieren interessierte mich. Es gibt so viele unterschiedliche Arten. Am meisten faszinierte mich die Sportfotografie.“ Sein im März 2020 im Alter von 78 Jahren verstorbener Vater Remo war darin Profi. Er arbeitete für den Républicain Lorrain ebenso wie fürs Tageblatt. Patrick erlernte bei ihm das Metier von der Pike auf, begleitete seinen Vater auf den Fußballplatz wie auch an den Boxring.

Etwa ein Dutzend kongolesische Boxer waren in den 70er und 80er Jahren in Luxemburg aktiv

Etwa ein Dutzend kongolesische Boxer waren in den 70er und 80er Jahren in Luxemburg aktiv Foto: Remo/Patrick Raffaelli

„In der Sportfotografie kommt es besonders darauf an, die Bewegung des Sportlers im Voraus zu erahnen“, erklärt er. Antizipieren, den richtigen Moment finden – so wie beim Boxen. Nirgendwo sonst liege Vernichtung und Triumph so dicht beieinander wie im Boxen, schrieb einmal Wolf Wondratschek, einer jener nicht wenigen von dem Kampfsport begeisterten Schriftsteller, der dem Boxen mit „Im Dickicht der Fäuste“ ein ganzes Buch widmete und der Boxen als „Urschrei“ bezeichnete, als einen Kompromiss, „den eine mörderische Gesellschaft eingeht mit ihren Opfern“. Andere Boxfans unter den Autoren waren zum Beispiel Bertolt Brecht, Ernest Hemingway und Julio Cortázar. Eines der besten Bücher über das Boxen stammte von einer Frau: „On Boxing“ von Joyce Carol Oates.

Boxen als Jahrmarktattraktion, hier auf der Escher Kirmes in den 70ern

Boxen als Jahrmarktattraktion, hier auf der Escher Kirmes in den 70ern Foto: Remo Raffaelli

Der größte Kampf aller Zeiten

Als den „noblen“ Sport würdigt Alain Tshinza das Boxen, das sein Vater seit seiner Jugend im Kongo ausübte. „Er war allgemein ein guter Sportler, aber schließlich wurde er Boxer.“ Dazu noch ein sehr guter. Der 1948 in Lubumbashi geborene Clément Tshinza, der ein katholisches Internat besuchte, bekam von einem Priester Boxtraining und begann mit 15 Jahren intensiv zu trainieren. Von seinen 50 Siegen gelangen ihm 23 per K.o. Unter anderem gewann er in seiner Geburtsheimat. Diese wurde in dem an Mythen reichen Boxsport zum Schauplatz des größten Kampfes aller Zeiten: dem „Rumble in the Jungle“ am 30. Oktober 1974 zwischen Muhammad Ali und George Foreman vor hunderttausend frenetischen Zuschauern in Kinshasa, Hauptstadt von Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. In dem 1997 Oscar-prämierten Dokumentarfilm „When We Were Kings“ von Leon Gast wird nicht nur das Spektakel selbst, sondern Ausschnitte aus dem Konzert von Miriam Makeba, James Brown und B.B. King im Begleitprogramm. Der Kampf wurde zudem von dem US-Schriftsteller Norman Mailer beschrieben und literarisch geadelt in dem Buch „The Fight“. Vor Ort in Kinshasa war damals auch Clément Tshinza, der im Vorprogramm gegen Antoine Oké aus Benin kämpfte und diesen in der neunten Runde besiegte.

„Boxen ist eine der reinsten Kampfsportarten. Du hast nur deine beiden Fäuste“, erklärt Alain Tshinza, warum Boxen bis heute eine große Faszination ausübt. „Dieser Sport geht zurück zur Basis: Schlagen oder Nichtgeschlagen-werden.“ Er spricht über die kulturelle Bedeutung des Kampfes: „Es ist die perfekte Metapher des Lebens.“ Die einen können mit Boxen nichts anfangen, die anderen bewundern die Technik der Kämpfer und die Ästhetik ihres Sports – den archaischen Zweikampf, die Nähe von Kampf und Tanz, die Anmut und Rhythmik der Bewegung, was Erinnerungen an die tänzelnden Schritte von Muhammad Ali weckt. „Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“, beschrieb dieser seinen eigenen leichtfüßigen und eleganten Stil.

Hinzu kommt der ewig währende Traum vom Aufstieg, der in zahllosen Geschichten erzählt wird. Nicht wenige Boxer kamen aus sozial schwierigen Verhältnissen, hatten kaum bis keine Perspektive. Sie trainierten, um ihren Traum zu verwirklichen und einmal Champion zu sein. Der erste kongolesische Boxer, der nach Luxemburg kam, war Marc Mabenga im Jahr 1970. Der Weltergewichtler boxte in Esch und wurde von dem Geschäftsmann und Boxpromoter Nico Boes engagiert. Nach dem achten Kampf in Lille war seine Karriere beendet. Mabenga fand übrigens eine Anstellung in der Druckerei des Tageblatt.

Als Clément Tshinza, damals Anfang 20 und zuvor eine Zeit lang in Spanien und Frankreich, 1971 in Luxemburg ankam, wurde auch er von Boes eingestellt. „Unter seinem Laden im Keller war ein Raum fürs Training“, weiß Alain Tshinza, „und oben wohnten die Boxer in einem Appartement in der rue de l’Alzette 111.“ Sein Vater boxte bis 1983 und wurde einer der besten Boxer des Landes. Etwa ein Dutzend Faustkämpfer aus der kongolesischen Diaspora – der Dritte war nach Tshinzas Informationen Shako Mamba – kämpften in Luxemburg zu jener Zeit, sagt der Filmemacher, der mit der Doku „Hamilius“ (2010) über die Geschichte der luxemburgischen Hip-Hop-Szene erfolgreich für Aufsehen sorgte, nachdem er sich bereits als Rapper einen Namen gemacht hatte.

Box-Gala in Differdingen im April 2025

Box-Gala in Differdingen im April 2025 Foto: Paulo Lobo

Tshinzas Recherchen über die Boxszene standen am Anfang seiner Arbeiten an einem Filmprojekt über das Thema. „Ich wollte es schon immer angehen, weil ich über meinen Vater eine persönliche Verbindung dazu hatte“, erklärt er. „Mir boxen“ ist Teil des Film- und Multimediaprojekts „Boxing Stories“. Der Dokumentarfilm befinde sich im Endspurt der Produktion, sagt Tshinza. Produziert wurde er vom Filmfonds, während Tshinza als Co-Produzent fungiert (neben Alexandra Hoesdorff von Deal Productions sowie Cohacy Studio). Die Arbeiten an dem Projekt begannen 2020, also im ersten Jahr der Covid-Pandemie. „Für viele Boxer war der Sport der einzige Ausweg, sie hatten nichts zu verlieren“, sagt er über seine Beweggründe. „Das hat sich bis heute nicht geändert. Doch wenn es niemand dokumentiert, geht es verloren.“

Für viele Boxer war der Sport der einzige Ausweg, sie hatten nichts zu verlieren. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Alain Tshinza

Kurator und Dokumentarfilmer

Die jungen Boxer aus dem Kongo, zuvor aus Italien oder dem damaligen Jugoslawien, sind ein Teil der luxemburgischen Gesellschaft. „Die ist voller persönlicher Geschichten und Themen, die ein Spiegelbild des Landes ergeben und die man dokumentieren kann oder gar muss“, so der Regisseur, der hauptsächlich im kanadischen Winnipeg lebt. „Mir geht es in meinen Filmen auch darum zu erklären, was es bedeutet, in Luxemburg aufzuwachsen.“ Bezüglich der „Boxing Stories“ stelle er sich häufig die Frage: „What’s the legacy? Was ist das Erbe? Es geht schließlich nicht darum, in Nostalgie zu schwelgen, sondern den Bezug zur Aktualität herzustellen. Heute gibt es wieder diesen Spirit der Boxer von damals. Ich sehe da eine Art von Renaissance.“

Nach wie vor gebe das Boxen gerade vielen jungen Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen die Chance, sich hochzukämpfen und ihrem Leben einen Sinn zu geben, sagt der Kurator und Dokumentarfilmer. In diesem Sinne hat der Boxsport kaum etwas von Strahlkraft verloren, auch wenn diese eine Zeit lang erloschen zu sein schien. Boxclubs wie der in Esch, der dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, oder in Differdingen, leisten dafür wertvolle Arbeit.*

„People behind the Boxing Stories“

Für den Vergleich von hier und heute sorgt die Ausstellung „Mir boxen“, indem sie neben Remo und Patrick Raffaellis Fotos aus den 70er und 80ern jene von Paulo Lobo stellt. Der Differdinger Fotograf, bekannt für atmosphärische Schwarz-Weiß-Fotos, hat vergangenes Jahr für Alain Tshinza die Boxclubs in Esch und seiner Heimatstadt aufgesucht, die Boxerinnen und Boxer begleitet und jene Stimmung eingefangen, die bereits mehr als vier Jahrzehnte zuvor bei den Raffaellis zu finden war. Die Blicke der Kämpfer zeigen deren Fokussierung und Anstrengung, durch die Fotos werden Blut und Schweiß fast spürbar. Die Atmosphäre komme, darin sind sich Patrick Raffaelli und Paulo Lobo einig, in der Schwarz-Weiß-Fotografie noch besser zum Ausdruck.

Als ich anfing, gab es nur die analoge Fotografie. Wir kannten nichts anderes. Der erste Schuss musste stimmen und war entscheidend.

Patrick Raffaelli

Fotograf

Alain Tshinza

Alain Tshinza Foto: Paulo Lobo

„Es war für mich eine neue Erfahrung“, sagt Paulo Lobo, der von Alain Tshinza gefragt worden war, ob er an dem Projekt teilnehmen möchte. „Ich hatte vorher nicht viel mit Sportfotografie zu tun.“ Ihm ist es gelungen, seine Fotos der Ästhetik der analogen Fotos von Vater und Sohn Raffaelli anzupassen. Schließlich ist mit „Mir boxen“ nicht nur eine Hommage an den Boxsport und an die „People behind the Boxing Stories“ entstanden, sondern eine an die schwarzweiße Sportfotografie vom analogen bis digitalen Zeitalter.

„Als ich anfing, gab es nur die analoge Fotografie. Wir kannten nichts anderes“, sagt Patrick Raffaelli und erzählt, wie sein Vater ihm das Fotografieren beibrachte, zu dem auch das Entwickeln gehörte. „Schon aus Materialgründen mussten wir genau im richtigen Moment abdrücken. Der erste Schuss musste stimmen und war entscheidend.“ Die analogen Fotos des Raffaelli-Duos und die digitalen von Lobo sind in der Ausstellung nicht voneinander getrennt. So unterschiedlich sie sein mögen, in ihrer Bildsprache bilden sie eine Einheit.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Mir boxen“ über 50 Jahre Boxsport im Minett von 1975 bis 2025 ist vom 8. Januar bis 29. Januar immer dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr. Die Vernissage findet am Mittwoch, 7. Januar, um 18.30 Uhr statt.

* Im Gespräch mit dem Tageblatt nennt Alain Tshinza in diesem Zusammenhang den wichtigen Beitrag von Trainern und Trainerinnen wie Alain Back (BC Düdelingen), Caroline André (BC Differdingen), Raffaele Paoletti (Ex-Benelux Meister von 1987 aus Rümelingen) und Boris Molitor (BC Esch) zur Renaissance des Boxports. Sie ließen die alte Boxtradition hierzulande wieder aufleben.

1 Kommentare
Tom 07.01.202610:14 Uhr

Toller, spannender Artikel! Muss ich mir unbedingt ansehen.

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