Nachtflüge

„Richtige Wut im Bauch“: Wie der Fluglärm in Luxemburg-Stadt Bürger zum Verzweifeln bringt

Fluglärm ist in Luxemburg-Stadt allgegenwärtig – denn die Stadt liegt in der Einflugschneise des einzigen Flughafens im Land: des LuxAirport am Findel. Der Krach macht vielen Menschen zu schaffen. Ein Problem: Nachtflüge. Doch die sind eigentlich verboten.

In Hamm fliegen die Maschinen knapp über die Häuser hinweg – nicht nur tagsüber, auch nachts

In Hamm fliegen die Maschinen knapp über die Häuser hinweg – nicht nur tagsüber, auch nachts Foto: Editpress/Julien Garroy

„Ich bekomme manchmal Kopfschmerzen und es tut weh in den Ohren – zeitweise ist es nicht auszuhalten.“ So beschreibt Jan Thommes aus Hollerich den Lärm einer Boeing 747, die über Luxemburg-Stadt abhebt. Das Tal der Petruss verstärkt den Lärm durch die Festungsmauern. Wenn Thommes dort mit seinen Hunden unterwegs ist, werde der Krach unerträglich – für Mensch und Tier. Nicht nur tagsüber, auch nachts sei der Fluglärm ein Riesenproblem.

„Der gleiche Lärm ist nachts noch schlimmer“, sagt Thommes. Bei offenem Fenster schlafen sei keine gute Idee: Flugzeuge könnten für ein abruptes Erwachen sorgen. Vor allem kurz nach dem Einschlafen passiere das häufig. Denn zwischen 23 und 24 Uhr landen und starten noch regelmäßig Maschinen vom Luxemburger Flughafen. Trotz Nachtflugverbot.

Mehr als 3.000 Flugzeuge sind 2024 während der nächtlichen Sperre in Luxemburg gelandet oder abgehoben – obwohl der Airport zwischen 23.01 und 5.59 Uhr geschlossen ist. Die meisten dieser Spätflüge starteten oder landeten zwischen 23.01 und 23.59 Uhr: 1.950 Flugzeuge. Das geht aus Daten der „Administration de la navigation aérienne“ (ANA) hervor. Und der nächtliche Lärm kommt immer öfter: 1.420 Nachtflüge wurden im Jahr 2020 verzeichnet. 2.553 im Jahr 2023 – und dann 3.043 im Jahr 2024.

„Richtige Wut im Bauch“: Wie der Fluglärm in Luxemburg-Stadt Bürger zum Verzweifeln bringt

„Du hast keine Chance“

Thommes ist nicht der Einzige, dem der Fluglärm zu schaffen macht. Auf Facebook haben sich mittlerweile 328 betroffene Bürger zusammengefunden. Dort werden Informationen geteilt und sich über den Flugverkehr ausgetauscht. Eleonore Schmidt (Name geändert) aus Bonneweg ist ebenfalls Teil der Gruppe. Zuerst wohnte sie auf Verlorenkost, jetzt nennt sie die Gegend um den Kaltreis-Park in Bonneweg ihr Zuhause. Seit sie 1995 nach Luxemburg-Stadt gezogen ist, versucht sie, gegen den Fluglärm anzukämpfen.

„Als ich auf Verlorenkost gewohnt habe, habe ich meinen ersten Leserbrief geschrieben“, sagt Schmidt. Denn jeden Morgen um Viertel nach sechs sei ein Cargo-Flugzeug gestartet – das so laut war, dass sie davon aufgewacht ist. Und das nicht nur von Montag bis Freitag, sondern auch samstags, sonntags und feiertags. Früher habe sie danach weiterschlafen können – aber heute starte morgens „eine ganze Batterie“. Manchmal seien es bis zu zehn Stück. Mit dem Schlaf sei es dann vorbei.

Die einfache Lösung wäre, früher ins Bett zu gehen – sollte man denken. „Um elf Uhr abends kommt auch eine ganze Batterie“, sagt Schmidt. Ruhig werde es erst ab Mitternacht. Und dann gebe es noch die Flüge mitten in der Nacht, die einen im Schlaf stören können. „Von meiner Seite habe ich alles gemacht: Ich benutzte Ohrstöpsel, habe Dreifachverglasung, trotzdem hast du keine Chance.“

Die Regeln für Nachtflüge

Nicht alle Flugzeuge sind von der nächtlichen Sperre betroffen. Für einige Flüge gelten laut ANA dauerhafte Ausnahmen: Regierungsflüge, Flüge zu Such- und Rettungszwecken, Flüge im humanitären und gesundheitlichen Bereich, Flüge in Notfällen und Flüge, die im Rahmen internationaler Verpflichtungen des Großherzogtums Luxemburg durchgeführt werden.
Für Linienflüge – ob mit Passagieren oder Fracht – gelten wiederum andere Regeln. „Ein verspäteter Linienflug kann am geplanten Tag bis 24 Uhr abfliegen und/oder bis 23 Uhr am geplanten Tag ankommen“, schreibt die ANA auf ihrer Website. Im gleichen Atemzug wird die Regel relativiert: Kommt der Linienflug verspätet zwischen 23.01 und 5.59 Uhr an – darf er landen. Andersrum ist das Zeitfenster kleiner: Hat sich der Start verzögert, darf das Flugzeug noch zwischen 23.01 und 24 Uhr abheben.
Jedoch können jederzeit individuelle Verlängerungen bei der ANA beantragt werden. Mit einer Sondergenehmigung sind auch Starts von Linienflügen nach 24 Uhr möglich. Wer eine Ausnahme bekommt, muss dann am Ende jedes Quartals dem Verkehrsministerium Rechenschaft ablegen – woraufhin die ANA eine Analyse durchführt. Deren Anzahl ist auf 95 pro Jahr begrenzt.

Der Wind macht’s

Was den Städtern ebenfalls zum Verhängnis wird, ist der Wind. Flugzeuge starten und landen immer gegen die Windrichtung – und der bläst in Luxemburg meist aus dem Westen. Besonders viel Lärm verursachen die Maschinen, die nach Westen, also über Luxemburg-Stadt, abheben. „Wenn ich an einem Sonntag ausgeschlafen aufwache, dann weiß ich: Jetzt ist Ostwind“, sagt Schmidt.

Wenn ich an einem Sonntag ausgeschlafen aufwache, dann weiß ich: Jetzt ist Ostwind

Eleonore Schmidt

Das hat einen Grund: „Luxemburg-Stadt befindet sich auf der gleichen Höhe wie der Flughafen – die Flieger müssen aufsteigen, um über die Stadt zu kommen“, sagt Thommes. Wenn die Maschinen einem direkt über den Kopf fliegen, mache das lärmtechnisch sehr viel aus. Die Bewohner der Gemeinden Niederanven, Schüttringen und Betzdorf kämen da besser weg – denn die Ortschaften liegen mehr als hundert Meter tiefer als der Flughafen. „Wenn die Flugzeuge nach Osten starten, sind sie direkt ein gutes Stück höher“, sagt Thommes. Er findet, dass die Statistiken über die Richtung der Ankünfte und Abflüge leicht zugänglich gemacht werden müssten. Denn bisher ist das nicht der Fall.

Lucien Clavier, ein ehemaliger Bonneweger, hat sich die Zahlen etwas genauer angesehen. Er hat eine App entwickelt, die den Fluglärm in Luxemburg voraussagt. Deswegen kennt er sich mit den Flugzeugstatistiken bestens aus. 2021 sind 64 Prozent der Flugzeuge in Richtung Westen, also in Richtung Luxemburg-Stadt, gestartet. Schaut man sich nur die Nachtflüge an, sind es sogar zwei Prozentpunkte mehr – und davon wurden es in den vergangenen fünf Jahren immer mehr.

Nacht ist Definitionssache

Die Zahlen spiegeln sich ebenfalls in Eleonore Schmidts Wahrnehmung wider: „Ich hab das Gefühl, es werden immer mehr Nachtflüge“, sagt die Bonnewegerin. Dabei gelten in den Statistiken nur Flüge zwischen 23.01 und 5.59 Uhr als Nachtflüge – obwohl das Luxemburger Umweltamt die Nacht in ihrem Aktionsplan gegen den Flughafenlärm von 23 bis 7 Uhr definiert. Bis einschließlich Juni 2019 hat auch die ANA die Ankünfte und Abflüge zwischen 6 und 6.59 Uhr zu den „Nachtbewegungen“ hinzugezählt. Erst danach taucht in der Statistik ein Hinweis zur kürzeren Nachtflug-Definition auf.

Bis 2022 wurden die Ankünfte und Abflüge zwischen 6 und 6.59 Uhr noch zusammen mit den „regulären“ Nachtflügen publiziert. Seit 2023 sind die Daten gänzlich aus der Nachtflug-Statistik verschwunden – und werden an anderer Stelle veröffentlicht. 2024 waren es 4.122 Flugzeuge, die allein zwischen 6 und 6.59 Uhr gestartet sind – das ist der Zeitraum mit den meisten Abflügen am Tag. Gelandet sind während dieser Stunde 521 Flugzeuge. Würde man diese zu den 3.043 Nachtflügen hinzuzählen, käme man auf 7.686 Flüge.

„Es kommt ja nicht von ungefähr, dass man die Nacht bis 7 Uhr morgens definiert hat – viele brauchen die Zeit“, sagt Schmidt. Die WHO spricht sich für einen Schutz vor Lärm von mindestens acht Stunden in der Nacht aus – weil Schlafstörungen mit einer Reihe von Gesundheitsproblemen in Verbindung gebracht werden. „Es ist einfach etwas anderes, wenn man einfach so wach wird, als wenn man durch diesen Krach wach wird“, sagt Schmidt. Als Einwohner sei es zum Verzweifeln. „Da hat man eine richtige Wut im Bauch“, so Schmidt. Bei ihr bleibe am Ende vor allem eins zurück: ein Gefühl der Ohnmacht.

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Auf in die Nacht: Eine Boeing 777 der Qatar Cargo rollt zur Startposition

Auf in die Nacht: Eine Boeing 777 der Qatar Cargo rollt zur Startposition Foto: Editpress/Guido Romaschewsky

Nach 23 Uhr sollte eigentlich Ruhe einkehren …

Nach 23 Uhr sollte eigentlich Ruhe einkehren … Foto: Editpress/Guido Romaschewsky

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