Neu in Luxemburgs Kinos

„La Cache“ zeigt: Jede Familie ist auf ihre Art meschugge

„La Cache“, frei nach der Biografie von Christophe Boltanski, ist ein origineller Film, der keine Shoah-Klischees bedient und durch Cast, Filmästhetik und Humor überzeugt.

Cast von „La Cache“ in nachdenklicher Szene während intensivem Moment der Serie

Was den Cast von „La Cache“ in dieser Szene wohl beschäftigt? Foto: Bande à part Films/Red Lion/Les Films du Poisson

Verfilmungen mit NS-Bezug sind eine heikle Angelegenheit, zumal bei einer Komödie. Die anfängliche Skepsis ist noch größer, wenn es sich um eine Literaturverfilmung handelt. Oft zerstört der enge Fokus im Film die literarische Form, schafft Bilder, die sich über die eigene Fantasie schieben.

Um es vorwegzunehmen: Der Schweizer Regisseur Lionel Baier, der das Drehbuch gemeinsam mit Catherine Charrier geschrieben hat, tritt mit „La Cache“ in keine dieser Fallen. Obwohl die Vorlage, Christophe Boltanskis autobiografischer Roman „La Cache“ (Prix Femina 2015), ein literarischer Brocken ist, löst sich der Regisseur so weit von der komplexen Romanvorlage, dass er dem Wesen der Erzählung noch treu bleibt. Er adaptiert frei, indem er genug eigene Fantasiefäden spinnt, um (s)eine eigene märchenhafte Erzählung zu schaffen.

Freie Romanadaptation

So stammt die Idee, De Gaulle in der geheimen Kammer der rue de Grenelle zu verstecken, aus seiner Feder. Der Linguist Jean-Élie Boltanski (Adrien Barrazone) wird den General die staatsmännische Intonation lehren. Auch das Filmende ist auf Freiheiten im Drehbuch zurückzuführen.

Die Porträts einer jüdischen Familie, die so stark zusammenhält, weil sie noch immer von der choah traumatisiert ist, werden wie durch ein Kaleidoskop betrachtet: ein eigentümliches Kollektiv, das in einem bürgerlichen Appartement im 7. Arrondissement in seinem eigenen Universum lebt. In einer Szene wird Étienne Boltanski sich vor Angst schlotternd unter dem Tisch verkriechen, nachdem ihm ein blutiges Steak serviert wird und Polizisten ins Bistro stürmen.

Wäre der Film, der im letzten Jahr im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte, ein Buch von Tolstoi, so begänne dieser womöglich mit der Feststellung: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede Familie ist auf ihre Art verrückt.“ Denn alle Familienmitglieder sind auf ihre Art meschugge. Da ist die Urgroßmutter, „Hinterland“ (Liliane Rovère), die in einem der hintersten Zimmer mehr in ihren Erinnerungen in Odessa lebt als im Heute – und ihrem Enkel nostalgisch von der Musik Sergej Prokofjews vorschwärmt, der ihr zufolge allerdings genauso wie Pétain ein lausiger Tänzer war.

Intellektuelle Freigeister

Im Ausleben des Judentums ist die Familie recht unorthodox. Sie sind so weit assimilierte intellektuelle Freigeister, dass sie die Kaschrut-Regeln (jüdischen Speisevorschriften) so lax auslegen, dass die beiden Söhne schon mal mit Mazzen, belegt mit Schinken, durchs Wohnzimmer schlendern.

Der in seinen Einstellungen bisweilen an die Nouvelle Vague erinnernde Film – die bunten Bild-Einstellungen Baiers schieben sich schon mal wie bei alten Dias übereinander –, eine luxemburgische Co-Produktion (Red Lion), setzt am Tag der Vernissage des „kleinen Onkels“ ein, dessen abstrakte Kunstwerke erste Interessenten in die neue Galerie locken. Der Name des verstorbenen Installationskünstlers, Christian Boltanski, fällt im Film nicht. Gen Ende erfährt man nur, dass der Künstler irgendwann von Malerei zu Installationen wechselte.

Die Porträts einer jüdischen Familie, die so stark zusammenhält, weil sie noch immer von der Shoah traumatisiert ist, werden wie durch ein Kaleidoskop betrachtet: ein eigentümliches Kollektiv, das in einem bürgerlichen Appartement im 7. Arrondissement in seinem eigenen Universum lebt

Der Aufbau der Erzählung folgt dem des Ortes, an dem sie leben: der rue de Grenelle. Indem man nach und nach jeden Raum dieser verwinkelten Wohnung entdeckt, versteht man sukzessive die komplexe Geschichte jeder Figur, die mit ihr verbunden ist, nebst den ihnen eigenen Neurosen.

„La Cache“, das Versteck, ist eine Geheimkammer unter einer Treppe, auf die der neunjährige Junge Christophe Boltanski (Ethan Chimienti) beim Spielen stößt. Hier versteckte seine katholische Großmutter während der deutschen Besatzung einst ihren jüdischen Ehemann, Étienne Boltanski (Michel Blanc, der nach dem Filmdreh verstarb, liefert hier ein letztes Mal ein präzises und berührendes Schauspiel).

Akademisches Chaos

In der weitläufigen Wohnung herrscht akademisches Chaos – Bourdieu lässt grüßen. Auf der Hand liegt dies bei den Auftritten der Großmutter des Jungen und Ehefrau des Arztes Boltanski (Dominique Reymond), die der Junge nur Tante nennen soll. Sie versucht alles, um ihre großbürgerliche Herkunft abzuschütteln und strahlt diese doch aus jeder Pore aus. In Alleingängen, etwa in die Pariser Banlieues, versucht sie so, die Arbeiter zum Klassenkampf aufzuwiegeln und wirkt doch nur elitär.

Hinter den Kulissen

„La Cache“, Regie: Lionel Baier; Drehbuch: Lionel Baier und Catherine Charrier; frei nach dem Roman von Christophe Boltanski. Mit: Dominique Reymond, Michel Blanc, William Lebghil, Aurélien Gabrielli, Adrien Barazzone, Ethan Chimienti, Larisa Faber, Gilles, Privat. 88 Minuten, Französisch mit englischen Untertiteln.

In den Luxemburger Regionalkinos: Cine Utopia, Cinextdoor, Ciné Scala, Kinoler, Kulturhuef Grewenmacher, Ciné Sura, Ciné Le Paris, Caramba Cinemas.

Die Geschichte der 1968 parallel auf den Straßen von Paris revoltierenden Studenten bleibt im Film recht oberflächlich. Der Verweis auf die Ähnlichkeit der einstigen SS und Gestapo, die mit schonungsloser Gewalt in jüdische Haushalte einfiel, mit den repressiven Methoden der Polizisten (CRS) fällt wiederholt. Der Slogan „CRS = SS“ entstand während des Streiks der Minenarbeiter 1948 und wurde während der Studentenproteste in Paris zu einem populären Slogan der revoltierenden Studentenbewegung. Die Eltern des Jungen (darunter Larisa Faber als Hippie-Mutter) rufen nur ab und zu an, um mitzuteilen, dass sie noch eine weitere Nacht fernbleiben, um auf den Straßen von Paris für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Gelungen ist die Darstellung der Kontinuität in der Ausgrenzung durch die argwöhnischen Nachbarn. „Sie sind halt Snobs“, sagen sie etwa über die Boltanskis und bemühen damit auch ein antisemitisches Klischee.

Die wahre Entdeckung in diesem märchenhaften Film ist jedoch Ethan Chimienti in der Rolle des Jungen, der sich vor der Kamera so unbefangen bewegt, als hätte man Diego Maradona erstmals auf ein Fußballfeld gesetzt. Sein Charme trägt den Film an der Seite des exzellenten Casts rund um Dominique Reymond, Michel Blanc oder Liliane Rovère.

„La Cache“ ist eine märchenhaft-witzige Erzählung über familiäre Abgründe und Zusammenhalt in rauen Zeiten; ein eigenwilliger Film, der tatsächlich gute Laune macht.

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