Virtual Museum of Stolen Cultural Objects

Was der Luxemburger Experte Régis Moes zum virtuellen Museum der Unesco zu Raubkunst sagt

Im Herbst 2025 eröffnete die Unesco ein virtuelles Museum, um auf den illegalen Handel von Kunst und die Wichtigkeit der Rückgabe-Arbeit aufmerksam zu machen. Review und ein Gespräch mit Régis Moes, dem stellvertretenden Direktor des Luxemburger „Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art“, über den Umgang mit Raubgut in Kultureinrichtungen.

Hunderte Kunstwerke aus aller Welt im UNESCO Museum – vielfältige kulturelle Schätze entdecken

Hunderte Kunstwerke von verschiedenen Herkunftsorten können im Unesco-Museum entdeckt werden Foto: Kéré Architecture

Die Unesco ist ein Flügel der Vereinten Nationen, der internationale Kooperation in Bildung, Wissenschaften, Kultur und Kommunikation unterstützt – „um weltweiten Frieden zu fördern“, so lautet es auf ihrer Website. Mit diesem Ziel hat die Unesco 2023 das Projekt „Virtual Museum of Stolen Cultural Objects“ gestartet. Seit Ende September 2025 ist es auf Französisch und Englisch online besuchbar (museum.unesco.org).

Was uns erwartet

Die Schau kann mit einer VR-Brille erforscht werden. Doch auch wer kein solches Hightech-Gadget zur Verfügung hat, kann sich durch das Museum klicken. Falls Sie eine langsame Internetverbindung haben, ist jedoch Geduld beim Laden der Webseite gefragt. Wenn der Rechner alles geladen hat, beginnt der Online-Rundgang mit einer aufregenden Animation. Man startet in den Wolken, prescht über bewaldete Hügel zum Museumsgebäude, das auf dem Gipfel einer Erhöhung steht, vor – und landet in seiner Mitte.

Das Gebäude gleicht einer ausgehöhlten Weltkugel mit einer baumartigen Struktur im Inneren. Der Architekt des virtuellen Museums, Diébédo Francis Kéré, hat sich am Baobab-Baum inspiriert, der eine wichtige Rolle in vielen afrikanischen Gemeinschaften spielt. Von den Wurzeln bis zur Baumkrone – die unsichtbaren und sichtbaren Teile des Baums sollen sowohl den greifbaren wie auch den unbewussten Einfluss des Kulturerbes auf unsere Gesellschaft widerspiegeln.

Außenansicht des UNESCO Museum of Stolen Cultural Objects in Form einer Weltkugel, Innenraum mit Baobab-Baum inspirierter Struktur

Das Unesco-„Museum of Stolen Cultural Objects“ sieht von außen wie eine Weltkugel aus – im Inneren findet man eine Struktur, inspiriert am Baobab-Baum Foto: Kéré Architecture

Hunderte Kunstwerke verschiedener Herkunftsorte und Genres können in dem virtuellen Museum entdeckt werden. Alle Artefakte jedoch verbindet, dass sie zu einem Zeitpunkt gestohlen wurden, verschwunden waren oder es noch immer sind. Ihr Verschwinden stellt einen Verlust für das Kulturerbe der betroffenen Gemeinschaften und Nationen dar, der in den anhängenden Ausstellungstexten aufgearbeitet wird. Manche Artefakte erzählen auch von Erfolgsgeschichten, in denen die Exponate zurück in die Heimat fanden. Die Informationen werden in Zusammenarbeit mit Mitgliedstaaten und Interpol gesammelt. Die Kollektion des Museums soll über die kommenden Jahre ausgebaut werden.

Wortwahl ist wichtig

Die Exponate können in einer Galerie entdeckt werden: Jedes Stockwerk hält eine Mischung verschiedenster Objekte bereit – perfekt, falls man Neues lernen will. Alternativ kann man die Kollektion per Region erkunden: Afrika, Lateinamerika und die Karibischen Inseln, Asien und die Pazifischen Inseln, die Arabischen Staaten und Europa und Nordamerika.

Irritierend: Warum sind Nordamerika und Europa hier in einer Kategorie zusammengefasst, obwohl Europa geografisch viel näher an anderen Regionen liegt? Auch die Idee, von „Arabischen Staaten“ zu sprechen, ist fragwürdig, da diese westasiatischen und nordafrikanischen Länder viel mehr Kulturen und Gemeinschaften als nur die arabische haben.

Genauso kann man die Wahl, den Begriff Lateinamerika zu verwenden, kritisch hinterfragen. Die indigenen Kulturen von Mittel- und Südamerika haben nichts mit Latein am Hut – nur, dass die dortigen Kolonialmächte Sprachen mit lateinischen Wurzeln sprachen und dies nun Landessprachen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, die Regionen nach ihrer geografischen Lage zu benennen, statt aufgeladene Bezeichnungen zu nutzen – vor allem, weil das Museum Kulturerbe und Geschichte aufarbeiten will.

Themen, mit denen sich auch Régis Moes, stellvertretender Direktor des „Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art“ (MNAHA) in Luxemburg, befasst. Was hält er von dem Unesco-Projekt?

Expertenmeinung

„Es ist Teil einer Reihe von Initiativen weltweit, die sich der Rückführung von Raubkunst in verschiedenen Kontexten widmen – beispielsweise im Kontext des Holocaust, des Kolonialismus, kommunistischer Regime in Osteuropa oder allgemein aufgrund von Diebstählen oder illegalen archäologischen Ausgrabungen“, so Moes. „Es ist eine gute Initiative, die vielleicht dazu beitragen kann, das Bewusstsein für diese Problematik in der breiten Öffentlichkeit zu schärfen.“

Das Projekt sei insofern gelungen, dass es eine ansprechende Website mit Animationen umfasse, die das Entdecken der wenigen Objektgeschichten spielerisch interessant gestalte. „Leider ist die Struktur umständlich und langsam, und die Website ist nicht vollständig – daher ist sie für Fachleute wenig praktikabel“, sagt er. „Andere, zielgerichtetere und somit auch benutzerfreundlichere Projekte sind beispielsweise die LostArt-Datenbank zur Plünderung von Kulturgütern unter dem NS-Regime oder die Interpol-Datenbank zu gestohlenen Kunstwerken.“ Die Unesco erfülle mit dem Projekt zwar ihren Auftrag zur Sensibilisierung für das globale Problem, er bezweifle jedoch, dass eine Website, die im Jahr 2026 noch eine gezielte Suche erfordere, der richtige Weg dafür sei.

Régis Moes 2022 bei der Aufarbeitung von Luxemburgs Kolonialvergangenheit und Raubgut in Museen

Arbeitet Luxemburgs Kolonialvergangenheit auf und befasst sich mit Raubgut in Museen: Régis Moes, hier im Jahr 2022 Foto: Philippe Reuter/revue

Abgesehen davon gehöre es zum Auftrag jedes Museums, die Geschichte seiner Sammlungsobjekte zu erforschen. Deren Herkunft zu ermitteln, sei nicht immer einfach, oft weil die Quellen fehlen. In Luxemburg beispielsweise seien Kunst- und Antiquitätenhändler gesetzlich verpflichtet, die Herkunft der von ihnen verkauften Objekte zu überprüfen. Dies sei nicht immer leicht, da man jene oft nur bis zum letzten Besitzer, dem Verkäufer, zurückverfolgen könne und sich auf dessen Angaben stützen müsse. „Beispielsweise wenn die Person behauptet, einen Teller oder eine Uhr geerbt zu haben, und dass diese schon immer in Familienbesitz gewesen ist“, so Moes. „Bei Kunstwerken ist es manchmal – aber nicht immer – einfacher, die Herkunft anhand von Archivdokumenten zu klären.“

Raubgut in Luxemburg

Im Hinblick auf Raubkunst in Luxemburgs Museen sagt er: „Es kann daher nie gänzlich ausgeschlossen werden, dass sich in Museumssammlungen ‚gestohlene‘ Objekte befinden, selbst wenn man versucht, deren Herkunft zurückzuverfolgen. Im Gegensatz zu Privatpersonen sind öffentliche Institutionen wie Museen in vielen Fällen verpflichtet, ein Objekt an den Besitzer zurückzugeben, wenn sie ihr Besitzrecht daran nachweisen können. Solche Restitutionen erfolgen im Ausland regelmäßig im Rahmen der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder der Kolonialzeit.“

Vom MNAHA wisse man, dass es eine Sammlung afrikanischer Objekte aus dem heutigen Tansania besitze, die Ende des 19. Jahrhunderts von einem deutschen Kartografen, der im Auftrag der deutschen Kolonialverwaltung in diesen Gebieten unterwegs war, an den luxemburgischen Staat gespendet wurden. „Ein Teil der Sammlung besteht aus Raubgut, das bei gewaltsamen Überfällen durch deutsche Offiziere erbeutet wurde“, weiß Moes. „Wir haben diese Geschichte in der Ausstellung ‚Die koloniale Vergangenheit Luxemburgs‘ (2022) thematisiert und sie – ebenso wie ein Inventar dieser Objekte – auf unserer Website veröffentlicht: collections.mnaha.lu/stories/spring/.“ Das luxemburgische Kulturministerium habe das tansanische Kulturministerium im Jahr 2021 ebenfalls über die Existenz dieser Objekte informiert, aber „leider haben wir bis heute keine Antwort darauf erhalten, ob eine Rückgabe dieser Objekte an Tansania gewünscht wäre – für den luxemburgischen Staat ist eine Rückgabe absolut denkbar.“

Die Rückgabe

Die Restitution von Kulturgütern sei herausfordernd. „Erstens kann es vorkommen, dass die Institution, die ein Objekt in ihrer Sammlung besitzt, dessen rechtmäßige Herkunft bestreitet. Diejenigen, die eine Restitution fordern, müssen dann ihre Gründe dafür darlegen und die rechtmäßige Herkunft beweisen. Selbst wenn Museen eine Rückgabe einsehen, fällt es manchen Institutionen schwer, wertvolle Objekte aus ihren Sammlungen abzugeben“, erklärt Moes. „Zweitens ist es nicht immer einfach, herauszufinden, wem eine Restitution zusteht. Dies kommt insbesondere im Kontext kolonialer Plünderungen vor. Welche Beweise gibt es, um Eigentumsverhältnisse Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später zu klären?“ Gesetze – und moralische Vorstellungen – hätten sich im Laufe der Zeit verändert. „Vor dem Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise verbot das internationale Recht dem Militär nicht, im Kriegsfall Kulturgüter mitzunehmen. Manche fragen sich, ob sich unsere heutigen Rechtsstandards so einfach auf die Vergangenheit übertragen lassen.“

Heute werde der Gedanke, dass geplünderte Objekte an die Familien oder Gemeinschaften zurückgegeben werden müssen, in Institutionen zunehmend verankert – sowohl moralisch als auch deontologisch. Moes stellt fest: „Was für viele Museumsfachleute vor 20 bis 30 Jahren noch unvorstellbar war, dass etwas in einem Museum zurückgegeben werden könnte, wird nun langsam zur Norm.“

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