Nach Vorfällen in Crèche

„Kinder müssen genug Vertrauen haben, um mit ihren Eltern über Probleme zu sprechen“

Eine Crèche in Petingen musste nach Missbrauchsvorwürfen schließen. Psychologe Gilbert Pregno erklärt, wie Eltern damit umgehen können.

Hinweiszettel zur Schließung der Crèche für Eltern, wichtige Information zur Kinderbetreuung

Dieser Zettel informierte Eltern über die Schließung der Crèche Foto: Editpress/Julien Garroy

Das Bildungsministerium hat am Mittwochabend eine Crèche in Petingen bis auf Weiteres geschlossen. Nach mehreren Meldungen über vorsätzliche Körperverletzung an Minderjährigen unter 14 Jahren untersuchte die Staatsanwaltschaft die Räumlichkeiten. Die Kinder im Alter von null bis vier Jahren wurden auf andere Betreuungseinrichtungen verteilt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Wie wirkt sich eine derartige Situation auf die Kinder aus und wie sollten Eltern reagieren? Das Tageblatt hat dazu einen Psychologen befragt.

Tageblatt: Die betroffenen Kinder wurden in einer anderen Crèche untergebracht. Neue Erzieher, die Freunde sind vielleicht nicht mehr da – wie wirkt sich das auf ein Kind in dem Alter aus?

Gilbert Pregno: Schön ist das nicht für die Kinder. Die Erwachsenen müssen die Entscheidung treffen, es ist eine Abwägung. Falls es zu Misshandlungen kam, ist es schon günstig, wenn die Kinder nicht in die Crèche zurückkehren. Man muss nur schauen, was man ihnen erzählt – die einen waren Opfer, die anderen nicht. Es ist einfacher, Ersteren zu erklären, was geschehen ist. Bei den anderen Kindern würde ich nicht ins Detail gehen, sondern einen Grund für die Schließung erfinden.

Was würden Sie den Eltern der betroffenen Kinder raten?

Wenn Kinder fremd betreut werden, sollen sie erzählen, wie es ihnen in der Einrichtung ergeht, was sie gemacht haben. Eltern sollten sich immer dafür interessieren, was in der Crèche gelaufen ist, damit es für die Kinder zur Gewohnheit wird, darüber zu sprechen und natürlich, dass, falls etwas nicht in Ordnung war, die Kinder genug Vertrauen haben, das zu erzählen. Das ist eine Haltung, die Eltern generell einnehmen sollten.

Was wir heute wissen, ist, dass es sehr problematisch ist, wenn Kinder Misshandlungen beobachten. Sie sind indirekt Opfer davon, sie fühlen sich so, als ob ihnen das selbst widerfahren sei.

Gilbert Pregno

Psychologe

Gibt es mögliche Verhaltensauffälligkeiten bei den betroffenen Kindern – sowohl bei den mutmaßlichen Opfern von Gewalt als auch bei denen, die sich nur in einer ungewohnten Umgebung wiederfinden?

Ich gehe davon aus, dass ein Kind, das zu Hause nicht geschlagen wird, traurig ist und sich verschließt und Eltern merken, dass etwas nicht stimmt. Normalerweise zeigen Kinder mit ihrem Verhalten, dass es ihnen nicht gut geht. Sie haben nicht die Tendenz, das einfach stillschweigend zu akzeptieren. In der Erziehung muss man dafür sorgen, dass Kinder sagen, wenn es ihnen nicht gut geht – da sind die Eltern die erste Bezugsperson. Was wir heute wissen, ist, dass es sehr problematisch ist, wenn Kinder Misshandlungen beobachten. Sie sind indirekt Opfer davon, sie fühlen sich so, als ob ihnen das selbst widerfahren sei. Das heißt, sie ziehen sich zurück oder sie fürchten sich – das kommt durch die bloße Beobachtung einer Misshandlung.

Falls Eltern Veränderungen beim Verhalten ihrer Kinder bemerken, aber nicht wissen, von wo diese stammen könnten, wie sollten sie darauf reagieren? Wie sollten Eltern, insbesondere von kleinen Kindern, diese konkret darauf ansprechen?

Wichtig ist, dass eine Vertrauensbasis existiert und dass Kinder spüren, dass sie sich ihren Eltern anvertrauen können. Ob Kinder, die Opfer von Misshandlungen wurden, diese immer aussprechen, ist nicht sicher. Essenziell ist es jedoch, aufmerksam zu sein, wenn man Verhaltensauffälligkeiten bemerkt. Falls so etwas wie in Petingen passiert, sollten Eltern sofort Kontakt mit den Verantwortlichen der Einrichtung aufnehmen. Falls darauf nicht konsequent genug reagiert wird, sind andere Maßnahmen erforderlich, wie zum Beispiel das Kind aus der Crèche zu nehmen und dem Bildungsministerium den Vorfall zu melden. Wenn es zu einem Wechsel kommt, fehlt die Vertrauensbasis, die Bindung, die Kinder aufgebaut haben. Es ist aber gar nicht so einfach für die Kinder und Eltern sollten vorsichtig mit dieser Situation umgehen.

Jährliche Kontrollbesuche

Die Crèche in Petingen ist nicht das erste Mal mit Vorwürfen konfrontiert. „In den vergangenen zwei bis drei Jahren sind beim Ministerium insgesamt drei Beschwerden in Bezug auf diese Kinderbetreuungseinrichtung eingegangen“, heißt es vom Bildungsministerium auf Anfrage. Nach einer Kontrolle bekam der Betreiber eine förmliche Aufforderung, „sich in mehreren Punkten mit den geltenden gesetzlichen Bestimmungen in Einklang zu bringen“. Laut Ministerium führen die Beamten der zuständigen Abteilungen mindestens ein Mal pro Jahr Kontrollbesuche in allen Betreuungseinrichtungen durch. Dies sei auch in Petingen der Fall gewesen.

Normalerweise gibt es eine Kennenlernphase, wenn Kinder in eine Crèche kommen. In solchen Notfällen entfällt diese. Wie wirkt sich das aus?

In dieser Kennenlernphase lernt das Kind, sich von seinen Eltern zu trennen. In diesem Fall passiert das schneller, was für die Kinder nicht unbedingt günstig ist. Wenn sie von den Eltern gut betreut sind, kriegen sie das aber hin. Kinder vertragen oft mehr, als das, was wir ihnen zutrauen. Es muss aber eine Unterstützung durch die Eltern vorhanden sein.

Kinder haben es nicht immer leicht. Wie können Eltern zwischen „normalen“ Sorgen und größeren Problemen, bei denen Kinder womöglich Hilfe benötigen, unterscheiden?

Das ist nicht immer einfach, weil Kinder nicht unbedingt in der Lage sind, ihre Gefühle klar auszudrücken. Es ist immer eine Gratwanderung. Grundlegend ist eine Haltung des Zuhörens und dem Kind zu signalisieren, dass Eltern für es da sind. Wichtig ist aber auch, dass Kinder lernen, Regeln einzuhalten. Wenn ich als Kind keine Lust auf die Schule habe, weil ich zum Beispiel an dem Tag Mathematik habe, ist das etwas anderes, als wenn ich sage, heute will ich nicht in die Schule, da war etwas. Eine direkte Antwort bekommt man nicht, mit Kindern muss man sich etwas Zeit nehmen.

Wie wirkt sich ein solcher Vorfall wie in Petingen auf das Vertrauen in die Kinderbetreuung aus?

Wenn Eltern nach einer Crèche für ihr Kind suchen, sollten sie sich die Einrichtung anschauen und sich über den Tagesablauf informieren. Bei solchen Vorfällen, wenn es sich um Einzelfälle handelt, glaube ich nicht, dass das Vertrauen in die Kinderbetreuung zerbricht. In diesem Fall wurde schnell reagiert – das schafft Vertrauen in das Kontrollsystem.

Eltern hören aufmerksam ihren Kindern zu, um eine starke Beziehung und gutes Verständnis aufzubauen

Für Gilbert Pregno ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern zuhören Foto: Editpress/Julien Garroy

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