Family of Man
Ist Luxemburgs Unesco-Welterbe durch unsachgemäße Behandlung in Gefahr?
„The Family of Man“ ist Unesco-Welt-Dokument-Erbe. Doch ausgerechnet im Schloss Clerf droht der Ausstellung ihr banalster Feind: Feuchtigkeit. Eine monatelange Panne an der Klimaanlage, improvisierte Entfeuchter und brüchige Abläufe vor Ort werfen die Frage auf, wie sicher die empfindlichen Originale wirklich sind. Und ob sie in sicheren Händen sind.
Die Ausstellung bei ihrer Neueröffnung im Jahr 2013 Foto: Editpress-Archiv/Pierre Matgé
Die Fotoausstellung „Family of Man“ ist bis heute die erfolgreichste Fotoausstellung der Welt. Sie wurde in den 1950er-Jahren vom Luxemburger Auswanderer Edward Steichen für das Museum of Modern Art in New York konzipiert, umfasst 503 Fotografien von 270 Fotografen aus 70 Ländern. Sie ist als Wanderausstellung um den Globus gereist, hat zehn Millionen Besucher in ihren Bann geschlagen, unter anderem Max Horkheimer. Die Fotos sind Teil des Welt-Dokument-Erbes der Unesco. Die Originale sind im Schloss in Clerf als Dauerausstellung zu sehen. Noch. Falls sie nicht verschimmeln.
Diese Sorge treibt die Abgeordnete Stéphanie Weydert (CSV) um, die sich in einer parlamentarischen Anfrage an Kulturminister Eric Thill (DP) unter anderem zum Zustand der Fotos erkundigte. Weydert schreibt von einer Panne an der Klimaanlage, die sich über Monate gezogen habe. Repariert worden sei sie erst kurz vor Weihnachten. Sie fragt, ob es im Schloss ein Feuchtigkeitsproblem gebe, ob Werke beschädigt wurden – und warum eine Ausstellung mit Unesco-Label in ihrer Qualität „kontinuierlich“ abbaue.
Im Gespräch mit dem Tageblatt kritisiert Weydert den Umgang mit den Fotos als „stiefmütterlich“. Die Abgeordnete, die auch Bürgermeisterin von Rosport-Mompach ist, sagt: „Niemand kann mir erzählen, es hätte so lange gedauert, eine Firma zu finden.“ Sie kenne die Prozeduren im öffentlichen Sektor und das sei definitiv zu lange. Sie stellt auch die Frage, ob eine Ausstellung in Clerf von einer öffentlichen Verwaltung in Düdelingen aus sinnvoll verwaltet werden könne. Denn die „Family of Man“ gehört zum Dokumentbestand des „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA). Und die tun sich bekanntlich schwer im Umgang mit Klimaanlagen.
Die Abgeordnete Stéphanie Weydert Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Administrative Prozeduren
Als das Tageblatt beim CNA nachfragt, das die „Family of Man“ verwaltet, klingt die Geschichte weniger dramatisch. CNA-Direktor Gilles Zeimet erklärt: Die Anlage habe zwei Kompressoren. Einer sei ausgefallen. Der zweite habe den Ausfall „ausgleichen“ können, allerdings unter Volllast. Dazu habe man parallel Entfeuchter in den Ausstellungsraum gestellt. Dann habe man sich entschieden, nicht nur einen Teil zu ersetzen, sondern beide Kompressoren – die Anlage sei von 2013, im Dauerbetrieb, die Lebensdauer begrenzt.
Die lange Dauer bis zur Reparatur begründet Zeimet mit Diagnose, Ersatzteilbeschaffung, administrativen Prozeduren – und vor allem mit einer Zuständigkeitskette, die nicht beim CNA endet: Das Schloss sei ein Staatsgebäude, betreut von den „Bâtiments publics“. Dort werde beauftragt, dort laufe das Ganze durch. Nur: Laut Tageblatt-Informationen wurden technische Schäden in der Vergangenheit meist binnen 24 Stunden repariert. Die Messung übernimmt Global Facilities mit Sitz in Leudelingen; die Reparaturarbeiten werden von dem Luxemburger Familienunternehmen Soclair durchgeführt, das einen Reparaturdienst rund um die Uhr gewährleistet.
Das CNA bestreitet, dass Exponate Schaden genommen hätten. Die Werte seien täglich aus der Ferne kontrolliert worden. Zusätzlich sei jemand vor Ort gewesen. Klingt nach: Alles im Griff.
„Vor Ort“ ist in Clerf allerdings kein fixer Begriff. Der Empfang ist seit Jahren ausgelagert – und wer dort steht, wechselt. Mehrere Personen, die den Betrieb über längere Zeit erlebt haben, sagen: Früher gab es Kontinuität, Leute, die die Ausstellung kannten, die Sprachen konnten und wussten, was zu tun ist, wenn etwas nicht stimmt. Heute sei dieses Wissen brüchiger. Und das ist kein Detail: Für viele Besucher ist der Empfang der einzige menschliche Kontakt. Und für die Ausstellung oft die erste Stelle, an der auffällt, dass mit der Technik etwas nicht stimmt.

CNA-Direktor Gilles Zeimet Foto: Editpress/Alain Rischard
Entfeuchter von der Baustelle
Eine Person, die damals regelmäßig in Clerf war, erinnert sich an einen dieser Sommertage, an denen die Ausstellung eigentlich so wirken soll wie immer: kühl, still, kontrolliert. Stattdessen standen plötzlich zwei große Entfeuchter in den Räumen – Geräte, die aussehen, als gehörten sie eher auf eine Baustelle als neben ein Unesco-erfasstes Fotokonvolut. Vor Ort hieß es, die Klimaanlage habe einen Defekt. Und dieser Defekt, so erzählen es mehrere, sei nicht nach Tagen behoben worden, sondern habe sich bis weit in den Winter hinein gezogen.
Aus einem anderen Teil des Hauses kommt dazu eine zweite, irritierende Erzählung: Irgendwann im Hochsommer habe intern die Information die Runde gemacht, dass es in Clerf ein Klimaproblem gebe und mit provisorischen Geräten gegengesteuert werde. Was danach gefehlt habe, sei nicht die Betriebsamkeit, sondern die saubere Kette: keine offizielle Mitteilung an jene Stellen, die normalerweise bei konservatorischen Risiken reagieren, keine klare Ansage, ob eine Zustandskontrolle der Werke nötig ist, keine dokumentierte Rückmeldung, dass die Sache erledigt sei. Das Resultat sei eine Art organisatorisches Vakuum gewesen: Man ging davon aus, dass jemand anderes die Sache im Griff hat – und genau dieses „jemand anderes“ ist in einer Verwaltung mit mehreren Zuständigkeiten oft schwer zu greifen.
Dazu kommt: Im Saal in Clerf selbst soll die Präsenz zuletzt zurückgefahren worden sein. Mehrere Beteiligte berichten, dass es früher bei Gruppen häufiger einen „Agent de salle“ gab – nicht nur für Sicherheit, sondern auch als Ansprechpartner, für Audioguides, für Schulklassen, für Menschen mit Einschränkungen. Heute setzt man stärker auf Kameras und Flexibilität. Das mag betriebswirtschaftlich plausibel sein. Wenn aber parallel Tickets verkauft und Fragen beantwortet werden, ist die „Saalaufsicht am Bildschirm“ eben genau das – ein Bildschirm.
Erst spät, heißt es, sei vielen klar geworden, dass es sich nicht um eine kurze Störung handelte. Das Ausmaß des Vorfalls lässt sich im Nachhinein kaum seriös bewerten, solange niemand die Messreihen auf den Tisch legt. Zumal das letzte systematische Monitoring der Sammlung nach Tageblatt-Informationen schon sechs Jahre zurückliegt.
Parallel zur Klima-Panne läuft in Clerf ein zweites Großthema, das auf dem Papier wie eine Absicherung klingt: die Digitalisierung der „Family of Man“. Das CNA begründet den späteren Saisonstart in diesem Jahr mit einer neuen Digitalisierungs-Kampagne. Man wolle hochqualitative Dateien, weil die letzte große Kampagne 2013 stattgefunden habe und die Technik seither weiter sei. Für Zeimet ist das Teil einer konservatorischen Logik: Die Originale seien heute so fragil, dass sie weder reisen noch häufig berührt werden sollten. Digitale Reproduktionen würden Spielräume schaffen, ohne die Wände ständig wieder anfassen zu müssen.
Auch hier erzählen interne Stimmen eine andere, weniger beruhigende Geschichte. Es gehe nicht um den Sinn der Digitalisierung, sondern um die Ausführung: Die Qualität der gelieferten Dateien sei unzureichend, heißt es, und die interne Qualitätskontrolle stoße an Grenzen. Gleichzeitig wirkt die Kommunikation im Haus wie aus derselben Welt wie bei der Klimaanlage: viel Betrieb, wenig klare Kette. Wer hat nach welchen Standards abgenommen? Was stand im Pflichtenheft? Welche Qualitätskriterien wurden festgelegt – und wer entscheidet, wann „hochqualitativ“ wirklich hochqualitativ ist? Außerdem: Die englische Firma Genus übernimmt die Digitalisierungsarbeit. Eine Ausschreibung gab es laut Zeimet nicht, die Frage nach den Kosten des Projekts ließ er unbeantwortet.