Filmmusik
Hitchcocks Meisterwerke: Bernard Herrmanns ikonische Filmmusik erleben
Seine Filme sind unverwechselbar. Er ist Vorbild vieler Regisseure. Alfred Hitchcock gilt nicht nur als Meister der Spannung des kommerziellen Kinos, sondern als einer der ersten und einflussreichsten Autorenfilmer. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte für ihn die Filmmusik, wie die Präsentation drei seiner Klassiker in der Philharmonie beweist.
James Stewart und Kim Novak in „Vertigo“ Foto: Laura Loveday / Flickr
Der Polizist Scottie ist wegen Höhenangst frühpensioniert. Er wird von einem Bekannten beauftragt, dessen Ehefrau Madeleine zu beschatten, da sie sich angeblich einbildet, den Geist einer Vorfahrin namens Carlotta zu besitzen und suizidgefährdet ist. Scottie verliebt sich in sie und muss erleben, wie sie sich vor seinen Augen das Leben nimmt, da seine Höhenangst ihn daran hindert, sie zu retten. Er erkrankt und wird von seiner alten Freundin Midge gepflegt, die ihn immer noch liebt. Auf der Suche nach dem Ebenbild Madeleines findet er die Verkäuferin Judy, die der Verstorbenen ähnelt und die er nach deren Vorbild ummodelt – von der Haarfrisur bis zur Kleidung.
Illustration: Saul Bass / Adam Cuerden
Mehr sei nicht verraten, schließlich hat vielleicht noch nicht jeder „Vertigo“ gesehen, jenes Meisterwerk von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1958, das zu den berühmtesten des Regisseurs zählt. Die von dem amerikanischen Dirigenten und Komponisten Bernard Herrmann komponierte Musik zählt zu den herausragenden Partituren der Filmgeschichte. „Vertigo“ setze sich mit der Unerfüllbarkeit erotischer Sehnsüchte auseinander, konstatiert die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger. Hitchcock bearbeite darin nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern hinterfrage das Phänomen der romantischen Liebe. Scotties Höhenangst sei symbolisch für die Angst, sich einem anderen Menschen bedingungslos hinzugeben und dabei die Orientierung zu verlieren. Seine Sehnsucht, eine Tote lebendig zu machen, erinnere an den Orpheus-Mythos vor kalifornischer Kulisse.
„In Bernard Herrmanns Filmmusik bleibt die traumähnliche Qualität gewahrt“, schreibt Hitchcock-Biograf Donald Spoto. „Anklänge an Erinnerungen und Fragmente verlorener Hoffnungen treiben wie kleine Seeroseninseln durch die Musik.“ Zu erkennen sind Herrmanns Anspielungen an das magische Feuer aus Richard Wagners „Die Walküre“ und den Liebestod aus „Tristan und Isolde“. Herrmann beschränkt sich nicht auf die Beschreibung atmosphärischer Effekte. Er übernimmt die Spiralform, die im Film immer wieder erscheint – den Haarknoten Madeleines, die Treppe, die drehenden Muster des Vorspanns. Sie stehen für die Endlosigkeit romantischer Sehnsucht. Herrmann erfasst die wesentliche Thematik des Films mit musikalischen Mitteln. Er führt kurze Melodiesegmente ein, setzt sie immer wieder ein und variiert sie neu. Herrmann erzeugt durch auf- und abwärtsgespielte Bassklänge einen Effekt, der dem Schwindelgefühl des Protagonisten ähnelt. Wenn Madeleine auftritt, erklingen Streicher, die Melodie besteht aus bogenförmigen Motiven. Herrmann stellt das erotisch-voyeuristische Moment kompositorisch kongruent zum Bild dar.
Wegen eines Musikerstreiks konnte die Musik nicht in Los Angeles unter Herrmanns Leitung aufgenommen werden, sondern in London und Wien unter der Leitung des Briten Muir Mathieson. Bereits für „The Trouble with Harry“ (1955) hatte der Komponist mit Hitchcock zusammengearbeitet, es folgte das Remake von „The Man Who Knew Too Much“ (1956), in dem der Komponist sogar selbst im Film zu sehen war, wie er in der Londoner Royal Albert Hall die „Storm Clouds Cantata“ des australischen Komponisten Arthur Benjamin dirigierte – und in dem ein Beckenschlag als Signal für einen Mord dienen soll. Danach folgten „The Wrong Man“ (1956) mit Henry Fonda in der Hauptrolle und „Vertigo“ sowie „North by Northwest“ (1959).
Filmplakat von „Psycho“ Foto: Jim Linwood / Flickr
Die wohl berühmteste Filmmusik für Hitchcock schrieb Herrmann für „Psycho“ (1960). Außergewöhnlich ist die Partitur durch die Beschränkung auf ein Streichorchester. Der Komponist hatte bereits für andere Filme das Prinzip der Auswahlinstrumentation angewandt. Seine ästhetische Maxime lautete, jeder Film solle einen ihm eigenen, unverwechselbaren Sound erhalten, was ihm besonders mit seiner sechsten Zusammenarbeit mit Hitchcock gelungen ist: Die Angestellte Marion, gespielt von Janet Leigh, trifft sich mit ihrem Geliebten Sam (John Gavin) in einem Stundenhotel; er kann sich nicht scheiden lassen, weil ihm das Geld fehlt; ihr Arbeitgeber schickt sie mit Geld zur Bank, das sie stiehlt; auf der Fahrt zu Sam will sie in einem Hotel übernachten – und wird dort in der Dusche erstochen.
Duschmord mit Streichern
Die Szene des Duschmordes ist nicht nur visuell eine der bekanntesten des Films. Sie sollte auf Wunsch des Regisseurs ursprünglich ohne Musik sein. Doch schließlich überzeugten Hitchcock die von Herrmann komponierten dissonanten, extrem hohen „schreienden Geigen“. Allgemein gilt die Musik von „Psycho“ als ein Höhepunkt in der Filmmusikgeschichte. Stephen Rebello schreibt in „Alfred Hitchcock and The Making of ‚Psycho‘“, dass dieser den Film, weil er ihm nicht gefiel, zu einer Fernsehfassung zusammenschneiden wollte. Er hatte „Psycho“ mit seinem eigenen Geld finanziert und befürchtete, dass der Streifen ein Flop werden könnte. Daraufhin erzählte ihm Herrmann von seiner Idee einer Partitur ausschließlich für Streicher. Schließlich war er früher selbst Geiger. Hitchcock fand Gefallen an den Violin-„Schreien“, die das Zustechen mit dem Messer akustisch umsetzen, parallel zu den schnellen Schnitten und der raschen Abfolge der Einstellungen. Für die Duschszene brauchte das Filmteam sieben Tage, für 45 Sekunden gab es 70 Kamerapositionen, wie Hitchcock in seinem berühmten Interview mit François Truffaut erzählte, im Jahr 1966 als Buch unter dem Titel „Le Cinéma selon Alfred Hitchcock“ erschienen. Das spannungsgeladene Präludium, dazu die wenigen Motive, die nach den Worten von Eva Rieger eine „variable Klangstruktur“ ergeben – Herrmanns Musik zu „Psycho“ ist ganz den Bewegungsabläufen im Film verpflichtet. Obwohl die Streicher vereinheitlichend klingen und ein Motiv den gesamten Film durchzieht, während ein anderes mit monotonen Wiederholungen und rhythmischer Unruhe erkennen lässt, dass Marions moralische Hemmschwelle bröckelt.

Die berühmte Duschszene war erst nach einer Woche im Kasten Foto: Flickr
Die meisten Menschen schauen sich Hitchcock-Filme an, um sich zu unterhalten. Doch den wenigsten ist bewusst, dass sie Kunstwerke sind, die in ihrer Verzahnung aller einzelnen Elemente – von der Beleuchtung, den Dialogen, den Farben und der Kameraführung bis hin zum Ton und schließlich der Musik – ihresgleichen suchen. „Hitch“ zeigt, wie brüchig die rationale und moralische Durchdringung unseres Lebens und wie wacklig die Fundamente unserer vermeintlichen Sicherheit sind. Die musikalische Ebene ist dem bewussten Ohr meistens verschlossen. So schaut man sich einen Film in der Philharmonie an und lauscht dabei den Klängen eines Orchesters, bis sich die Musik ganz im Film „auflöst“.
Autorenfilmer und „Komponist“
Hitchcock hatte von Anfang an einen engen Bezug zur Musik. In seinen Filmen treten viele Musiker auf, auch zeigt er sich selbst in seinen Cameo-Auftritten manchmal mit Instrumenten, etwa in „Strangers on a Train“ mit Kontrabass oder in „The Paradine Case“ mit Violoncello. In „The Man Who Knew Too Much“ verwickelte er sogar ein ganzes Orchester in einen Mordfall. Und er verglich seine Arbeitsweise mit der eines Komponisten, der mit vielen Instrumenten zugleich umgehen muss, aber den gesamten Klang im Kopf hat. Schon in seinem ersten Tonfilm „Blackmail“ (1929) verwendet er den Bildton dramaturgisch. Später sind Melodien in die Filmhandlung eingebunden. Selbst „wenn ein Schauspieler mit den Fingern trommelte, war das nicht ein zweckloses Trommeln“, betont Donald Spoto. Der Komponist Louis Levy, der während der britischen Periode mit ihm zusammenarbeitete, sagte, Hitchcock habe zwar nichts von Noten, Tempo und Instrumentierung verstanden, aber habe sich so ausdrücken können, „dass ich unsere Besprechungen mit einer Melodie im Kopf verließ“. Für Hitchcock sei die Musik zusammen mit der Handlung konzipiert und nicht im Nachhinein komponiert worden. Zwar behauptete Bernard Herrmann, der Regisseur habe ihm die musikalischen Entscheidungen überlassen und sich nicht eingemischt, wurde jedoch von seinem eigenen Biografen korrigiert.
Nachdem bereits Ende September „Psycho“ in der Reihe von Filmklassikern mit Livemusik zu sehen war, begleitet vom Luxembourg Philharmonic unter der Leitung von Anthony Gabriele, ist es am Samstag, den 10. Januar um 19.30 Uhr „Vertigo“ und am 13. März die musikalisch begleitete Stummfilmversion von „Blackmail“, von dem es eine teilweise vertonte Fassung gibt – damit der erste Tonfilm des großen Meisters. Die drei Filmkonzerte sind jeweils Koproduktionen von Philharmonie und „Cinémathèque de la Ville de Luxembourg“.

Der Meister des Suspense Foto: Jack Mitchell