Interview
Historiker Benoît Majerus: „Was hat das Nationalarchiv zu verbergen?“
Der luxemburgische Historiker Benoît Majerus hat kürzlich auf seiner Internetseite einen Text mit dem Titel „Was hat das Nationalarchiv zu verbergen?“ veröffentlicht und darin das Vorgehen des Archivs bei der Einsicht von Akten kritisiert. Das Tageblatt hat im Interview nachgefragt, worum es genau geht.
Benoît Majerus Foto: Editpress-Archiv/Fabrizio Pizzolante
Tageblatt: Herr Majerus, was haben Sie vom Nationalarchiv angefordert?
Benoît Majerus: Ich habe Anfang März 2023 Akten vom luxemburgischen Außenministerium angefordert, weil ich über die Connection zwischen Luxemburg und Panama im Kontext von Offshore-Firmen recherchiere.
Und dann kam erst mal eine Absage?
Genau, es kam eine Absage, was aber teilweise normal ist bei Dokumenten, die weniger als 75 Jahre alt sind. Man kann dann aber eine Ausnahme beantragen und mir wurde diese Ausnahme in diesem Fall auch bewilligt. Als es dann konkret um die Einsicht ging, haben sie aber gesagt: „Nein, das geht nicht, wir müssen das erst anonymisieren.“ Dieser Prozess hat dann sehr lange gedauert – fast fünf Monate ab der ursprünglichen Anfrage.
Was passierte dann?
Dann konnte ich mir die Sachen endlich ansehen, es waren aber fast alle Namen und auch ganze Seiten geschwärzt. Und eine der ersten Sachen, die man als Historiker macht, ist, Autor und Adressaten eines Textes zu identifizieren, was aber hier logischerweise dann gar nicht möglich ist. Das erschwert das Arbeiten natürlich sehr. Dazu kommen jetzt die extrem langen Wartezeiten, was eine Magisterarbeit fast unmöglich macht und eine Doktorarbeit sehr viel komplizierter. Außerdem musste ich für die Einsicht in einen separaten Raum im Keller gehen und es hat ein Beamter vom Archiv auf mich aufgepasst, damit ich keine Fotos mache oder ähnliches.
Kommt so etwas häufiger in dieser Form vor?
Ich bin jetzt schon seit 25 Jahren in Archiven unterwegs und habe das so noch nie erlebt.
War der Umgang mit dieser Akte denn ein Einzelfall oder ist das auch noch bei anderen passiert?
Nein, ich war nicht der Einzige, bei uns an der Universität sind mehrere Leute davon betroffen und keiner weiß auch so richtig, woher dieser Sinneswandel kommt, das muss sich offenbar irgendwann im April oder März 2023 geändert haben. Auf der Website des Archivs gibt es auch keine Erklärung oder offizielle Mitteilung über eine neue Regelung oder ähnliches. Es gibt auch meines Wissens kein neues Gesetz, das das erklären würde.
(Das Tageblatt hat das Nationalarchiv um eine Stellungnahme gebeten und wird entsprechend in den kommenden Tagen über die Antwort berichten.)