Hommage

Mario Adorf: Ein Kosmopolit der Bühne und Meister der Präsenz

Als Schauspieler war er ein Großer, sein Charme und sein Charisma bleiben unvergessen wie seine Rollen. Mario Adorf konnte Filme mit wenig Einsatz und manchmal ganze Serien mit nur einem Satz prägen.

Mario Adorf bei der Matinee der 4K-Restaurierung von „Winnetou I“ im Münchner Arri-Kino, Dezember 2023

Mario Adorf vor der Matinee der technisch überarbeiteten 4K-Fassung von „Winnetou I“ im Cafe des Münchner Arri-Kinos im Dezember 2023 Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Zuerst habe ich ihn gehasst. Damals im Dorfkino Mitte der 70er-Jahre, als „Winnetou I“ (1963) zwölf Jahre nach Entstehen der berühmten Karl-May-Verfilmung von Harald Reinl im Nachmittagsprogramm lief. Dass er Winnetous Schwester Nschotschi erschoss, habe ich ihm lange Zeit nicht verziehen. Mario Adorf spielte den Banditen Santer wie den Inbegriff des Bösen. Mit einem Lächeln und Zigarillo, sonnengebräunter Haut und gegeltem Haar war er in der Tat der perfekte Bösewicht, auch in späteren Filmen.

Dabei gefiel ihm die Rolle nicht besonders. Sie war ihm zu schlicht und ohne jeden psychologischen Hintergrund. Santer war einfach nur böse. Für einen anspruchsvollen Schauspieler wie Adorf war das zu wenig. Das Schauspielfach hatte er, nach dem Beginn in Zürich, in der Münchner Otto-Falkenberg-Schule gelernt und in den Kammerspielen, dessen Ensemblemitglied er von 1954 bis 1962 war, seine ersten Auftritte gehabt – der allererste als Maikäfer in „Peterchens Mondfahrt“. Noch später schwärmte er von dem berühmten Theater in der Maximilianstraße.

Adorf schien, so war der erste Eindruck, den man von ihm hatte, nicht viel Einsatz zeigen zu müssen, um in einer Rolle zu überzeugen. Doch er setzte sich mit seinen Figuren intensiv auseinander, erarbeitete sie also gründlich. So war es etwa mit der Rolle des geistig beeinträchtigten, angeblichen Serienmörders Bruno Lüdke in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957). Adorf bekam dafür den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsschauspieler. Später stellte sich heraus, dass die Nazis Lüdke die Taten untergeschoben hatten. Zu Ehren von ihm wurde später ein Stolperstein verlegt. Obwohl Adorf Lüdke eher als armen Teufel spielte, wurde er lange Zeit weiter als der Bösewicht vom Dienst gehandelt.

Tausendsassa mit großer Aura

Einige Jahre später fiel er mir als Alfred Matzerath, den Vater der Hauptfigur Oskar, in Volker Schlöndorffs Oscar-gekrönter und mit einer Goldenen Palme ausgezeichneten Günter-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ (1979) auf. Auch wenn sich Mutter Agnes, gespielt von Angela Winkler, in dem Film übergeben muss, gibt es bei der Familie zum Mittagessen Aal, „sauber ausjenommen und jewässert“, sagt Alfred Matzerath, ein treuer Nazi-Mitläufer. Zu dieser Zeit hatte Adorf mit seinen Rollen längst den Anschluss an den Neuen Deutschen Film geschafft, so bereits 1975 in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975), in dem er einen Kommissar spielte. Mit Rainer Werner Fassbinder verband ihn die gemeinsame Arbeit an „Lola“ (1981), in dem er einen Baulöwen spielte.

Adorf und Angela Winkler in einer Szene aus dem Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975)

Adorf und Angela Winkler in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) Foto: Hans Dürrwald/dpa

Adorf konnte alles spielen, ob Bosse oder Killer, in Italo-Western oder Mafia-Filmen, in Gaunerkomödien wie „Die Herren mit der weißen Weste“ (1970) oder „Bomber & Paganini“ (1976) mit Tilo Prückner, mit dem zusammen er in „Alte Bande“ (2019) noch mal als ältester Insasse eines Gefängnisses auftrat. Weniger in Erinnerung ist er mir als Mussolini oder Marx, dafür umso mehr als Charles Dump, Aufseher einer stillgelegten Mine in Roland Klicks großartigem Spätwestern „Deadlock“ neben Marquard Bohm und mit dem grandios eindringlichen psychedelischen Soundtrack von Can. Gedreht wurde er in der Negev-Wüste kurz nach dem Sechstagekrieg 1967 und veröffentlicht 1970. Aber nicht zuletzt auch als alter Gorian 2008 in Peter Kahanes Verfilmung von „Die rote Zora“. Aus Nschotschis Mörder war längst ein Tausendsassa mit einer großen Aura geworden. Nicht mehr gehasst, sondern verehrt.

Legendär und unvergesslich wie so viele Film- und Fernsehauftritte Adorfs, unübertroffen wie so viele ist der in Helmut Dietls Münchner TV-Kultserie „Kir Royal“ (1986). Als großkotziger Kleberfabrikant Heinrich „Heini“ Haffenloher sagt er zu Klatschreporter Baby Schimmerlos jenen berühmten Satz, der in einer Mischung aus Eifeler und rheinischem Dialekt lautet: „Isch scheiß dich sowatt von zu mit meinem Jeld, dass de keine ruhije Minute mehr hast.“ Es hatte die Zeit der großen Fernsehrollen begonnen wie etwa als Kaufhausboss in „Der große Bellheim“ (1993), als Unterweltboss in „Der Schattenmann“ (1996) und als „Beton-Walter“ in „Die Affäre Semmeling“ (2002), die letzten großen TV-Ereignisse, die man in Deutschland noch „Straßenfeger“ nennen konnte.

Eine Kindheit in der Eifel

Das Erzähltalent des Schauspielers war bekannt und kam sowohl in seinen Büchern als auch seinen Bühnenshows zur Geltung. Er gab Erinnerungen aus seinem Leben preis, wie etwa über seine Mutter, die den 1930 in Zürich geborenen Jungen allein erzog und nach Mayen in der Eifel mitnahm. Aus purer Not musste sie ihn einst für einige Jahre die Woche über in ein Waisenhaus geben, wo er Latein lernte und bei den Messen schnell textsicher wurde. Klassenclown und Scharführer beim NS-Jungvolk in der Kindheit sowie Bauarbeiter und Akkordarbeiter in der Bimsindustrie in der Jugend – bis er nach Zürich kam, um dort als Komparse unter den Großen des Metiers zu sein, dauerte es.

In dieser Zeit traf er für ein paar Minuten seinen Vater, einen italienischen Chirurgen und Klinikleiter namens Matteo Menniti, der einmal eine kurze Affäre mit Adorfs Mutter Alice gehabt hatte. Dieser sprach kein Deutsch und Adorf damals noch nicht Italienisch. Der Italiener in ihm ist aber geblieben. Oder es war mehr die Italien-Sehnsucht, die wiederum ganz typisch deutsch ist? Schließlich war schon Goethe von Italien begeistert. Adorf mochte gerne „Azzurro“ summen, schreibt sein Biograf Tim Pröse, früher Chefreporter bei der Abendzeitung, in dem Buch „Zugabe!“. Und Dolce Vita war für Adorf, der die Härten des Lebens und die Armut kannte, mehr als nur ein Begriff.

Isch scheiß dich sowatt von zu mit meinem Jeld, dass de keine ruhije Minute mehr hast

Mario Adorf als Heinrich Haffenloher

„Kir Royal“

Seine enorme Präsenz auf der Bühne und vor der Kamera besaß er von Anfang an. Er ließ darin bis ins hohe Alter nicht nach. Siodmak hatte ihn für die Rolle des Bruno Lüdke in den Kammerspielen entdeckt, wo er in der Bühnenfassung von Herman Wouks Roman „Die Caine war ihr Schicksal“ nicht einmal sprechen musste: „Er saß auf der rechten Bühnenseite als Stenograph und tippte auf einer stummen Schreibmaschine den Verlauf des Prozesses mit“, erinnerte sich Siodmak später, „das machte er mit einer solchen Aufmerksamkeit und Intensität, dass er auffiel.“

Adorf bei der Verleihung des Herbert Strate Preises in Köln, November 2019, offizielles Eventfoto

Adorf im November 2019 in Köln bei der Verleihung des Herbert-Strate-Preises Foto: Henning Kaiser/dpa

Sein Charme war umwerfend, sein Charisma gigantisch, und doch hatte er immer wieder diese besondere weiche Ausstrahlung eines Romantikers, die jeder kleinen Nebenrolle noch eine besondere Adorf-Note verlieh. So in Dani Levys Komödie „Der Liebling des Himmels“ (2015) als Therapeutenkoryphäe mit langem, weißem Haar und Schamanenhalskette. Adorf zeigte mit wenigen Mitteln eine starke Physis. Eben jene bereits angesprochene Präsenz war ein großer Teil, was ihn ausmachte, und die Aura eines Weltstars, wie Christine Dössel kürzlich in der Süddeutschen in ihrem Nachruf schrieb. Präsent ist und bleibt er, wenn wir an ihn denken, der liebe Bösewicht, der gar nicht böse war. Eine große Rolle war noch die „Alte Bande“ (2019).

Nicht zu vergessen der Adorf des Jetsets zwischen München, Paris, Rom und Saint-Tropez. In München, wo er, charmant und humorvoll wie eh und je, ein gern gesehener Gast der Schickeria wie etwa beim Filmball war, hatte er eine Wohnung in der Schwabinger Adalbertstraße. Mit Dietl drehte er 1997 noch den herrlichen „Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“, in der Mitte zwischen Komödie und Tragödie angesiedelt und mit Adorf als titelgebendem Restaurantchef. Als Weltstar betrachtete er sich nicht, Hollywood schien ihn nicht zu interessieren. Gestorben ist einer der großen europäischen Schauspieler am vergangenen Mittwoch in Paris im Alter von 95 Jahren. Und trotzdem ein Weltstar – ohne Allüren.

Mario Adorf als Kultfigur in der BR-Serie „Kir Royal“ – Szene mit mehreren Darstellern, zweite von links

Mario Adorf (2.v.l.) in der BR-Kultserie „Kir Royal“ Foto: Ursula Düren/dpa

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