Ausstellung in Luxemburg-Stadt

Haustier, Steak, Individuum – was das Publikum in „animalEch“ über sich und Tiere erfährt

Bevor wir sie fressen, streicheln wir sie: Die Ausstellung „animalEch“ im Nationalmuseum für Naturgeschichte (MNHNL) umreißt das komplexe Verhältnis zwischen Menschen und Tieren. Vielseitig, interaktiv, brutal. Rundgang mit dem Kurator Patrick Michaely.

Ausstellung „animalEch“ zeigt interaktive Kunst zur Beziehung zwischen Menschen und Tieren im Kontext von Konsum und Nachhaltigkeit

Auf Augenhöhe: Die Ausstellung „animalEch“ konfrontiert das Publikum unmittelbar mit seinem Verhältnis zu Tieren – und ihrem Konsum Foto: Isabel Spigarelli

Am Anfang war das Kaninchen im Spiegelkabinett. Es begrüßt das Publikum auf einem Podest, hinter ihm eine hypnotisierende Drehscheibe. „Wir folgen dem Kaninchen wie bei ‚Alice in Wonderland‘“, sagt Patrick Michaely, Museumsdirektor des MNHNL und Kurator der Schau, beim Rundgang mit dem Tageblatt. „Was ist charakteristisch für unseren Bezug zu Tieren? Dieser Frage gehen wir nach. Im Mittelpunkt steht unser persönliches Verhältnis zu Tieren, mit all seinen Widersprüchen – es ist keine Geschichtsausstellung.“

Historische Eckdaten

Und dennoch beginnt die Schau mit einem Abriss der westlichen Tierrechtshistorie. Genauer genommen mit dem antiken Philosophen Pythagoras (570-500 v.u.Z.). Der Vegetarier stellte, so der Ausstellungstext, Mensch und Tier gleich. In der christlichen Lehre waren die Tiere dem Menschen hingegen untergeordnet, galten als Nahrungslieferanten und Arbeitsutensil.

Patrick Michaely, Kurator und Direktor des MNHNL, beim Rundgang durch die Ausstellung mit dem Tageblatt

Die Arbeit an der Ausstellung hat ihn nachhaltig geprägt: der Kurator und Direktor des MNHNL Patrick Michaely beim Rundgang mit dem Tageblatt Foto: Editpress/Julien Garroy

Sie wurden als Ding betrachtet, konnten jedoch verklagt werden. Ohne Witz – 1492 wurde im französischen Abbeville ein Schwein wegen Kindsmord zum Tode verurteilt. „Auch Ratten, die als Schädlinge und Krankheitserreger galten, standen vor Gericht“, weiß Michaely. „Meinen Informationen nach mussten die Tiere physisch zum Gerichtstermin erscheinen.“ Eigene Recherchen ergeben: In der Forschung bestehen teilweise Zweifel an der Echtheit der Tierprozesse, doch es wurden über hundert Fälle überliefert. Ähnlich absurd: Die industrielle Massentierhaltung ist einem Zufall geschuldet. 1923 erhielt die US-Amerikanerin Celia Steele versehentlich 500 statt der 50 bestellten Legehennen. Sie verkaufte das überschüssige Fleisch gewinnbringend. Eine Geschäftsidee war geboren.

Es folgt ein Blick auf die Instrumentalisierung des Tierschutzes zur NS-Zeit. Die Nationalsozialisten erließen 1933 das erste umfassende Tierschutzgesetz im damaligen Deutschen Reich. Sie verboten damit die Quälerei von Nutztieren, aber ideologisch zielte die Verordnung vor allem auf die Herabsetzung jüdischer Schlachtungspraktiken (Schächtung) und auf die der „vermeintlich jüdische[n] Forschung mithilfe von Tierversuchen“ ab.

Und was ist mit Luxemburg? Das Großherzogtum taucht in Verbindung mit Nelly Moia auf. Moia, die 2025 verstarb, setzte sich seit den 1950er-Jahren für Frauen, Umwelt- und Tierschutz ein. Unter anderem durch Artikel im Tageblatt und im Lëtzebuerger Land. In den 1980er-Jahren prangerte sie in einem Artikel die Arbeit eines Insektenforschers des MNHNL („todbringenden Finger des Herrn Meyer“) an. Im Museum sorgte das für Empörung. „Die Sichtung von Nelly Moias Texten war ein Höhepunkt“, so Michaely. In der Ausstellung werden sie als „wichtige Beiträge“ in der Debatte zum ersten ausführlichen Luxemburger Tierschutzgesetz bezeichnet, das 1983 in Kraft trat. Ein Verweis auf die grundlegende Reform 2018 fehlt in der Schau. Ebenso wie Einblicke in die allgemeine Entwicklung des Tierschutzes in Luxemburg. „Das war nicht unser Ziel. Das Kapitel dient der allgemeinen Übersicht und liefert Anhaltspunkte“, argumentiert der Kurator.

Was auffällt: Der historisch-philosophische Exkurs klammert dabei nicht-westliche Kulturen aus. Obwohl der Umgang mit Tieren in anderen Kulturkreisen und Religionen, etwa dem Hinduismus, ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Das kommt nur kurz („Tiere in der Kultur“) zur Sprache. Michaely erklärt auf Nachfrage: „Wir mussten eine Auswahl treffen. Die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist uns hier wichtig, unter anderem deshalb befasst die Ausstellung sich vor allem mit den Entwicklungen im Kulturkreis der großen Mehrheit unserer Besucher – dem westlichen Kulturkreis.“

Spiel und Schießstand

Was der Schau an kultureller Diversität fehlt, macht sie mit partizipativen und multimedialen Stationen wett. Das holt vor allem Junggebliebene und Kinder ab. In einem Quiz können sie ihr Wissen über die Folgen der Domestizierung testen; auf einer Hörspielorgel mit Tiergeräuschen in die Tasten hauen und ein paar Schritte weiter mit Prozessakte in der Hand Waschbären und Biber verurteilen. Der Verhaltensforscher François Verheggen schlägt in zwei Videos hingegen ernstere Töne an, wenn er über die Überheblichkeit der Menschen spricht. Ein Spagat zwischen Unterhaltung und Information, der aufgeht. Vor allem, wenn Menschen die Ausstellung besuchen, die bis dahin keine Berührungspunkte mit den Themen hatten.

Besuchende als Ermittler*innen bei interaktivem Krimispiel entscheiden über Schuld des Waschbären in spannendem Erlebnis

Die Besuchenden schlüpfen in die Rolle der Ermittler*innen und dürfen am Ende selbst urteilen: Ist der Waschbär schuldig oder nicht? Foto: Editpress/Julien Garroy

Für sie dürften auch die offenen Fragen neu sein, die der Kurator an einer Stelle aufwirft: Können Wildtiere in menschlicher Obhut glücklich sein? Ist es richtig, Tiere als Eigentum zu betrachten? Sollten wir tierfeindliche Sprüche vermeiden, um Vorurteile abzubauen? Und ist es etisch vertretbar, Tiere zu essen? Bei Rundgängen sorge vor allem die letzte Frage für konstruktive Gespräche, verrät Michaely – „und das ganz ohne Anfeindungen!“.

Er zeigt auf ein weiteres Ausstellungselement: einen Schießstand mit Spielzeuggewehr. Statt Wildtieren stehen Luftballons zum Abschuss bereit. In der Nähe ragt ein imposantes Geweih in den Raum. „Dort greifen wir die Debatte um die Jagd auf“, erklärt er. „Wir wollen über die unterschiedlichen Positionen aufklären.“ Ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, betont er – den richtet das Museum auf sich selbst.

Über die Verantwortung von Naturmuseen …

Unweit des Luftballon-Jagdstands treffen die Besuchenden auf Schmetterlingssammlungen hinter Glas, ausgestopfte Vögel und ein Känguru. In einem Video beleuchtet der hauseigene Taxidermist (Mensch, der Tiere ausstopft, d.R.) Guillaume Becker seinen Berufsalltag. In einem inszenierten Atelier gibt es eine festgenagelte Tierhaut, frankensteinartige Vogelkreaturen oder auch eine grüne Arbeitsschürze zu entdecken.

Daran schließt eine historische Presseschau an: eine aufgeschlagene Revue zeigt einen Artikel von Th. Mey mit dem Titel „Riesenfledermäuse belagern die Kasematten“. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos tragen Männer eimerweise tote Fledermäuse aus den Kasematten. Im Beisein von Verantwortlichen des MNHNL, die sich aktiv an der Vergasung beteiligten. „Das wäre heute undenkbar“, kommentiert Michaely. Er verweist auf den geltenden Artenschutz und auf die Rolle des Museums. „Die Gesamtsituation hat sich gewandelt. Die Institution gilt nicht mehr als Anlaufstelle für solche Unterfangen. Das Team setzte sich zudem in den 1980er-Jahren stark für den Arten- und den Tierschutz ein.“

Allgemein müssten sich naturhistorische Museen kritisch hinterfragen. Er geht auf die Wichtigkeit der Insektenkunde zur Dokumentation der Artenentwicklung ein, spricht aber auch über die Provenienzforschung von größeren Tierexponaten. Ein Stichwort, das im Mainstream öfter zum Thema Raubkunst fällt. „Jäger bieten naturhistorischen Museen regelmäßig ausgestopfte Beute an“, offenbart er. „Manchmal zahlten sie für den Abschuss. Das sorgt in naturhistorischen Museen für eine Grundsatzdebatte.“ In der Sammlung des MNHNL befindet sich ein entsprechender Leopard. Ausgestellt wird er nicht. Lehne ein Museum solche Angebote ab, drohe das tote Tier weiterverkauft zu werden. „Ist es in dem Fall nicht besser, das Tier in die Sammlung aufzunehmen und für Bildungszwecke zu gebrauchen?“, fragt Michaely.

… und der Privatpersonen

Die Schau hält jedoch nicht nur Museen den Spiegel vor, sondern auch Einzelpersonen. So erinnert ein Roboter-Fisch im Aquarium an ein Experiment des Sozialpsychologen Laurent Bègue-Shankland* an der Universität Grenoble-Alpes im Jahr 2021: 750 Menschen sollten dem Versuchstier, das sie für echt hielten, Schaden zufügen. Es handelt sich um eine Neuauflage des Miligram-Experiments aus den 1960er-Jahren. Legt jener Test nahe, dass Menschen ihre Artgenoss*innen aus blindem Gehorsam quälen, geht aus Bègue-Shanklands Experiment hervor: Die Teilnehmenden entschieden sich bewusst dafür, den Fisch in Gefahr zu bringen. Zu Forschungszwecken oder aus Unkenntnis über das Schmerzempfinden des Tieres. Manche plagt danach ein schlechtes Gewissen, andere nicht.

Wer sich intensiv mit der Herstellung von Tierprodukten und den Folgen befasst oder sich allgemein in das Thema hineinkniet, kommt nicht umhin, die Industrie zu hinterfragen

Patrick Michaely

Kurator von „animalEch“ und Direktor des MNHNL

Ein ähnliches Dilemma durchleben vermutlich einige Fleischessende bei der Konfrontation mit der Tierschlachtung. Die bleibt dem Publikum von „animalECH“ nicht erspart. Ein Plastikvorhang – darauf ein Ferkel mit aufgerichteten Ohren – trennt den Bereich vom Rest der Ausstellung ab. Wer den Raum betritt, steht Ausschnitten der Doku „Unser täglich Brot“ (2006) von Nikolaus Geyrhalter und Schweinekadavern aus Pappe gegenüber. Schweine, aufhängt an den Hinterbeinen, flimmern über die Leinwand. Es ist still. Bilder, die nachwirken. „Das ist Alltag in Schlachthäusern. Es ist nicht das Ziel, Menschen zu schockieren“, versichert Michaely. „Für das Ausstellungsthema ist es unumgänglich, sich mit dem Tier als Nahrungsprodukt auseinanderzusetzen. Heute befinden sich Schlachthäuser oft fernab der Wohngebiete. Nur die wenigsten ahnen, wie sie aussehen, wie es dort riecht.“

Die Doku offenbart vor allem eins: Für viele Menschen sind Tiere Fleisch. Im Kontrast dazu steht das Ende des Ausstellungsparcours – die Schau beginnt mit dem Kaninchen, endet mit Taubenfotos der Fotografin Luisa-Maria Stagno und dem Löwen Freddy. „Uns fehlt ein Beleg, aber wir gehen stark davon aus, dass es sich hierbei um ein Tier aus dem Senninger Zoo handelt“, sagt Michaely. Freddy war eine Schenkung des österreichischen Sängers Freddy Quinn an den Tierpark, der von 1968 bis 1981/82 geöffnet war. Der Löwe gelang Anfang der 2000er-Jahre in die Sammlung des MNHNL.

Vom Objekt zum Unikat

„Früher begriff die Naturforschung Tiere als Objekt. Die Verhaltensforscherin Jane Goodall wurde in den 1960er-Jahren verspottet, weil sie Schimpansen Vornamen gab“, erinnert sich Michaely. „Das hat sich inzwischen verändert. Im letzten Ausstellungskapitel versuchen wir, die Biografie der Tiere zu rekonstruieren und sie als Individuen darzustellen.“

Zoolöwe Freddy erzählt seine Geschichte in animalEch – eindrucksvolles Porträt eines majestätischen Löwen.

Erzählt in „animalEch“ seine Geschichte nach: der Zoolöwe Freddy Foto: Editpress/Julien Garroy

So ergreift Freddy in einer Audioarbeit das Wort, während die Tauben das Publikum anstarren. Ohne zu gurren. „In naturhistorischen Museen wächst das Bewusstsein dafür, dass Tiere nicht nur Exponate sind, anhand derer wir Verhaltensweisen erklären: Sie sind Wesen mit eigener Biografie“, sagt der Kurator.

Die Recherche zu „animalECH“ hat ihn verändert. „Wer sich intensiv mit der Herstellung von Tierprodukten und den Folgen befasst oder sich allgemein in das Thema hineinkniet, kommt nicht umhin, die Industrie zu hinterfragen“, sagt er. „Doch verstehen Sie mich nicht falsch: Die Ausstellung ist kein Versuch, Menschen den Fleischverzehr auszutreiben.“ Er selbst ist allerdings inzwischen Vegetarier. Bisher der Einzige am Familientisch.

* Heute Abend zur Konferenz „Face aux animaux. Nos émotions, nos préjugés, nos ambivalences“ von 18.30 bis 20.00 Uhr im MNHNL zu Gast. Der Eintritt ist frei, die Veranstaltung auf Französisch. Weitere Infos zum Rahmenprogramm, u.a. mit François Verheggen: mnhn.lu. Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. August.

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