Jetzt auch in Luxemburg

HBO Max hält mit „I Love LA“ eine Serie bereit, die zwischen Matcha und Instagram existenzielle Fragen aufwirft

Der Streamingdienst HBO Max ist ab jetzt in Luxemburg verfügbar, doch was gibt es dort zu entdecken? Unter anderem einen Streifzug durch LA, Social Media Bubbles und Generationen. Eine Kritik von „I Love LA“.

True Whitaker, Jordan Firstman und Odessa A‘zion in der Serie „I Love LA“ vor einer Los Angeles Kulisse

Entführen das Publikum nach LA: True Whitaker (M.), Jordan Firstman (l.) und Odessa A’zion (r.) in der Serie „I Love LA“ Copyright: Courtesy of HBO/Quelle: imdb.com

Tote Augen, eine nervig-knisternde Stimme und der eigentliche Hauptdarsteller: das Internet. Rachel Sennotts Serie „I Love LA“ ist aus genau diesen Zutaten gemacht. Der Titel ist dabei weniger ein Liebesbekenntnis als eine bewusst überzeichnete Behauptung, die den Inhalt voraussagt. So wie man auch ziemlich genau wüsste, wie eine Serie namens „Ech lieben Lëtzebuerg“ aussehen würde: stundenlanger Stau, Tratsch über dieselbe Person, die wirklich jede*r kennt, und Probleme, die man nicht lösen will, weil sie paradoxerweise Teil der eigenen Identität geworden sind. Es geht um Klischees, die nerven, weil sie zu nah an der Wahrheit liegen.

Auch „I Love LA“ lebt von diesen Klischees. Die Serienmacher*innen wussten genau, worauf sie sich einließen, genauso wie das Publikum. Dennoch schafft die Serie es, ihren Zuschauer*innen einen Spiegel vorzuhalten. Dabei offenbart das Spiegelbild keine Tiefe, sondern wirft zurück, was im Alltag vieler Menschen ohnehin ständig präsent ist: Selbstinszenierung, Ambivalenz und das Gefühl, Teil einer Generation zu sein, die sich selbst nicht wirklich definieren kann.

Willkommen im Social-Media-Universum

Im Zentrum der Erzählung steht Maia (Rachel Sennott), Talentmanagerin bei der Agentur Alyssa 180. Der Name verspricht: Wer sich einmal um die eigene Achse dreht, hat eine Zukunft. Ironisch, denn das System, in dem sich die Charaktere befinden, verhindert diesen Wandel. Maia gehört zur sogenannten Zillennial*-Generation: zu jung, um sich voll mit der Millennial-Melancholie zu identifizieren, zu alt, um den optimistischen Hyperdrive der Gen Z glaubhaft zu unterstützen. Diese Zwischenposition ist kein Übergang, sondern ein Dauerzustand.

Maia arbeitet unter Alyssa, ihrer Chefin, einer klassischen Millennial-Figur, gespielt von Leighton Meester. Alyssa verkörpert eines der hartnäckigsten LA-Klischees: das Nicht-Altern-Wollen. Ihre Beziehung zu Maia ist kein Mentoring mehr – es erinnert schon fast an ein parasitäres Verhältnis. Alyssa eignet sich die Zillennial-Ästhetik an, trinkt aus ihrem Stanley-Tumbler mit Strohhalm – dabei bloß keine Lippen kräuseln, man will schließlich keine Falten – und nutzt Maia als Projektionsfläche für ihre eigene Angst vor Relevanzverlust. Jugend wird hier nicht erlebt, sondern verwaltet.

Talentmanagerin Maia konzentriert sich engagiert auf ihre Arbeit im modernen Büro mit Laptop und Notizen

Für Talentmanagerin Maia dreht sich alles um die Arbeit Copyright: Courtesy of HBO/Quelle: imdb.com

Maia wiederum definiert sich fast ausschließlich über Arbeit. Karriere steht an erster Stelle, Freundschaften und Moral sind verhandelbar. Das zeigt sich drastisch, als sie ihre beste Freundin Tallulah (Odessa A’zion) auf Instagram blockiert, um berufliche Konsequenzen zu vermeiden, nachdem diese eine Designer-Tasche von einer anderen Influencerin gestohlen hat. In diesem Moment scheint Maia Kontrolle auszuüben, eine klare Grenze zu ziehen. Doch diese Kontrolle erweist sich als Illusion.

Tallulah kehrt nämlich zurück und bringt Chaos mit. Um ihre Position in der Agentur zu stärken, präsentiert Maia ausgerechnet sie als potenziellen neuen Influencer-Star. Die Diebin wird zur Marke, das Problem zur Chance. Mit genau dem rhetorischen Geschick, das man sich in digitalen Ökosystemen aneignet – Gaslighting, Umdeutung, kalkulierte Ehrlichkeit – überzeugt Maia ihre Chefin. Was folgt, ist eine Art Selbstversuch: Kann man alles verkaufen, wenn man es nur gut genug „framed“?

Zwischen Authentizität und Überzeichnung

Parallel dazu erzählt die Serie von Alani (True Whitaker) und Charlie (Jordan Firstman), zwei Nebenfiguren, welche die Abbildung des sozialen Umfelds in LA erweitern. Alani ist ein naives Nepo Baby (abfällige Bezeichnung für Kinder berühmter oder einflussreicher Eltern), dessen größte Sorgen sich um Selbstfürsorge und elterliche Erwartungen drehen. Charlie hingegen entspricht dem bekannten Narrativ des queeren Jungen aus der Kleinstadt, der nach Los Angeles zieht, um es als Stylist zu schaffen. Seine Geschichten schwanken zwischen Tragik und Groteske: One-Night-Stands mit emotionalem Nachhall, unerwiderte Leidenschaften und ein Matcha-Barista, dem er öffentlich entgegenschreit, dass der „vor Kurzem noch drei Finger in ihm hatte“.

Diese Momente wirken bewusst überzeichnet, fast unrealistisch. Und doch liegt darin ein Stück Wahrheit. Es sind genau die Geschichten, die es im echten Leben gibt – nur würde sie niemand ernst nehmen. Die Serie lebt von dieser Spannung zwischen Authentizität und bewusster Übertreibung.

Formal erzählt „I Love LA“ wenig Spektakuläres. Die zehn halbstündigen Episoden folgen keiner klassischen Dramaturgie, sondern wirken wie lose Momentaufnahmen. Das ist die Stärke der Serie. Sie will nichts erklären, nichts auflösen, nichts moralisieren. Sie beobachtet und lässt stehen.

Der Soundtrack verstärkt dieses Gefühl. Er ist durchzogen von Zillennial-Nostalgie, von Songs, die an eine Zeit erinnern, in der das Internet noch ein Versprechen und nicht nur eine Belastung war. Gleichzeitig bleibt alles flüchtig. Beziehungen, Jobs, Freundschaften, nichts ist stabil genug, um als Halt zu dienen.

Die Serie spricht außerdem offen über Themen wie Sex, Drogen, Eifersucht und Selbstinszenierung, ohne sie zu dramatisieren. Sie zeigt ihre Figuren im Höhenflug ebenso wie im peinlichen Absturz und nimmt ihnen dabei jede Heroisierung. Das macht sie anstrengend, aber auch authentisch. Denn viele dieser Situationen sind näher an unserem eigenen Leben, als wir es je zugeben würden.

Vielleicht erklärt das auch, warum „I Love LA“ bei älteren Generationen auf Ablehnung stößt. Von außen wirkt sie wie reiner Brainrot: zu laut, zu oberflächlich, zu beliebig. Für manche macht das jedoch ihren kulturellen Mehrwert aus. Sie fordert dazu auf, vom moralischen Hochsitz herabzusteigen und anzuerkennen, dass auch scheinbar banale Probleme existieren dürfen. Dass es für manche Menschen wirklich wichtig ist, auf die Party einer bestimmten Influencerin eingeladen zu werden oder nicht das Gesicht einer Käsecracker-Werbung sein zu wollen.

Denn blickt man genauer hin, unterscheiden sich diese Konflikte kaum von anderen existenziellen Fragen. Auch Maia und ihre Freund*innen kämpfen mit Selbstzweifeln, beruflichem Druck und der Angst, stehenzubleiben. Sie wissen nicht, wohin es geht, nur dass Stillstand keine Option ist.

* Unter Zillenials versteht man allgemein Menschen, die sich an der Schnittstelle zwischen den Millennials (Generation Y) und der Generation Z befinden. Sie wurden zwischen den frühen Neunzigern und dem Beginn der 2000er Jahre geboren.

Auf HBO Max.

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