Zwischen Aufbruch und Wiederkehr
Guy Helmingers Poesie und sein achter Gedichtband „Gebäude für Breitengrade“
In seinem achten Gedichtband führt Guy Helminger das weiter, was er parallel zu den anderen literarischen Gattungen schon immer getan hat: Dichten, was das Zeug hält, in dauerhafter Bewegung.
Guy Heminger auf Reisen, hier 2019 in Brasilien. Seine Aufzeichnungen dazu erschienen 2022 unter dem Titel „Die schwere Naht der Flüsse“. Foto: Guy Helminger
Es spricht eigentlich alles für sie. Lyrik steckt meistens, wenn sie nicht in einem dicken Band gesammelt ist, in handlichen und schmalen Büchern. Gedichte lassen sich in kurzen Etappen – sozusagen: als literarische „Häppchen“ – unterwegs im öffentlichen Transport und zwischendurch oder im Café lesen. Allgemein haben es Gedichte jedoch schwer auf dem Buchmarkt. Sie gelten oft als hermetisch und schwer verständlich. Selten hört man die Frage „Hast du den neuen Gedichtband von dieser Autorin oder jenem Autor gelesen?“ Die Anhängerschaft ist überschaubar. Daran haben auch die beliebten Poetry Slams nicht viel geändert, wo es vor allem um die Performance geht.
Dabei ist das Problem alles andere als neu. Sogar unter berühmten Literaten gab es im vergangenen Jahrhundert einige Lyrikverächter, etwa Alfred Döblin: „Ich verfluche das lyrische Gedicht. Ich will es nicht sehen und nicht hören. Ich habe es noch niemals gemocht“, schrieb der Romanschriftsteller 1948. Gemeint hat er wohl die allgemeine, reimende Gebrauchslyrik aus Poesiealben und Zeitschriften, die auch Gottfried Benn zu Beginn seines berühmten Vortrags 1951 an der Universität Marburg über die „Probleme der Lyrik“ erwähnte.