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Gusty Graas über die Geschichte einer Weltstadt: Wie Rom sich immer wieder neu erfand
Eine Stadt, die jährlich wie ein Magnet auf Millionen Touristen wirkt. Eine Stadt, die wie kaum eine andere Vergangenheit mit Moderne verkörpert. Rom steht für ein riesiges antikes Reich sowie für kirchliche und politische Macht. Es lohnt sich also, die historische Entwicklung dieser Metropole etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Blick auf das Kolosseum: Rom bleibt spektakulär Foto: AFP/Andreas Solaro
Die Errichtung der Ewigen Stadt basiert auf einem vom Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) erzählten Mythos, laut dem sich nach der Zerstörung seiner Heimatstadt Troja der Königssohn Aeneas in Italien niederließ. Als Folge davon wurden die Zwillinge Romulus und Remus im Tiber ausgesetzt und von einer Wölfin aufgezogen.
Romulus gründete schließlich Rom und brachte seinen Bruder um. Das Gründungsdatum 21. April 753 v. Chr. muss aber in den Bereich der Fantasie gesetzt werden. Erste menschliche Spuren können auf 1500 v. Chr. datiert werden. Um 500 v. Chr. errang Rom den Status als Stadt.
In dieselbe Zeit fiel auch die von führenden Familien geschaffene Republik. Konturen einer ersten Institution wie die des Senats waren dann zu erkennen. Würdevolle Amtsträger waren Konsuln und Prätoren. Der römische Historiker Polybios sah in dem Zusammenspiel zwischen Monarchie, Aristokratie und Demokratie das Erfolgsgeheimnis Roms, das im 2. Jahrhundert v. Chr. bereits 200.000 Einwohner zählte. Getreu dem Motto „Brot und Spiele“ wurden Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe und sogar Hinrichtungen organisiert, die unter anderem im gigantischen Circus Maximus mit seinen 250.000 Zuschauerplätzen stattfanden.
Cäsar rückt ins Rampenlicht
Nach dem Rücktritt des Diktators Sulla im Jahre 79 v. Chr. erschien zusehends der junge, hoch verschuldete Patrizier Gaius Julius Cäsar im Rampenlicht. Mit dem Überschreiten des Flusses Rubikon leitete er den Krieg gegen seinen Widersacher Pompeius ein. Den entscheidenden Sieg errang er im August 48 v. Chr. bei Pharsalos, woraufhin sich um seine Person ein großer Personenkult entwickelte. Am 15. März 44 v. Chr. fiel Cäsar allerdings einem Attentat zum Opfer.
Mit Gaius Octavius, der 27 v. Chr. den Namen Augustus annahm, wurde mit der Gründung einer Staatsform, des Prinzipats, eine tiefgreifende neue Ära eingeläutet. Der erste römische Kaiser legitimierte die Herrschaft durch seinen Einfluss. Die Nachfolger Caligula und Nero hingegen sahen in der Ausübung ihres Amtes eher eine unumschränkte Machtfülle. Der Selbstmord Neros im Juni 68 führte zu einem Gerangel um seine Nachfolge, aus dem Titus Flavius Vespasianus als Gewinner hervorging.
Ab 284 wurde das riesige römische Reich unter Kaiser Diokletian in getrennte Herrschaftsbezirke aufgeteilt. Es folgte die sogenannte Tetrarchie, bestehend aus zwei Oberkaisern und zwei Unterkaisern. Das Christentum rückte in der Stadt immer mehr zum Mittelpunkt der Kulte auf, und nach dem Sieg Konstantins gegen Maxentius an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 etablierte es sich gar als Staatsreligion. Über das Dokument Constitutum Constantini, eine Fälschung, die 400 Jahre später angefertigt wurde, soll Kaiser Konstantin Papst Silvester die Oberhoheit über Rom und das Reich verliehen haben. Mit der Aufteilung des Imperiums unter den Söhnen des letzten Kaisers Theodosius (379–395) in eine West- und Osthälfte setzte sich der Niedergang Roms fort. Regelmäßig forderten die Bischöfe der Ewigen Stadt einen Primat in der Kirche.
Durch Kaiser Justinians Rückeroberung Italiens ab 535 verlor Rom seinen Status als Metropole. Nach der Invasion der Langobarden Ende des 6. Jahrhunderts mussten die Nachfolger Petri sich am Tiber neu ausrichten. Es dauerte bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts, bevor eine Loslösung vom Byzantinischen Reich erfolgen konnte. Die Kaiserwürde bedurfte nun der Legitimität durch den Papst. Allerdings sorgten die Tuscolaner- und Crescentier-Päpste für einen moralischen Tiefpunkt. Der Salier Heinrich III. löste das Problem dreier rivalisierender Päpste, indem ein aus Deutschland stammender Pontifex Maximus ernannt wurde. Politische und kirchliche Machtkämpfe bestimmten die Tagesordnung in vielen Städten Italiens. Nach der Bannung Heinrichs IV. und seinem Bußgang nach Canossa im Jahre 1077 erhielt der Konflikt sogar kriegerische Züge.
Rom, das im Jahr 1300 etwa 50.000 Einwohner zählte, übte fortan eine große Anziehungskraft auf den europäischen Frömmigkeitstourismus aus. Einigkeit in der Kirche herrschte allerdings nicht: Clemens V. verlegte den Sitz der Kurie 1309 nach Avignon. Es dauerte bis 1377, ehe Gregor XI. wieder nach Rom zurückkehrte. Doch sollte sich das Papsttum 1389 erneut spalten. 1409 kam noch ein dritter Papst hinzu. Erst das Konzil von Konstanz (1414–1418) konnte dem Schisma ein Ende setzen. Diese Streitigkeiten hatten desaströse Konsequenzen für die verarmte, 1420 nur noch 25.000 Einwohner zählende Stadt am Tiber.
Die Macht der Päpste
Papst Nikolaus V. (1447–1455) leitete dann eine Epoche ein, in der eine imposante Architektur die kirchliche Macht symbolisieren sollte. Herausragendes Projekt des Neuen Roms war natürlich der Neubau der Peterskirche. Unter dem Gelehrten Pius II. fand die Elite des Humanismus Eingang in die Kurie. Als Vorbild galt das antike Rom. Mit den Schriften des Florentiners Niccolò Machiavelli (1469–1527) erlebte die Stadt der Vergangenheit wieder eine Renaissance. Sixtus IV. (1471–1484) sorgte für ein Aufblühen des päpstlichen Nepotismus. Der Bau vieler Prunkbauten symbolisierte zusätzlich diese Epoche. Die Prostitution florierte ebenfalls. Die Gier nach Luxus sollte zur moralischen Dekadenz führen. Der deutsche Humanist Ulrich von Hutten (1488–1523) sprach von einem „Zentrum des Unglaubens“. Papst Julius II. förderte den Neubau der Petersbasilika, die dann 120 Jahre nach der Grundsteinlegung 1626 geweiht werden konnte. Im Mai 1527 erlebte Rom indes seine fünfte Plünderung in zwei Jahrtausenden.
Ab dem 17. Jahrhundert breitete sich ein neuer Kunststil aus, den Experten „barock“ nannten. Mit der Wahl Innozenz’ XI. sollte die Stadt dann von einem neuen Zeitabschnitt beeinflusst werden, schränkte er doch die Aufwendungen für den päpstlichen Palast ein. Sein Nachfolger Innozenz XII. versuchte, das karitativ geprägte Bild des Papsttums durch bauliche Akzente zu ergänzen. Das Volk kam vermehrt in den Genuss von Unterhaltung und Spielen.
Die Wirren der Französischen Revolution machten auch vor dem päpstlichen Rom nicht halt. 1798 marschierten französische Truppen in die Ewige Stadt ein, und am 15. Februar wurde die Republik ausgerufen, 18 Jahrhunderte nach ihrem Ende unter Kaiser Augustus. Der greise Pius VI. starb ein Jahr später in seinem Exil in Valence.
Rom unterlag einer sogenannten „geistigen“ Säuberung und sollte sich fortan als Stadt der Freiheit und der Gerechtigkeit präsentieren. 1801 gewährte der Erste Konsul Napoleon Papst Pius VII. wieder Rom und einen Zwergstaat. Der Wiener Kongress von 1815 stellte den Kirchenstaat erneut her, der nicht zögerte, alsdann die römischen Juden im Ghetto einzuschließen. Gegen den aufkommenden Geist des Risorgimento (Wiederauferstehung) im Sinne der Errichtung eines Nationalstaates wehrte sich das Papsttum. Liberal hieß eben für die Klerikalen, kirchenfeindlich zu sein. Unter der Führung von Giuseppe Mazzini wurde im Februar 1849 die Republik ausgerufen.
Der französische Staatspräsident Louis Napoleon Bonaparte versuchte daraufhin, dem Papst wieder seine Hauptstadt zurückzuerobern. Allerdings stieß er auf erbitterten Gegenwind durch die Truppen von Garibaldi, die sich schlussendlich dem übermächtigen Gegner geschlagen geben mussten. Pius IX. regierte wieder in der Ewigen Stadt, die unter der savoyisch-piemontesischen Dynastie in den 1861 geschaffenen italienischen Nationalstaat einverleibt und durch ein von König Viktor Emanuel II. am 3. Februar 1871 unterzeichnetes Gesetz zur Hauptstadt des Königreichs erklärt wurde.
Bibliografie:
– Reinhardt Volker, Geschichte Roms, Verlag C.H. Beck, 4. Auflage 2025, München