Filmkritik
„Father Mother Sister Brother“: ein stilles Triptychon über erratische Väter, verschlossene Mütter und Geschwisterbande
In „Father Mother Sister Brother“ seziert Jim Jarmusch familiäre Beziehungen und feiert sich nostalgisch künstlerisch selbst.
Ungleiches Geschwisterpaar: Vicky Krieps (l.) als Influencerin Lilith und Cate Blanchett (r.) als Vorzeigetochter Timothea Quelle: imdb.com/Foto: Yorick Le Saux
Es beginnt verpixelt, als wäre eine alte Diafilm-Rolle eingesetzt worden ... Jim Jarmusch war schon immer Avantgarde, noch lebend ist er längst zur Filmlegende geworden. In seinen Arthousefilmen setzt er auf kauzige Gestalten, gesellschaftliche Outsider und seit jeher auch auf Stars.
Unvergessen bleibt sein Anti-Western „Dead Man“ (1995) mit Johnny Depp, den er in Schwarz-Weiß drehte und der einem by the way die Sinnlosigkeit der Jagd vor Augen führte. Man erinnere sich an Tom Waits, der schon 1985 in seinem Meisterwerk „Down by law“ den Knastbruder „Jasper“ gab, der mit zwei Kumpeln ausbricht.
Auch in seinem jüngsten Werk, „Father Mother Sister Brother“, einem Episodenfilm, der 2025 im Hauptwettbewerb der Filmfestspiele von Venedig Premiere feierte, wo er prompt den Goldenen Löwen gewann, begegnen einem bekannte Namen, darunter Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps (!), Sarah Greene, Indya Moore und Luka Sabbat.
Im Film, der sich aus drei unzusammenhängenden Kapiteln zusammensetzt (nur eine Rolex, Skater und das einander Zuprosten mit Wasser, Tee und Kaffee verbindet die Geschichten lose), führt Jarmusch drei entfremdete Familienbeziehungen vor.
Verklemmte Eltern-Kind-Beziehungen
Er zeichnet deprimierende wie komische Prototypen und macht verklemmte Eltern-Kind-Beziehungen und ihre Entfremdung greifbar. Es sind drei Episoden, die sich in den USA, Irland und Frankreich zutragen, die Einblicke geben in ganz normal komplizierte familiäre Beziehungen, wie sie einzigartig und in ihrer Unfähigkeit, sich einander zu öffnen und zu verstehen, doch universell sind.
In einer ländlichen Gegend in den USA fahren Jeff (Adam Driver, zuletzt großartig als Busfahrer in „Paterson“, 2016) und Emily (Mayim Bialik) auf einer verschneiten Straße zu einem Wiedersehen mit ihrem zurückgezogen lebenden Vater. „Wrong way“ ist auf einem Schild zu lesen und zwischendrin müssen sie scharf abbremsen, als ihnen Skater mitten auf der Straße entgegenschweben.
Der alte Vater (Tom Waits) lebt messihaft in einem Haus am See. Die Aussicht durch die verschmierten Fenster ist malerisch und die Möbel scheinen die Vergangenheit förmlich zu atmen. Seine Künstlerseele kaschiert er unter einer offen zur Schau gestellten Zerstreutheit. Wenn die Kinder steif auf dem Sofa ihm gegenüber Platz nehmen und ihn besorgt begutachten, überträgt sich die Spannung auf die Zuschauer:innen.
Tochter Emily fragt sich, wie er ohne Sozialhilfe nach dem Tod ihrer Mutter über die Runden kommt und Sohn Jeff schleppt eine Kiste voll Feinkostlebensmittel ins Haus und steckt ihm ein paar Scheine zu. Während der Wasserhahn tropft, blitzt eine Rolex am Handgelenk des Vaters auf. Eine Replik, erklärt er seinen Kindern, bevor er diese erleichtert rausschiebt und mit der unerwarteten Zuwendung in seinen verdeckt gehaltenen BMW 635, „Porsche Killer“, steigt, um einen drauf zu machen.
Porsche Killer versus Toyoto Corolla
Das Geschwisterpaar ist irritiert: „You can choose your friends, you can choose your lovers, but you can’t choose your family“, fasst es Jeff in Worte, während der offensichtlich Aufgestiegene seinen USV Range Rover durch die verschneiten Straßen manövriert.
Anhand der Autos kennzeichnet Jarmusch die gesellschaftliche Stellung seiner Figuren, markiert sie augenzwinkernd als coole Outsider und Bohemians oder als verklemmte Spießer.
Der Cast ist durch und durch gelungen. So gibt Charlotte Rampling im Kapitel „Mother“ wunderbar die etwas gezwungene bourgeoise Schriftstellerin und Mutter, die ihre beiden Töchter einmal im Jahr zum Tee empfängt. Das Treffen mit Timothea und Lilith ist der einzige Tag im Jahr, an dem sie sich tatsächlich sehen, obwohl sie alle drei in Dublin leben.
Timothea (Cate Blanchett als langweilige Vorzeigetochter) fährt einen Toyota Corolla, eines der sichersten und hässlichsten Autos der Welt, und hat unterwegs eine Panne. Unbedarft rüttelt sie an dem Motor herum und gerät in Panik bei der Vorstellung, zu spät zum Tee zu kommen. Lilith (Vicky Krieps mondän mit hellrosa Haaren) bittet hingegen ihre Freundin Jeanette, sich als Uber-Fahrerin auszugeben.
Steif dann die Teerunde am reich gefüllten Tisch. Die Plätzchen, Kuchen und Macarons filmt Jarmusch (von jeher ein Markenzeichen von ihm) von oben. Die verkrampfte Atmosphäre kann allein Lilith ein Stück weit durchbrechen. Sie lümmelt sich in den Sessel und knabbert schon mal die Teilchen an – nicht ohne die malerisch gedeckte Tafel unter dem strafenden Blick der Mutter für Instagram abzufotografieren. Und während Timothea von ihrer Beförderung im Amt für Denkmalschutz erzählt, fällt ihr Lilith von ihren Erfolgen als „Influencerin“ plappernd ins Wort. – Wobei weder Schwester noch Mutter zu wissen scheinen, wovon sie spricht.
Tom Waits und Vicky Krieps als Bohemians
Was verbindet Tom Waits und Vicky Krieps, abgesehen davon, dass sie in dem Film beide eine Rolex tragen? In „Father Mother Sister Brother“ sind sie die Bohemians, die das Leben auf ihre Fasson genießen und begriffen haben, dass sie ihr Sein am besten ohne Übergriffe durch ihre Familienangehörigen ausleben.
Am Ende der verkrampften und doch emotionalen Zusammenkunft, stehen Mutter und Töchter schweigend vor der Haustür und warten auf das Uber. So zieht das Leben vorbei und jede:r geht seinen Weg.

Schwelgen in Kindheitserinnerungen: Skye (r., Indya Moore) und Billy (l., Luka Sabbat) in ihrer alten Pariser Wohnung Quelle: imdb.com/Foto: Carole Bethuel
Den anstrengenden Eltern-Episoden setzt Jarmusch im dritten Kapitel, „Sister – Bother“ eine innige Beziehung entgegen. Irgendwo in einem Pariser Bistrot trifft sich das attraktive Geschwisterpaar Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat). Nach dem Tod ihrer Eltern bei einem Flugzeugabsturz auf den Azoren finden sie, während der Fahrt in einem wunderschönen alten Volvo (P1800 ES) zu ihrem früheren Zuhause, durch Kindheits-Erinnerungen wieder zueinander. Ist eine gute Beziehung erst nach dem Ableben der Eltern möglich, scheint Jarmusch zu fragen und feiert zugleich die Stadt der Liebe, durch dessen malerische Gassen das Geschwisterpaar im „Schneewitchensarg“ gleitet.
Betörende Retro-Ästhetik
In seinen Von-Oben-Aufnahmen bleibt sich Jarmusch treu ... Durch die Scheiben des Autos sehen wir auch die beiden Skateboard-Fahrer verlangsamt durch die Luft fliegen. Jarmusch hatte schon immer die Gabe, Subkulturen in poetischen Bildern festzuhalten.
Und doch wirken die Dialoge trotz der betörenden Retro-Ästhetik der Filmeinstellungen bisweilen etwas gestrig. „Wie schnell die Zeit vergeht. – Wie sich alles verändert“, geben die Zwillinge von sich. Es sind Dialoge, die von Wehmut nach den letzten Jahrzehnten durchzogen sind. Ähnlich wie bei Wim Wenders („Perfect Days“, 2023), ist „Father Mother Sister Brother“ damit auch eine Liebeserklärung an vergangene Zeiten und im Zelebrieren alter Gegenstände, wie dem Kabeltelefon oder schöner Autos, ein Film, der Retro und bisweilen etwas forciert-trotzig seine eigene filmische Ästhetik beschwört und sich damit selbst ein Denkmal setzt. Freilich ein weiterer sehenswerter Jarmusch-Film. Noch immer groß in der Ästhetik, aber nicht mehr großartig. Ist es vielleicht Zeit, aufzuhören?
„Father Mother Sister Brother.“ Regie: Jim Jarmusch. Mit: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Sarah Greene, Indya Moore, Luka Sabbat; 110 Minuten. Im Cine Utopia und Utopolis Belval.