„Boots“ bei Netflix
Eine Serie, die das Pentagon als „woken Müll“ beschreibt
Die biografische Serie „Boots“ veranschaulicht, was es bedeutet, schwul zu sein und im US-Militär der Neunziger zu dienen. Trotz großen Erfolgs wurde diese Woche angekündigt, dass es keine zweite Staffel geben wird. Ein kritisches Review – und ein Gespräch mit Luxemburgs erstem offen transgeschlechtlichen Polizisten.
Am Ende fehlt „Boots“ eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit Foto: Netflix
Die im Oktober veröffentlichte Serie „Boots“ folgt einem schwulen Jugendlichen und seinem besten Freund während ihrer Zeit im Trainingslager der US-Marine 1990. Das Problem: Zu dieser Zeit war es illegal, im US-Militär schwul zu sein. Über acht Folgen erlebt man – oft mit Humor, doch auch mit viel Herzschmerz –, wie Cameron Cope, gespielt von Miles Heizer, seine Sexualität geheim hält und sich langsam, aber sicher in die Macho-Welt der Marines einlebt. Die Serie hat das klassische Gefühl einer Coming-of-Age-Produktion, in der man Jugendliche bei ihrer Selbstfindung begleitet – in diesem Fall jedoch innerhalb eines toxisch maskulinen Raums.
Elias Scheer ist großer Fan der Serie. Seit 2016 arbeitet er fest als Polizist in Luxemburg und seit kurzem ist er offen als transgeschlechtlicher Mann bei der Arbeit. „Ich machte meinen Dienst lange Zeit als Frau“, erklärt Scheer. Während der Covid-19-Pandemie fand er jedoch die Zeit, um sich mehr mit sich selbst auseinanderzusetzen. Mit der Hilfe von Freunden „nahm ich meinen Mut zusammen und entschied mich, meinen Weg so zu gehen. Ich wusste, dass ich, falls ich so wie zu der Zeit davor weiterleben würde, nicht zufrieden oder sogar depressiv werden würde.“ Nun ist Scheer der erste offene trans Mann in der Luxemburger Polizei. Ganz anders als in „Boots“ war seine Erfahrung positiv.
In „Boots“ werden den Trainierenden wiederholt schwulenfeindliche Ausdrücke zugerufen. Wenn jemand nicht kräftig oder stark genug ist, wird er von den Marine-Ausbildern als „schwul“ betitelt. Jedoch bleibt es nicht nur dabei. Hinter den Kulissen des Trainingslagers läuft auch eine Untersuchung gegen einen der Ausbilder. Der Verdacht besteht, dass dieser das Gesetz gebrochen hat – und selbst schwul ist. Diese Gesetzeslage ist jedoch kein Relikt der Neunziger, sondern galt bis 2013. Eine Kritik gegenüber dieser legalen und auch sozialen Homophobie steht klar im Vordergrund der Serie.
Diskriminierung in Luxemburg
Auch in Luxemburg findet sich Diskriminierung in der Militärgeschichte. Erst seit 1979 dürfen Frauen als freiwillige Soldatinnen in die Armee – seit 1986 dann auch als Berufssoldatinnen, wie „CID Fraen an Gender“ erklärt. Bezüglich gesetzlicher Diskriminierung gegenüber schwulen Menschen sticht hervor, dass 1974 Homosexualität entkriminalisiert wurde. In Deutschland wurden bis 1994 queere Männer strafrechtlich verfolgt – auch mit Haftstrafe. Dies war nicht auf das Militär begrenzt.
Scheer ist froh, dass Luxemburg sich seitdem weiterentwickelt hat – auch wenn LGBTIQ+-Organisationen noch immer von zahlreichen legalen sowie sozialen Problematiken sprechen, so die automatische Anerkennung der Elternschaft von gleichgeschlechtlichen Eltern oder systematische Hürden für trans Menschen im Gesundheits- und Rechtssektor.
Scheer selbst hatte eine sehr positive Erfahrung auf der Arbeit. Als er sein Coming-out als trans Mann hatte, merkte er, wie sein Team „sich wirklich die Mühe machte, meinen [neuen] Namen zu benutzen. Aus Gewohnheit ist manchmal der alte Name rausgerutscht. Aber mein Team kannte mich so lange und dann von heute auf morgen einen neuen Namen zu benutzen, ist nicht einfach.“ Scheer war erleichtert, dass „es kein großes Thema war“ und auch, dass die Verwaltung schnell die nötigen Dokumente angepasst hatte.
US-Kriegsministerium reagiert
In den USA bekam „Boots“ viel Lob, doch Trumps Regierung war nicht erfreut. Im Oktober dieses Jahres teilte das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten mit: „Das US-Militär kehrt zur Wiederherstellung des Kriegerethos zurück. Unsere Standards sind durchweg elitär, einheitlich und geschlechtsneutral, denn das Gewicht eines Rucksacks oder eines menschlichen Körpers spielt keine Rolle, ob man ein Mann oder eine Frau, homosexuell oder heterosexuell ist.“ Teil dieses Kriegerethos ist die Umbenennung des früheren Verteidigungs- zum Kriegsministerium im vergangenen September. Der Pressesprecher fügte hinzu, expliziter über „Boots“: „Wir werden unsere Standards nicht kompromittieren, um einer ideologischen Agenda zu genügen – im Gegensatz zu Netflix, dessen Führung kontinuierlich ‚woken‘ Müll produziert und diesen seinem Publikum und Kindern vorsetzt.“
Eine eher interessante Aussage, da die Serie „Boots“ auf der Autobiografie „The Pink Marine“ (2016) von Greg Cope White beruht. White war auch als Drehbuchautor an der Produktion der Netflix-Serie beteiligt.
Doch wenn jetzt sogar das Pentagon Kunst und Kultur – und Biografien – kommentiert, kann man sich fragen, was für eine politische Strategie sich dahinter verbirgt. Scheer war nicht sehr überrascht über die Stellungnahme aus den USA gegenüber „Boots“. Besonders da die Regierung offen und kontinuierlich gegen LGBTIQ+ und besonders gegen transgeschlechtliche Menschen vorgeht. Seit 2025 dürfen trans Personen nicht mehr Dienst im US-Militär leisten.
Bezüglich der Repräsentation von Maskulinität in „Boots“ meint Scheer: „Es ist nicht ganz klar, was die Serie unterstützt. Der Hauptdarsteller wird ja auch zum Schluss härter.“ Anfangs ganz dünn, wird der Protagonist über die Zeit stärker und muskulöser – mit einher geht, dass er anfängt, alleine Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und nicht mehr auf seinen besten Freund zählen muss. Diese Verwandlung zum eigenständigen und verantwortungsvollen Mann wird durch das harte Training ausgelöst.
Auch wenn die Fragilität der Marine-Ausbilder immer wieder zum Vorschein kommt, durch Wutausbrüche und auch psychische Gewalt gegenüber den Jugendlichen, scheint „Boots“ am Ende das finale Resultat dieser Gewalt gutzuheißen. Scheer ist unentschlossen und sagt: „Das ist dem Zuschauer überlassen, zu interpretieren.“ Obwohl „Boots“ klar über Diskriminierung und Angst des schwulen Personals im US-Militär aufklärt, fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit Maskulinität. Ist das Ziel, zu zeigen, dass auch schwule Männer sich an harte Maskulinität herantrauen können? Oder will man zum Nachdenken über die Folgen von toxischer Maskulinität und deren Alternativen anregen? „Boots“ zeigt auf unterhaltsame Art und Weise eine Schwarz-Weiß-Realität, die durch mehr Nuancen eine klarere und „wokere“ Kritik hätte ausüben können.