Kunstecke
Das Kunstjahr 2026 hält in Luxemburg Retrospektiven und 100-jährige Jubiläen bereit
Was erwartet uns 2026 in Luxemburgs Museen? Welche runden Geburtstage gilt es besonders zu würdigen? Ein erster Ausblick zum Jahresbeginn.
Plant 2026 eine Retrospektive zu Berthe Brincour: das „Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art“ in Luxemburg-Stadt Foto: Editpress/Julien Garroy
Das Nationalmuseum am Fischmarkt (MNAHA) hat Anfang Oktober einen Aufruf an Kunstsammler gerichtet: Wer Werke der Künstlerin Berthe Brincour habe, solle sich bitte melden. Hinter dieser Message steckt das Vorhaben, vom 5. Juni 2026 bis 10. Januar 2027 eine möglichst vollständige Retrospektive vom Oeuvre dieser Luxemburger Künstlerin zu zeigen, die von 1879 bis 1947 – teilweise auch im Großherzogtum – gelebt hat. Es handele sich, so das Museum, um die erste monografische Ausstellung mit dieser Malerin, ergo 8o Jahre, nachdem sie all ihre zur Verfügung stehenden Arbeiten dem Staat „vermacht“ habe.
Brincour, so wird die Kunsthistorikerin Jamie Armstrong zitiert, sei als Tochter von Marie Huber und Joseph Brincour in Luxemburg-Stadt aufgewachsen. Sie hat in Deutschland studiert, zeitweise in der Schweiz und in Paris gelebt, kehrte aber 1940 nach Luxemburg zurück und starb hier 1947. Mit Malerei und Tuschezeichnungen schuf sie vor allem Landschaftsbilder, Blumenstilleben und Darstellungen von Menschen. Mehr über Berthe Brincour ist im „Konschtlexikon“ des MNAHA nachzulesen. Um in der Retrospektive im Juni ein möglichst umfangreiches Bild der Künstlerin zu präsentieren, sucht das Museum nach Werken und Dokumenten, die dafür nützlich sein könnten. Die verantwortliche Kuratorin ist Liz Hausemer. Man darf gespannt sein.
„Blumen in einer blauen Vase“ (1946) von Berthe Brincour Copyright: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) | Sammlung des Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art Luxembourg (MNAHA) / Foto: Tom Lucas
Henri Dillenburg, ein eigenwilliger Maler
Am 21. März 1926 in Diekirch geboren, verstarb der Künstler Henri Dillenburg am 3. April 2020 in Luxemburg-Stadt. Seine Geburtsstadt Diekirch ehrte den vielseitigen Künstler, der Zwangsrekrutierter war und später am MNAHA als Restaurateur arbeitete, u.a. mit einer Retrospektive anlässlich des 750. Jahrestages des „Affranchissement de la Ville de Diekirch“ im September/Oktober 2010. Diese Ausstellung, die uns damals sowohl von dem großen Können als auch der Eigenwilligkeit des Künstlers überzeugt hatte, war mit rund 500 Besuchern ein schöner Erfolg. Dillenburg, der an der Handwerkerschule in Luxemburg, der Kunstakademie Saint-Gilles und dem „Institut supérieur de la peinture“ in Brüssel studiert hatte, war Mitglied des „Cercle artistique de Luxembourg“ (CAL), der „Chambre des arts et lettres“, und gründete mit Kollegen die Künstlergruppe „Les Iconomaques“, die sich als Ziel gesetzt hatte, „die abstrakte Malerei in Luxemburg zu fördern“. In seiner Jugend trat er früh in Kontakt mit Künstlern wie Roger Gerson, Théo Kerg, Jean-Pierre Lamborey und anderen Malern.
Er war Träger des „Prix jeune peinture luxembourgeoise“ (1952), eines weiteren Preises 1953 sowie einer „mention d’honneur“ der 6. Kunstbiennale von São Paulo (1961), 1954 erhielt er den „Prix Grand-Duc Adolphe“. Seine Werke befinden sich in mehreren öffentlichen wie privaten Kunstsammlungen. Freund und Kunstkenner Tony Lammar widmete ihm 2011 einen Artikel im Luxemburger Wort mit dem vielsagenden Titel „On a besoin de gens qui s’indignent. Henri Dillenurg fête son 85e anniversaire“. Trotz Anerkennung war Dillenburg ein eher zurückhaltender Mensch. Er beteiligte sich, dem Vernehmen nach, nur an Ausstellungen, wenn diese seinen „künstlerischen Ansprüchen“ entsprachen.
Die bereits erwähnte Retrospektive in Diekirch wurde mit dem Bild „Le Musée Pei“ angekündigt, einem Werk, das seinen feinen Sinn für Spott, Ironie und Gesellschaftskritik symbolisierte und von dem Tony Lammar schrieb: „Le musée, vu par notre artiste, est un ensemble de ‚cabanes d’aisances‘. Dillenburg estime, en effet, qu’une grande partie des objets exposés au musée faussement appelé ‚Mudam‘ auraient leur place dans un édicule dont la porte est percée d’une petite ouverture en forme de cœur.“ Eines seiner Werke aus dem Jahre 1992, das uns damals ob der kritischen Einstellung zum Lächeln gebracht und überzeugt hatte, hatte er „Chamâne devant l’art (officiel)“ genannt.
Anlässlich seines Todes stellte sich Kritiker Lucien Kayser in einem Radio-Interview mit Kerstin Talau bei 100,7 die Frage, welchen Einfluss der bewegte Lebenslauf des Künstlers auf seine „Kreativität“ hatte, und führte u.a. aus, man solle vom Menschen Dillenburg eine „gewësse Rigueur“ und „Intransigeance“ zurückbehalten, Nachsicht für seine „authentische (aber gerechtfertigte) Sturheit“ haben und bei seiner Kunst gelte es, beides zusammenzubringen: „Hien ass säin eegene Wee gaangen, wäit ewech vu Mouden an Influenzen. Hien huet sech net, wéi vill anerer, a seng Konscht erandiktéiere gelooss.“ Fazit: Henri Dillenburg und sein Werk nehmen eine „eigenständige Position“ in Luxemburg ein. Am 21. März wäre er 100 Jahre alt geworden.
Aus der umfangreichen Liste der Künstler, die 2026 ihr 100. Jubiläum gefeiert hätten, wollen und können wir noch den Bildhauer Jean-Pierre Georg hervorheben, zu dem Paul Bertemes 2010 anlässlich der Expo „Ciel, mon art“ in Differdingen festhielt: „D’aspect dense, parfois massif, les sculptures en bois ou en marbre de Jean-Pierre Georg renvoient souvent au monde animal.(…) La forme initiale, le grain et la couleur du marbre participent au façonnement des cavités et protubérances bombées caractéristiques de son travail.“

Brincour zeichnete nicht nur Blumen: Hier zu sehen ist „Männlicher Akt, sich im Raum bewegend“, vermutlich zwischen 1900 und 1947 entstanden Copyright: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) | Sammlung des Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art Luxembourg (MNAHA) / Foto: Tom Lucas
Jean-Pierre Georg, ein begnadeter Bildhauer
Am 19. September 1926 in Esch/Alzette geboren, verstarb Jean-Pierre Georg 2004 in Luxemburg. Er besuchte die Gewerbeschule und belegte später auch Kurse bei Lucien Wercollier an der Kunstgewerbeschule in Luxemburg. Er wurde während seiner Zwangsrekrutierung verwundet und verbrachte nach seiner Rückkehr zwei Jahre in Spitälern. Mitglied des CAL und des „Institut des arts et lettres“, arbeitete er anfangs als Industriearbeiter und Beamter, um ab 1976 ausschließlich als unabhängiger Bildhauer im eigenen Atelier tätig zu sein. 1980 heiratete er die Bildhauerin Maggy Stein. Ab 1962 beim „Salon du CAL“ dabei, war er an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt, stellte u.a. öfters mit dem Künstler Roger Bertemes und/oder mit der Bildhauerin Maggy Stein aus.
Jean-Pierre Georg bearbeitete in seinem Atelier vorwiegend Marmor, Holz, Kupfer sowie Gipsmodelle für den Bronzeguss. Seine Werke befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen sowie in Form von Reliefs an Gebäuden oder stehenden Statuen im freien Raum. 1991 widmet Professor Nic Klecker dem Gespann Maggy Stein und Jean-Pierre Georg einen sorgsam aufgemachten Foto- und Textband, in dem er eingangs feststellt, die Skulpturen der beiden Künstler seien „zeitlos“. Sie seien von einem Mythos, dem Drang, etwas unter dem Impuls einer Emotion auszusagen und in Form zu kleiden, geprägt.
Zu Georg hebt Klecker u.a. hervor: „Son oeuvre ne se réduit pas non plus à tel domaine d’inspiration, s’il est vrai que l’observation de la nature lui donne cette connaissance de structures intimes qui permet une saisie presque magique de la réalité.“ Seine Skulptur sei „rythmée de façon exigeante“. Und Rolph Ketter notiert in einem Text, der beim Institut erschienen ist, abschließend zur Motivation (sprich Ablehnung) des Künstlers: „Dass er vielleicht zum reinen, viel verkapselten Ausdruck eines hergestellten Gleichgewichts geworden war zwischen einer Welt, die sich vor jeder Ablenkung verbirgt und einer Welt, die sich in maßvoller Schönheit zeigen will.“
Bei Durchsicht des besagten, 1991 bei der Galerie de Luxembourg aufgelegten Buches erfreuen wir uns heute noch an den perfekten Jochen-Herling-Fotos der „zeitlosen“ und „feinfühligen“ Georg-Skulpturen. Das Buch ist vielleicht vergriffen oder vergessen, aber das Oeuvre des Bildhauers überzeugt noch heute. Jean-Pierre Georg wäre dieses Jahr ebenfalls 100 Jahre alt geworden.
Weiterführende Lektüre
Tony Lammar im Katalog „Rétrospective Henri Dillenburg“, 2010, Ville de Diekirch
„Ciel, mon art – de la non-figuration vers une nouvelle vision figurative“, catalogue H2O Differdange 2010
„Maggy Stein – Jean-Pierre Georg: Sculptures“, 1991 bei Galerie de Luxembourg erschienen