Differdingen

„Die Situation mit dem Rathaus ist beschissen“: Gebäude muss nach Bauproblemen nun doch abgerissen werden

Eigentlich sollte das alte Rathaus in Differdingen nur renoviert und erweitert werden. Doch schwere Baumängel, die während der laufenden Arbeiten entdeckt wurden, zwingen die Stadt nun doch dazu, das Gebäude aus den 60er Jahren abreißen zu lassen.

Verwaltungsgebäude der Gemeinde Differdange, modernes Amtshaus mit Eingangsbereich und klarer Architektur

Das Rathaus weist doch zu viele Mängel auf und muss einem Neubau weichen Foto: Editpress/Julien Garroy

Der Tenor im Gemeinderat Differdingen am Mittwochmorgen ist parteiübergreifend derselbe: Mit schwerem Herzen stimmt man für den Abriss des bisherigen Rathauses. Angesichts der gravierenden Baumängel, die während der Renovierungsarbeiten entdeckt wurden, sei dies der einzig mögliche Schritt.

„Es bleibt uns keine andere Wahl“, sagt Schöffe Tom Ulveling, nachdem er den Gemeinderat über den Stand der Arbeiten informiert hat. „Leider wird man bei solchen Renovierungsarbeiten gerne von unschönen Überraschungen überrumpelt. Wir müssen diese Entscheidung treffen und schnellstmöglich Pläne für ein neues Gebäude ausarbeiten lassen. Denn jeder Tag, an dem auf der Baustelle Stillstand herrscht, kostet die Gemeinde ein Heidengeld.“ Allein die Miete des Krans, der über den Differdinger Ortskern ragt, belaufe sich auf mehrere tausend Euro pro Woche.

Bis September wolle er dem Gemeinderat gemeinsam mit der mit dem Dossier betrauten Architektin eine mögliche neue Variante vorlegen. Bis dahin könnten hoffentlich zumindest die Arbeiten an der geplanten Erweiterung fortgesetzt werden. „Wir müssen nun um die bestehenden Pläne herum bauen.“

Dünne Deckenplatten und brennbares graues Dichtungsmaterial im Gemeindebericht sichtbar

Im Gemeindebericht wird deutlich, dass die Deckenplatten deutlich dünner sind als im Plan vorgesehen. Das graue Dichtungsmaterial ist außerdem leicht brennbar. Foto: Gemeinde Differdingen

Zu lange hinausgezögert?

Die Pläne zur Renovierung und Erweiterung des Rathauses waren in Differdingen bereits unter der vorherigen Koalition verabschiedet worden. „Doch dann fehlte der politische Mut, sie auch umzusetzen“, kritisiert „déi Lénk“-Gemeinderat Gary Diederich aus der Opposition. „Immer wieder wurden die großen Arbeiten am Rathaus verschoben. Stattdessen flossen Millionen in Instandsetzungsmaßnahmen, nur um regelkonform zu bleiben.“ Es sei politisch nicht populär genug gewesen, Geld für ein neues Rathaus auszugeben. Durch die Preisexplosion der Baumaterialien sei das Bauvorhaben nun viel teurer, als es noch vor einigen Jahren gewesen wäre. „Und jetzt noch diese Probleme.“

Der aktuellen Koalition wolle man deshalb keinen Vorwurf machen, darin sind sich die Oppositionsparteien einig. Man habe schnell, klar und transparent informiert. Es habe bereits eine informelle Sitzung mit allen betroffenen Firmen gegeben, wo Erklärungen abgegeben wurden.

Für die Baumängel aus den 1960er-Jahren sei heute kaum noch jemand zur Rechenschaft zu ziehen. Die DP hingegen übt deutliche Kritik am zuständigen Planungsbüro. „Man hätte die nun entdeckten Probleme viel früher erkennen können. Es hätte gereicht, einen Gemeindedienst für einige Wochen zu schließen oder auszulagern und anschließend gezielte Bohrungen vorzunehmen. Dann wären wir jetzt nicht mitten im Bauvorhaben von diesen Mängeln überrascht worden“, sagt François Meisch. „Und wir hätten von Anfang an etwas anderes planen können.“ Man hoffe, dass das Planungsbüro jetzt nicht auch noch von den entstehenden Mehrkosten profitieren wird.

Rostige Stahlträger mit roten Pfeilen markiert, sichtbar statt im Zement eingebettet, Baustellenkorrosion sichtbar

Die roten Pfeile weisen auf verrostete Stahlträger hin, die eigentlich im Zement liegen müssten Foto: Gemeinde Differdingen

Was konkret passiert ist

Die Liste der Probleme ist lang – doch mehrere gravierende Befunde während der Vorbereitungsarbeiten gaben der geplanten Instandsetzung endgültig den Todesstoß: Als die Decken geöffnet wurden, zeigte sich, dass beim Bau in den frühen 1960er-Jahren nicht, wie im Plan vorgesehen, dickere Betondecken eingebaut worden waren. Stattdessen bestehen die Decken aus einer leichten Rippenkonstruktion mit sehr dünnen Betonteilen. Zwischen diesen Elementen liegt zudem eine dicke Schicht leicht entflammbarer Dämmung – eine gefährliche Kombination.

„Im Brandfall hätten die Decken vermutlich sehr schnell Feuer gefangen“, erklärt Elke Peterhänsel, Ingenieurin der Gemeinde. „So wie das Gebäude konstruiert ist, wäre das Rathaus bei einem Brand wohl innerhalb von 15 Minuten eingestürzt.“ Vorgeschrieben sind jedoch mindestens 60 Minuten Feuerwiderstand, damit die Feuerwehr genügend Zeit hat, einzugreifen. Kurzum: Man habe Glück gehabt, dass all die Jahre nichts passiert sei.

Hinzu kommt, dass auch der verwendete Beton von schlechter Qualität ist. Einige Stahlträger, die eigentlich mehrere Zentimeter tief im Mauerwerk verankert sein sollten, liegen teilweise frei. Dadurch konnten sie rosten – und zeigen bereits deutliche Schäden durch Korrosion. Im finalen Bericht der beauftragten Firmen Kaell Architecte, TR-Engeneering, Golav und Dutt&Kist heißt es: „Die Tragfähigkeit ist nach den gültigen Normen nicht nachweisbar.“

Im September seien die ersten Hiobsbotschaften von der Baustellen in der Gemeinde eingetrudelt, Ende November sei klar gewesen, dass die ursprünglichen Pläne nicht umgesetzt werden konnten. „Wir haben nun drei Monate lang nach mehreren Lösungen gesucht, um den Erhalt des Gebäudes zu ermöglichen“, sagt Ulveling.

Neue Stahlbetondecken? Unmöglich, weil dadurch das Gewicht des Gebäudes zu hoch für das in den 60er Jahren angelegte Fundament – eh schon zu klein für das Rathaus – würde. Noch dazu sei der Baugrund mehr als schlecht. Ein Stahlgerüst? Würde eine Betonsanierung erfordern, und man hätte ebenfalls das Gewichtsproblem. Eine neue Tragstruktur aus Holz? Nur das Treppenhaus und die Fassade würden erhalten bleiben, doch ein Rohbau innerhalb der Fassadengrenzen würde mindestens ebenso wenn nicht noch teurer als der nun beschlossene Abriss.

Dazu kommt nun auch noch ein undichter Heizöltank. Der Inhalt sei nach und nach in die Erde versickert, mehrere Schichten verseuchte Erde müssen nun abgetragen werden. Auch dies habe einen Baustopp verursacht.

Skizzen und Entwürfe für das zukünftige Rathaus, Planung soll bis Sommer abgeschlossen sein, modernes Verwaltungsgebäude im Fokus

Genaue Pläne, wie ein neues Rathaus aussehen könne, gibt es derzeit noch nicht. Sie sollen aber bis vor dem Sommer vorliegen. Grafik: Kaell Architecte, TR-Engeneering, Golav, Dutt&Kist

Noch einmal komplett von vorne?

Wenn das alte Rathaus nun doch abgerissen werden muss – wäre das nicht die Gelegenheit, das Projekt grundsätzlich neu zu denken? Als die Renovierung beschlossen wurde, hatte es immerhin auch Vorschläge gegeben, an einem anderen Standort ein neues Rathaus zu errichten und die bisherige Fläche für ein anderes Vorhaben freizumachen.

Doch auch in dieser Frage herrscht am Mittwochmorgen Einigkeit unter den Parteien: Für einen kompletten Neustart sei es schlicht zu spät. „Die Bauarbeiten haben begonnen. Wenn wir jetzt alles umwerfen, kostet uns das Millionen“, sagt Ulveling. Durch die zahlreichen Probleme, den Abriss und die notwendigen Anpassungen der Pläne werde das Projekt ohnehin deutlich teurer. Um wie viel? Das kann am Mittwoch niemand beziffern – zu viele Details sind noch offen.

„Außerdem würde ein komplettes Umschwenken nun einen enormen Zeitverlust bedeuten. Wenn wir bei null anfangen, geht es erst in einigen Jahren auf der Baustelle weiter. Das können wir unseren Bürgern nicht zumuten – so lange eine Großbaustelle mitten im Ortszentrum zu haben. Und auch unseren Gemeindemitarbeitern können wir das nicht abverlangen“, sagt Laura Pregno von den Grünen. „Sie sind jetzt schon in provisorischen Büros zusammengepfercht“, ergänzt Meisch.

In einer Pause des Gemeinderats wird Ulveling noch deutlicher: „Die Situation mit dem Rathaus ist beschissen.“ Dennoch sieht er in der Affäre auch eine Chance. „Ein Neubau eröffnet Möglichkeiten, die wir vorher nicht hatten. Wir können das Gebäude barrierefreier gestalten, Fotovoltaikanlagen auf dem Dach einplanen und die Raumaufteilung neu denken.“ Ohne die Zwänge der alten Bausubstanz könnten zudem in der Tiefgarage zusätzliche Stellplätze für Mitarbeiter entstehen. Auch im Inneren gewinne man an Spielraum: Rund 30 zusätzliche Büros und etwa 1.000 Quadratmeter mehr Fläche seien vorgesehen.

Und immer wieder fällt an diesem Mittwoch derselbe Satz: „Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben – nicht mit dem, was wir uns wünschen. Jetzt gilt es, das Beste daraus zu machen.“

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