Literatur
Die Meisterinnen der Kurzstrecke
Die Argentinierin Samanta Schweblin und die US-Amerikanerin Joy Williams gehören, obwohl sie unterschiedlichen Generationen angehören, zu den brillantesten Erzählerinnen unserer Zeit. Sie spielen vor allem in Kurzgeschichten ihre Stärken aus und lassen aus dem Alltag häufig das Fantastische und Unheimliche entspringen.
Die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin Foto: Alejandra Lopez
Eine Frau hat sich Steine um die Taille gebunden und versucht, sich in einem See zu ertränken. Als sie den Grund erreicht, hält sie die Luft ein und taucht nach einiger Zeit wieder auf. Sie kehrt zu ihrer Familie zurück, wird aber den Wunsch nicht mehr los, dauerhaft unter Wasser zu verschwinden. Das Familienleben hat sich nicht so sehr verändert, aber es ist der Frau in seiner Unzulänglichkeit klarer geworden. Nur ihr geheimnisvoller Nachbar scheint sie zu verstehen. Er erkennt in ihr eine Morbidität, die ihm selbst vertraut ist, und lehrt sie, damit umzugehen, indem sie den Tod beherrscht – indem sie Tiere jagt und häutet. Er zeigt ihr, wie man die Haut eines Tieres vom Knochen trennt und sagt: „Man muss es öffnen wie ein Buch.“
„Willkommen im Club“ ist die erste von sechs Erzählungen in dem Band „Das gute Übel“ (Originaltitel: „El buen mal“) von Samantha Schweblin. In „Die Frau von Atlántida“ erzählt eine Frau von ihren Kindheitserlebnissen in einem Badeort an der argentinischen Atlantikküste. Als Zehnjährige bricht sie in den Ferien zusammen mit ihrer Schwester nachts in ein Haus am Meer ein, in dem eine Dichterin lebt. Die Frau ist alkoholabhängig und spielt mit Selbstmordgedanken. Die Kinder pflegen sie, bringen ihr den Müll weg und baden sie. „Sie war etwas, das wir gefunden hatten, ein Schatz, der uns gehörte“, heißt es. „Tot oder lebendig, sie war unsere Frau, und wenn wir sie frühmorgens in ihrem Haus zurückließen, wollen wir sie nachts, wenn wir wiederkamen, dort auch wieder vorfinden. Die Begegnungen mit der Dichterin waren für uns ein unerhörtes Privileg, so kaputt sie auch war.“