Porträt

Der kurdische Künstler Nael Nassan blickt besorgt auf die Lage in seiner Heimat

Anfang Januar brachen erneut bewaffnete Konflikte zwischen der syrischen Armee, den kurdischen Syrian Democratic Forces und verschiedenen Milizen in Syrien aus. Die Heimatregion von Nael Nassan, Rojava, ist besonders betroffen. Er spricht über seinen Dokumentarfilm, seine Kindheit in Rojava und Solidarität mit Kurden.

Nael Nassan, syrischer Künstler, analysiert seine Heimat Syrien durch ausdrucksstarke Kunstwerke

Nael Nassan ist Künstler und nimmt die Situation in seinem Geburtsland Syrien unter die Lupe Foto: Daniel Mehus

Nael the Nomad, bürgerlich Nael Nassan, ist ein Fotograf und Filmemacher aus der kurdischen Region Rojava im Nordosten Syriens. Nun wohnt das junge Talent in Luxemburg. Ihn begleiten in den letzten Wochen täglich Nachrichten über Gewalt in seiner Heimat.

Nach dem Fall des Assad-Regimes, gegen das im 14-jährigen syrischen Bürgerkrieg gekämpft wurde, gelangte Abu Mohammad al-Jolani als Übergangspräsident an die Macht. Dieser war früher Mitglied der islamistischen Terroristengruppe Al-Kaida und leitete eine weitere Organisation, die einst von den USA als Terrorgruppe eingestuft war. Zeitweise haben die USA sogar ein Kopfgeld von zehn Millionen US Dollars auf al-Jolani ausgesetzt.

Rojava ist eine autonom regierte Region in Syrien, die hauptsächlich von kurdischen Kräften regiert wird. Diese stehen nun im Kampf mit al-Jolani, da sie ihre Souveränität nicht aufgeben wollen. Hier ist es wichtig, den kulturellen und historischen Kontext anzuschneiden und klarzustellen – die kurdische ist keine arabische Gemeinschaft. Sie hat ihre eigene Sprache und Traditionen. Eine Kultur, die über ein Jahrhundert in verschiedenen Regionen in Westasien jedoch stark diskriminiert, kriminalisiert oder sogar verfolgt wurde.

Rojava bedeutet in diesem Kontext Freiheit für viele kurdische Menschen, auch da die Rechte von Frauen und Minoritäten in der Region stärker geschützt sind – besonders im Vergleich zu islamistischen Regierungen. Nael erklärt, „viele Kurden haben ihr Leben einem freien Kurdistan gewidmet“. Es bedeutet ihm viel, zu sehen, wie sie „weltweit gemeinsam für eine bessere Zukunft ohne Unterdrückung kämpfen“.

Kindheit in Rojava

Seine eigene Kindheit in Rojava hat seine Kunst geformt. „Da mein Vater selbst Künstler war, hatte er viele Künstlerfreunde, die uns oft besuchten. Einige von ihnen hatten kleine Kompaktkameras, die sie meinem Bruder und mir zum Spielen gaben. Wir fotografierten dann alles Mögliche im Haus und in der Nachbarschaft.“ Durch das Umfeld des Vaters lernte Nael auch verschiedene Arten der Kunst von klein auf kennen.

Seine Vater hat seine künstlerische Experimentierfreude tatkräftig unterstützt: „Früher nahm er uns oft mit zu Filmsets. Ich spielte Musik für seine Theatergruppe, wirkte auch in der Gruppe mit. Ich schrieb Geschichten und fotografierte auch.“

Diese Kindheit in Rojava scheint nun fern. Videos von Ermordungen sowie Schießereien kursieren im Internet – genauso wie von mutwilliger Zerstörung von Gedenkstatuen von kurdischen Kämpferinnen und sogar von Grabtafeln auf kurdischen Friedhöfen.

Zusammenkommen durch Kunst

In seiner eigenen Arbeit will Nael Menschen näher zusammenbringen und gegenseitiges Verständnis fördern. In dem Dokumentarfilm „The Opposite of the Riverside“ (2024) widmen sich Ko-Regisseurin Fadi Chéquryah und er den Erfahrungen von Frauen, die aufgrund unterschiedlicher Lebensumstände aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Das Feedback zu dem Dokumentarfilm war für ihn überwältigend: „Ich glaube, viele Menschen konnten sich mit den Interviewten in dem Film identifizieren.“ Manche Leute hätten bei der Premiere geweint. Auf seiner Website www.naelthenomad.com kann man sich den Film gratis ansehen.

Menschen in Luxemburg zeigen Solidarität mit der kurdischen Bevölkerung bei einer öffentlichen Demonstration

In Luxemburg solidarisieren sich Menschen mit der kurdischen Bevölkerung Foto: Jang Kapgen

Er selbst habe während der Filmproduktion viel dazugelernt – auch auf einer ganz persönlichen Ebene. „Lange Zeit dachte ich, um ‚voranzukommen‘, müsste ich Vergangenes hinter mir lassen. Ich hatte das Gefühl, dass es falsch sei, meinem alten Leben nachzutrauern, dass das neue besser sei. Nachdem ich den Teilnehmerinnen unseres Films zugehört hatte, änderte sich das. Sie erzählten offen, wie dankbar sie für das sind, was sie jetzt haben, und wie sehr sie ihr früheres Leben, ihre Freunde, ihren Job, ihre Lieblingsorte vermissen. All das ließ mich erkennen, dass ich das auch kann: Ich kann Dinge vermissen, und gleichzeitig dankbar sein für das, was ich jetzt habe.“

Nael hat auch von der Wichtigkeit des aktiven Zuhörens gelernt. Das bedeutet für ihn, „wirklich zuzuhören, jemandem lange zuzuhören und sie alles erzählen zu lassen. Dadurch lernt man den anderen kennen und, was noch wichtiger ist, sich selbst. Man erkennt, was einen triggert, womit man übereinstimmt oder nicht“. Auch wenn es manchmal schwierig ist, ist es Teil des Zusammenlebens. Dieses offene Zuhören „bringt dir dein Gegenüber näher, macht die Person weniger fremd und sogar vielleicht freundlicher, selbst wenn man mit nichts, was die Person sagt, einverstanden ist“.

Solidarität mit kurdischer Gemeinschaft

Dieser Wunsch des Näherbringens zieht sich durch Naels Arbeit – so auch am vergangenen Mittwoch, als er Fotos vom Protest in Solidarität mit Rojava machte. Er habe noch nie so viele kurdische Menschen an einem Ort in Luxemburg gesehen, erzählt der Fotograf. „Ich wünschte allerdings, der Grund für unser Zusammenkommen wäre weniger düster gewesen.“

Ich möchte, dass die Menschen in Luxemburg das lesen, was ich bisher gesagt habe, und sich fragen: Sind wir wirklich so verschieden?

Nael Nassan

Künstler

Nael unterstreicht, dass jetzt der Moment ist, Solidarität zu zeigen. „Jeder sollte seine Stimme erheben, besonders wenn man Einfluss hat. Und man sollte seine Stimme erheben, weil man es will, weil man es für richtig hält – nicht weil es gerade im Trend liegt.“ Besonders Journalist*innen sollen unterstützt werden, „ob in Rojava oder anderswo. Wir brauchen mehr Journalisten, wir brauchen mehr Menschen, die Ungerechtigkeiten untersuchen und aufarbeiten und die Verantwortlichen für ihre Verbrechen zur Rechenschaft ziehen. Manchmal ist eine Kamera gefährlicher als eine Waffe, und das wissen sie. Deshalb werden Journalisten getötet, nur weil sie ihrer Arbeit nachgehen“.

Zum Abschluss hat Nael eine Bitte: „Ich möchte, dass die Menschen in Luxemburg das lesen, was ich bisher gesagt habe, und sich fragen: Sind wir wirklich so verschieden?“ Wenn wir Nachrichten von Syrien hören, sollen wir uns erinnern, dass „die Menschen, die in Rojava leben, uns gar nicht so unähnlich sind“.

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