Karneval
Der Pointenschreiber: Wie sich Guy Brecht hinter den Kulissen auf die „Kapesitzungen“ vorbereitet
Kavalkaden und „Fuesbaler“ sind nur die eine Seite des Karnevals. Die andere spielt sich bei den „Kapesitzungen“ ab, mit Sketchen, Witzen und bissigen Reden. Doch wer sorgt eigentlich für die Pointen? Der Petinger Schöffe Guy Brecht gibt Einblicke in seine Schreibwerkstatt und erklärt, warum Humor Mut – und Selbstkritik – braucht.
Lachen tut Guy Brecht gerne – auch über sich selbst und die politischen Entscheidungen des Gemeinde- und Schöffenrats Foto: Editpress/Julien Garroy
Tageblatt: Wann hat Sie das Karnevalsfieber gepackt?
Guy Brecht: Das ist mit der Zeit gewachsen. 1991 habe ich zum ersten Mal bei der Revue in Rodange mitgemacht – sieben Jahre lang. Danach gab es eine kleine „Pause“, bis 2008 die KaGePe gegründet wurde. Seitdem bin ich bei den „Kapesitzungen“ dabei. Die Erste habe ich quasi im Alleingang geschrieben, bin aber froh, dass inzwischen noch weitere Autoren dazugekommen sind.
Der „Büttenredner“ hat ja vor allem im deutschen Karneval eine lange Tradition. Wie ist das in Luxemburg?
Das kann man kaum vergleichen. Bei uns bestehen die Shows vor allem aus Sketchen, echte Büttenreden gibt es nur zwei.
Wie war der Beginn als Büttenredner für Sie?
Ganz allein vor Publikum zu stehen, ist natürlich eine Herausforderung. Da ist man auf sich gestellt. Zum Glück hatte ich schon Bühnenerfahrung – seit 1968 habe ich in Rodange Theater gespielt. Damit habe ich übrigens in diesem Jahr aufgehört, aus Zeit- und auch ein wenig aus Altersgründen. Ich werde nun 70, das ist ja auch nicht nichts.
Trotzdem bleibt eine gewisse Anspannung. Man weiß nie im Voraus, wie eine Rede ankommt. Die ersten Sekunden sind entscheidend: Kommt der erste Lacher, fällt eine enorme Last von einem ab. Dann wird man lockerer, bekommt ein Gefühl für das Publikum – und plötzlich läuft es.
Woher kommt das Material für die Büttenreden?
Ich bin eigentlich ständig auf der Suche nach Inspiration. Da ich bei uns für das Politische zuständig bin, ist das in meiner Position als Lokalpolitiker allerdings nicht immer ganz einfach. Schöffenratssitzungen sind für mich tabu. Aber aus den öffentlich übertragenen Gemeinderatssitzungen darf schon mal das eine oder andere Thema aufs Tapet kommen. Und manchmal plaudere ich auch aus dem Nähkästchen.
Bekommt die Nationalpolitik ebenfalls ihr Fett weg?
Ja, durchaus. Ich verfolge das ganze Jahr über, was politisch passiert, und versuche dann, das so umzuschreiben, dass es in die Kapesitzung passt. Tabu sind für mich allerdings Themen, deren Ausgang offen ist. Der Fall Wilmes zum Beispiel – davon lasse ich die Finger.
So viel zur lokalen Politik. Manche Büttenredner greifen internationale Themen auf – etwa Donald Trump. Ist das auch etwas für Sie?
Die tauchen durchaus auch in meinen Texten auf. Aber manches – gerade Trump – ist mir manchmal schlicht zu absurd. Die Leute wissen ohnehin, woran sie sind. Das muss man nicht zwingend noch einmal auf der Bühne ausbreiten. Und viele Gäste stammen aus unserer Gemeinde. Sie wollen sich eher über lokale Themen amüsieren – besonders dann, wenn Projekte nicht so vorankommen wie geplant. Unsere Musikschule oder die Parkhäuser sind da gute Beispiele.
Holen Sie sich auch anderswo Inspiration?
Ideen findet man überall. Auf Facebook stoße ich hin und wieder auf gute Witze. Und natürlich schaut man auch auf den deutschen Karneval. Aber es darf kein Copy-and-paste sein. Die Sprache muss zu uns passen – zu dem, wie wir hier in der Gemeinde sprechen.
Wie ist denn der Büttenredner mit dem politischen Amt vereinbar? Schließlich sollen diese ja kritisieren, den „Finger in die Wunde“ legen – und als Politiker sind Sie selbst für Entscheidungen verantwortlich.
Das ist tatsächlich nicht einfach. Ich versuche immer, den Spagat hinzubekommen. Aber ich bin jemand, der auch gerne über sich selbst lacht. Natürlich lade ich mir nicht alles, was schiefläuft, allein auf, aber für die Entscheidungen des Schöffenrats tragen wir zu fünft die Verantwortung – und dafür müssen wir auch geradestehen. Das sehen die Menschen draußen genauso.
Im KaPeGe-T-shirt und mit einer Kappe tritt Guy Brecht auf. „Ich habe eh kaum Haare auf dem Kopf, da ist die Mütze Verkleidung genug“, sagt er. Foto: Guy Brecht
Werden wir konkret: Wann beginnen Sie mit dem Schreiben?
Wie gesagt, ich mache mir das ganze Jahr über Notizen. In den großen Ferien setze ich mich hin und forme daraus eine zusammenhängende Rede. Parallel beginne ich auch mit der Arbeit an Texten für andere Acts.
Bis zur Sitzung vergehen dann noch sechs oder sieben Monate – und in dieser Zeit passiert natürlich einiges. Deshalb lasse ich bewusst Platz für Ergänzungen. Manchmal kommt sogar in der Woche vor der Sitzung noch etwas dazu. Wenn ein hoher Politiker kurz vorher noch eine Steilvorlage liefert, muss das selbstverständlich noch eingebaut werden.
Schreibt man für andere anders als für sich selbst?
Auf jeden Fall. Man muss seine Leute gut kennen und viel mit ihnen gespielt haben, um einschätzen zu können, was man ihnen zutrauen kann. Eine Rolle kann noch so gut geschrieben sein – wenn sie nicht überzeugend vorgetragen und mit Leben gefüllt wird, kommt sie beim Publikum nicht an. Dann funktioniert sie einfach nicht. Und wenn das passiert, ist man auch als Redenschreiber enttäuscht.
Wie studiert man die Reden ein? Zu Hause vorm Spiegel?
Nicht unbedingt. (lacht) Ich muss zugeben, ich nutze dafür relativ häufig mein Büro. Jetzt sollen die Leute nicht denken, ich würde hier sonst nichts anderes machen. Aber ich fühle mich hier einfach wohl. Ich kann die Texte laut vorlesen, ausprobieren, wie sie klingen, und spontan Änderungen vornehmen, wenn etwas noch nicht rund ist.
Wann beginnen die Proben?
Etwa zwei Monate vor den Sitzungen wird es ernst. Bei der ersten Probe werden die Texte verteilt und die Gruppen zusammengestellt. Danach probt man zweimal pro Woche. In den letzten drei Wochen steigt das auf drei Proben, und in der finalen Woche vor der Sitzung wird täglich geprobt – donnerstags steht dann die Generalprobe an.
Hat sich der Humor über die Jahre verändert?
Oh ja, auf jeden Fall! Die Menschen sind heute deutlich anspruchsvoller. Manchmal höre ich mir Reden aus den 1960er-Jahren an, die hier in Petingen bei Karnevalsveranstaltungen gehalten wurden. Das sind eher allgemeine Hits. Heute erwartet das Publikum mehr – die Pointen müssen präziser sitzen. Und man muss deutlich vorsichtiger sein. Man darf niemanden beleidigen oder etwas ins Lächerliche ziehen, was nicht angebracht ist. Sonst bekommt man das sofort zu hören. Und dann spricht niemand mehr darüber, ob die Rede insgesamt gut war, sondern nur noch über diesen einen Moment, in dem man sich vielleicht vergriffen hat.
Ist Ihnen das schon einmal passiert?
Ja, tatsächlich. In Rodange gab es damals so eine Art „Dorfvorstellung“, bei der bekannte Persönlichkeiten aus der Ortschaft auf den Arm genommen wurden. Es gibt Menschen, die jeden Spaß mitmachen – andere vertragen es nicht einmal, ihren Namen zu hören.
Sie haben erwähnt, dass Sie mit dem Theater aufhören. Werden Sie sich auch beim KaGePe zurückziehen?
Solange es meine Gesundheit zulässt, bleibe ich selbstverständlich dabei.
Bald sind ja die Sitzungen. Können Sie mir schon etwas verraten?
Wir bringen Sketche aus dem Alltag. Es ist viel Gemeindepolitik dabei. Solche Themen, die die Menschen kritisieren – manchmal zu Recht, manchmal nicht. Aber etwas darf ich verraten: Monique Bour feiert ihr Comeback in den Sitzungen. Das freut mich persönlich sehr, ich schreibe unheimlich gerne für sie.
Die „Karnevalsgesellschaft Péiteng“
Die Entertainer der Kapesitzung 2025 gemeinsam auf einem Bild Foto: Guy Brecht
Der Karneval wird in der Gemeinde Petingen großgeschrieben. Seit 2008 gibt es den Verein KaGePe, der u.a. die beliebten „Kapesitzungen“ und die Kavalkade organisiert. Sie sind aber auch bei anderen Karnevalsumzügen im Land mit von der Partie. Die diesjährigen Sitzungen des Clubs sind am 27./28. Februar und 6./7. März, die Kavalkade der Gemeinde Petingen findet am 15. März statt.