Kino- und Streaming-erfolge

„Chicken Jockey“ oder die Wiedergeburt des Kinos für eine neue Generation

Drei der erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres hinterlassen bei vielen Zuschauern jenseits der 30 große Fragezeichen: „Ein Minecraft Film“, „Chainsaw Man – The Movie: Reze Arc“ und „KPop Demon Hunters“. Doch deren Beliebtheit erzählt etwas über einen grundlegenden Wandel in der Kulturindustrie.

Huntrix Band: Rumi, Mira und Zoey als K-Popstars und Dämonenjägerinnen im Teilzeit-Lifestyle mit Erfolg

Teilzeit-Lifestyle mit Erfolg: Rumi, Mira und Zoey bilden die Band Huntrix, zugleich K-Pop-Stars und Dämonenjägerinnen Foto: Netflix

Einen der schönsten Kinomomente des vergangenen Jahres habe ich nicht im Kinosaal erlebt, sondern direkt davor. Ich kann mich nicht mehr erinnern, aus welcher Vorstellung ich gerade kam, vielleicht war es der neueste Teil der „Mission Impossible“-Reihe, vielleicht aber auch das Bob-Dylan-Biopic „Like A Complete Unknown“, jedenfalls trat ich aus dem Dunkel des Kinosaals direkt in eine Gruppe popcornbeklebter Elfjähriger. Sie schrien durcheinander, mit großen Augen, völlig aufgedreht von dieser einmaligen Mischung aus Zucker und Kinomagie. Durch den Türspalt zum Nachbarsaal erhaschte ich einen Blick, aus welchem Film die Kids gerade gekommen waren: „Ein Minecraft Film“. Und ja, der Film heißt wirklich so.

„Ein Minecraft Film“ ist einer von drei Filmen, die im vergangenen Jahr weltweit massenweise Zuschauer begeistert haben und von denen Sie, liebe Leser – mit Verlaub –, zum größten Teil wohl nichts bis maximal wenig Gutes gehört haben. Dabei klingt hier erst mal nichts nach Erfolgsgeschichte. „Ein Minecraft Film“, der Name ist Programm, ist die US-amerikanische Verfilmung des Videospiels „Minecraft“, bei dem Spieler wie in einem gigantischen digitalen Sandkasten eine ganze Welt aus grobpixeligen, dreidimensionalen Würfeln erschaffen können. Zombies, Schweine und Lamas inklusive. Weltweit hat „Ein Minecraft Film“ knapp 960 Millionen US-Dollar eingespielt und ist damit einer der erfolgreichsten Filme des Jahres. Ein anderer unwahrscheinlicher Hit: der japanische Animationsfilm „Chainsaw Man – The Movie: Reze Arc“ über einen jungen Mann, dessen Kopf und Armen Kettensägen entspringen können. Umsatz: weltweit mehr als 160 Millionen US-Dollar. Bei Filmstart Platz eins in den deutschen Kinocharts. Was umso erstaunlicher ist, weil es sich dabei um eine direkte Fortsetzung der ersten Staffel einer Anime-Serie handelt. Als exklusiver Kinofilm.

Pixelwürfel, Kettensägenarme, K-Pop-Dämonen

Und die vielleicht größte Erfolgsgeschichte von allen: der von Sony für Netflix produzierte Animationsfilm „KPop Demon Hunters“. Die Geschichte von Rumi, Mira und Zoey, drei jungen Frauen in einer erfolgreichen K-Pop-Band, die nebenbei Dämonen jagen und plötzlich Konkurrenz von den Saja Boys bekommen, einer Boy-Band, geschickt vom Dämonenkönig persönlich, um ihren Erfolg zu brechen. „KPop Demon Hunters“ ist der meistgeschaute Netflix-Film aller Zeiten. Gerade hat „Golden“, einer der Songs aus dem Film, den ersten Grammy überhaupt für einen K-Pop-Titel gewonnen. Und auch bei der Oscar-Verleihung Anfang März gilt „Golden“ als haushoher Favorit in seiner Kategorie.

Moment. Pixelwürfel, Kettensägenarme, K-Pop-Songs, die Dämonen bannen? So mancher Zuschauer in einem gewissen Alter (der Autor zählt sich mit 37 Jahren dazu) hat den Impuls, das alles als Quatsch abzutun, den man nicht mehr versteht. Aber genau darin liegt der Kern der Sache. Denn was sich hier beobachten lässt, ist nichts weniger als ein kultureller Generationenwechsel.

Das Jahr 2025 war das Jahr, in dem eine neue Generation endlich filmische Umsetzungen ihrer kulturellen Realitäten bekommen hat – und diese Verschiebung vor allem auch zum ersten Mal finanziell richtig deutlich wurde. Denn Wandel im Kapitalismus ist nur nachhaltig, wenn nach dem kulturellen Kapital das finanzielle Kapital folgt. In den vergangenen Jahren wurden den Kids von heute die Träume der Kids von gestern vorgesetzt. Generation X und Millennials, die sich an ihrer eigenen Kindheit abarbeiten. Die Zeit von Transformers-Filmen, Ghostbusters-Remakes und selbst solcher Mehrgenerationen-Franchises wie „Star Wars“ scheint langsam vorbei. Ganz sanft keimt die Hoffnung: Vielleicht, ganz vielleicht, sind Greta Gerwigs „Narnia“-Prequel und die He-Man-Verfilmung „Masters of the Universe“ im Jahr 2026 ein letztes Aufbäumen einer retroseligen Industrie, bevor die Zeit neuer, frischer Produkte anbricht.

Heldinnen schlürfen Ramen: Gesten und Mimik als Codes einer globalen Fankultur

Heldinnen schlürfen Ramen: Gesten und Mimik als Codes einer globalen Fankultur Foto: Netflix

Erste Anzeichen dieser Wachablösung gab es im vergangenen Jahr. Eine neue Generation bringt neue kulturelle Säulenheilige – und vor allem auch neue Codes. Ostasiatische Kultur hat einen gigantischen Einfluss, vor allem die Popkulturindustrien aus Korea und Japan. Man sieht das natürlich an K-Pop, aber auch an der Beliebtheit von Animes, die in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen ist. Das Ganze verrührt sich zu einer globalisierten Mischung, für die „KPop Demon Hunters“ exemplarisch stehen kann. Eine US-amerikanische Produktion mit echten koreanischen Popstars, deren Bildsprache sich eindeutig an ein mit Manga und Anime sozialisiertes Publikum richtet und dabei auch Gesten und Mimik aufgreift, die längst zu Erkennungsmerkmalen einer globalen Fankultur geworden sind.

Die kommende Kulturgemeinschaft ist global

Der Mechanismus dahinter ist alt: Wie jeder kulturelle Code soll er nach außen abgrenzen und nach innen Gemeinschaft schaffen. Das Besondere: Die kulturelle Abgrenzung verläuft längst nicht mehr an nationalen Trennlinien, die kommende Gemeinschaft ist eine globale. Das extremste Beispiel eines solchen kulturellen Codes in jüngster Zeit ist wohl der „Chicken Jockey“ (deutsch: der „Hühnerreiter“) aus „Ein Minecraft Film“. Im Videospiel „Minecraft“ stellt der „Chicken Jockey“ eine extrem seltene Kreatur dar, einen Mini-Zombie, der auf einem Huhn reitet. Er taucht in einer Szene auch im „Minecraft“-Film auf – und entwickelte sich zum viralen Social-Media-Trend. Kinder und Jugendliche sprangen beim Auftritt des „Chicken Jockey“ von ihren Sitzen auf, jubelten und warfen mit Popcorn und Getränken um sich. In den USA eskalierte dieser Trend so sehr, dass in einigen Fällen die Polizei gerufen wurde.

Mit dem „Chicken Jockey“ verhält es sich genau wie mit dem mittlerweile berühmten „6-7“-Meme. Er verweist auf nichts anderes als auf sich selbst. Es gibt keinen Sinn oder Inhalt, nur Oberfläche. Ein Insiderwitz, der aber für eine globale Gruppe funktioniert. Ein Zugehörigkeitsritual, das für Außenstehende wie Irrsinn und Chaos wirkt. Fliegende Popcorneimer, schreiendes Publikum. Aber nichtsdestotrotz: eine analoge Gemeinschaftserfahrung in einem nicht-digitalen Raum für eine Generation, die von der Corona-Pandemie in ihren prägenden Jahren in eben jene digitalen Räume verbannt wurde.

Ein Trendsetter: der „Chicken Jockey“ aus „Ein Minecraft Film“

Ein Trendsetter: der „Chicken Jockey“ aus „Ein Minecraft Film“ Foto: Warner Bros. Entertainment Inc.

Bleibt am Ende die Frage, wie umgehen mit diesem neuen Kino, als Filmkritiker, als Filmliebhaber, als Cineast? Wenn man die Codes nicht mehr versteht? Ein erster Schritt wäre: alles ernst nehmen und nicht gleich belächeln. Sich damit beschäftigen und dann ein Urteil fällen. Das könnte so ausfallen: „Ein Minecraft Film“ bleibt trotz aller „Chicken Jockey“-Energie ein ziemlich gewöhnlicher, altmodischer Film. „Chainsaw Man – The Movie: Reze Arc“ ist tatsächlich ein brillant montierter Actionfilm, der zwischen Blut, Teufel und Kettensägenmassaker eine ergreifende Liebesgeschichte und ein klassisches faustisches Drama um die ewige Frage nach Erlösung versteckt. Und „KPop Demon Hunters“? Eine mit viel Liebe zum Detail und wirklich überwältigend guter Pop-Musik erzählte Geschichte über Selbstakzeptanz und Zusammenhalt, die auch die Schattenseiten einer globalen Kulturindustrie zumindest nicht ausspart.

Ob das alles das Kino, wie wir es kennen, retten wird, bleibt zu bezweifeln. Reicht ein gemeinsamer Moment im Kinosaal von „Minecraft“ aus, um eine Liebe für die Siebte Kunst zu entfachen und die Magie der kollektiven Projektion in einem dunklen Raum? Möglich. Gleichzeitig weist der Streaming-Erfolg von „KPop Demon Hunters“ in eine ganz andere Richtung. Der lief zwar auch kurze Zeit im Kino, dank Knebelverträgen samt vorgeschriebenem, winzigem Ausspielfenster jedoch nahezu unbemerkt. Die Zukunft des Films, sie ist gerade erst dabei, sich zu formen.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Alain spannt den Bogen

Musikalisches Bergsteigen mit Markus Brönnimann und zwei Orchestern