Alain spannt den Bogen
Musikalisches Bergsteigen mit Markus Brönnimann und zwei Orchestern
Zusammen mit dem Orchestre de Chambre du Luxembourg, dem Luxembourg Philharmonic und dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam ging es diesmal auf musikalische Reisen. Über eine spannende Konzertwoche, die mit einem weniger überzeugenden Auftritt begann.
Foto aus den Reihen des Royal Concertgebouw Orchestra, zu Gast in der Philharmonie Foto: Eric Engel
Alain Steffens Rubrik zu klassischer Musik in Luxemburg Quelle: Tageblatt
Vom Konzert des Orchestre de Chambre (OCL) behalten wir mit Freude die Uraufführung von Markus Brönnimanns Werk Albula in Erinnerung, denn hier bot das OCL das, was man von einem guten Orchester erwartet: tolle Soli, präzises Aufeinanderhören, eine nahezu perfekte Dynamik und persönliches Engagement. Brönnimann hat dann auch mit Albula ein sehr attraktives Werk komponiert, das immer wieder die einzelnen Musiker in den Fokus stellt und ihnen mit ihren Soli die Möglichkeit gibt, zu glänzen.
Brönnimanns Wanderung
Man hört und spürt, Brönnimann kommt aus der Kammermusik. Sein bisher größtes Werk ist ein gelungener Wurf. Abwechslungsreich, stimmungsvoll, musikantisch und voller erträglicher Modernität ist es ein sehr attraktives und willkommenes Werk, das man gerne wiederhören möchte. Thematisch beschreibt Brönnimann eine Wanderung durch die Schweizer Berge, genauer am Albula-Pass in Graubünden. Seine Sprache ist zwar modern, lässt sich aber gut hören. Die Wanderung führt uns durch eine wunderbare Klanglandschaft, die Brönnimann abwechslungsreich und auch recht spannend zu gestalten weiß.
Allerdings ist Albula eher als eine innere Wanderung konzipiert, als dass es eine musikalische Beschreibung von Kuh-Almen, Bergflüssen oder Blumenwiesen wäre. Vor allem zeigt sich der Komponist und Soloflötist des Luxembourg Philharmonic als versierter Techniker, der genau weiß, wie er die Orchesterstimmen optimal in Szene setzen kann, und vor allem, wie er der für ein Kammerorchester tödlichen Akustik des Kammermusiksaals der Philharmonie trotzen kann. So gelang dem OCL hier eine transparente, dynamische und klanglich überzeugende Interpretation. Was man von den anderen Werken nicht sagen kann.
Enttäuschung
Weder Thomas Adès‘ Three Suites from Couperin oder Ravels Le tombeau de Couperin noch Haydns Symphonie Nr. 45 Abschiedssymphonie konnten überzeugen. Eigentlich müsste das OCL die Tücken des Saales kennen. Und warum der Dirigent Bertie Baigent da nicht regulierend eingriff und vor allem den störend-aggressiven Klang der drei Blechbläser nicht unterband, ist mir ein Rätsel. Ein differenzierter Orchesterklang kam nicht zustande. Die spielerisch hervorragenden Holzbläser bestimmten eher grimmig das Klanggeschehen, während die Streicher permanent auf der Suche nach Homogenität waren.
Die Aufgabe eines Dirigenten ist es auch, diese Ungereimtheiten während einer Aufführung zu bemerken und zu beheben. Und das war nicht der Fall. Baigent dirigierte sowohl bei Adès wie auch bei Ravel und Haydn ohne Rücksicht auf Verluste und unter dem Motto „Augen zu und durch“. Übrig blieben ein viel zu lautes und zerfahrenes Klangbild und ein mit Intonationsproblemen gespicktes Spiel, die uns diese Interpretationen schnell vergessen lassen. Das lag aber nicht nur an den Musikern, denn diese spielten sehr motiviert und konzentriert, nur dass eben das Endresultat nicht stimmte.
Aber wenn ein ausgewiesenes Kammerorchester keine korrekte Haydn-Symphonie mehr spielen kann, dann fängt man an, sich Fragen zu stellen. Muss das OCL nicht zu vielen Herren dienen? Wird es nicht zu allzu vielen Frondiensten herangezogen? Wird das Kammerorchester-Repertoire in den wenigen Saison-Konzerten nicht zu sträflich vernachlässigt? Natürlich, kein fester Probesaal und ein akustisch ungeeigneter Kammermusiksaal für die Konzerte sind wenig hilfreich, um eine Balance und einen eigenen Klang zu finden. Das ist schade, denn das OCL hat durchaus Kapazitäten, um auf der luxemburgischen Musikbühne mitzuspielen. Lustigerweise hatte man die Zugabe, nämlich Ravels Menuet sur le nom d’Haydn in der flotten Bearbeitung von Bertie Baigent, mit ins Programm gesetzt. Trotzdem, ein Konzert, das man am Schluss fast komplett vergessen kann und wo nur Markus Brönnimanns Albula im Gedächtnis bleiben wird.
Kristallklarer Klang für Rachmaninoff
Wenn Paavo Järvi zum Luxembourg Philharmonic kommt, dann ist hingegen großes Kino angesagt. Diesmal standen Sergej Rachmaninoffs Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 und die selten gespielte, aber hörenswerte 1. Symphonie von Hans Rott auf dem Programm. Bruce Liu war der Solist bei der Rhapsodie und ist der Gewinner des Warschauer Chopin-Wettbewerbes 2021. Er zeigte, dass er zu den allerbesten Pianisten der Gegenwart gehört. Auf der einen Seite nimmt er der Rhapsodie alle Schwere und überrascht mit einem quasi federleichten, kristallklaren und virtuos angepassten Spiel.

Bruce Liu überzeugte als Solist am Klavier Foto: Alfonso Salgueiro
Technisch ist Liu überragend und es war ein Genuss, dem jungen Pianisten zuzuhören. Die Natürlichkeit seines Spiels spiegelte sich dann in dem transparenten und federnden Orchesterspiel des Luxembourg Philharmonic, das von Järvi mit leichter Hand geführt wurde und in jedem Moment atmen konnte. Die daraus entstandene Transparenz und Klarheit vermischte sich mit einem eher hellen Orchesterspiel, das perfekt zu Lius ebenfalls hellem Klavierspiel passte. Als Zugabe spielte Liu noch Frédéric Chopins Fantasie-Impromptus op. 66; auch hier brauchte der geniale Pianist nicht auf plakative Effekte zurückzugreifen, sondern behauptete sich als ein seriöser Interpret ersten Ranges.
Der einsame Gärtner
Die Aufführung von Hans Rotts 1. und einziger vollendeter Symphonie war dann ein absolutes Highlight. Man entdeckte hier einen wahren Meister der Komposition und vor allem einen Erneuerer der Symphonie. Der Bruckner-Schüler und Studienkollege von Mahler und Wolf hatte dieses geniale Werk mit 21 Jahren komponiert, tragischerweise aber starb Rott 1884 schon mit 26 Jahren in einem psychiatrischen Asyl.

Paavo Järvi sorgte gemeinsam mit dem Orchester für ein besonderen Konzertabend Alfonso Salgueiro
In dieser Symphonie zeigt sich Rott als einsamer Gärtner – als Komponist hatte er keinen Erfolg und wurde von Brahms komplett abgelehnt – der Samen für einen neuen musikalischen Stil sät. Paavo Järvi und dem Luxemburg Philharmonic gelang mit dieser Symphonie eine beeindruckende Wiedergabe. Järvi schärfte einerseits die Konturen und ließ die trivialen und populären Tänze und Melodien recht markant erscheinen, während er auf der anderen Seite er einen vollen, üppigen Orchesterklang anstrebte. Das Pathos war in jedem Moment präsent, jedoch immer wohldosiert, und die Steigerungen wurden genüsslich ausgekostet, ohne aber jemals die Balance der Symphonie in Bedrängnis zu bringen. Wie schon Rachmaninoff durfte auch Rotts 1. Symphonie von dem natürlichen Atem und Fluss des fantastischen Orchesterspiels profitieren. Ein Konzertabend, der uns lange im Gedächtnis bleiben wird.
Anton und Klaus als Gipfelstürmer
Ein musikalischer Gipfel ist ohne Zweifel Anton Bruckners 8. Symphonie. Und wenn dieses Werk dann auch noch vom Royal Concertgebouw Orchestra aufgeführt wird, dann ist das musikalische Glück vollkommen. Anton Bruckners monumentale Symphonie (hier in der Haas-Fassung gespielt) fordert alles von den Orchestermusikern, insbesondere den Blechbläsern. Und um rund 85 Minuten lang Innenspannung und Klangschönheit zu gewährleisten, dafür bedarf es schon eines genialen Dirigenten.

Jung und talentiert: der Dirigent Klaus Mäkelä Foto: Eric Engel
Dies war an diesem Abend Klaus Mäkelä, zukünftiger Chefdirigent des Concertgebouw. Was er alles an Gestaltungswillen anbot, war schon außergewöhnlich. Das war Bruckner aus einem Guss, absolut klangprächtig, intensiv und wunderschön im langen Adagio, für den Dirigenten der eigentliche Prüfstein dieser Symphonie. Mäkelä wusste genau, wo er hinwollte, und wirkte enorm sicher. Die Musiker des Eliteorchesters aus Amsterdam folgten ihm mit großer Spielefreude und höchster Perfektion.
Obwohl Mäkelä seine Hundertschaft zu gewaltigen Klangausbrüchen führte, wirkte seine Interpretation doch nie plakativ. Denn auf der anderen Seite kitzelte er Feinheiten und wunderbar leise Stellen aus der Partitur heraus, die man sonst selten hört. Und alle Meckerer, die immer noch behaupten, Klaus Mäkelä sei zu jung, seien darauf hingewiesen, dass 1961 Bernard Haitink den Chefposten beim Concertgebouw auch mit 30 Jahren antrat.