Das Goldene Buch
150 Jahre Escher Stadtharmonie auf 448 Seiten
Es ist schwer, groß und lässt einen erst einmal schlucken, denn 448 Seiten sind keine leichte Kost. Es zu lesen lohnt sich aber allemal, denn das „Livre d’Or“ zum 150. Geburtstag der Escher Stadtmusik ruft nicht nur Nostalgie bei den Vereinsmitgliedern hervor – es porträtiert Esch mit all seinen kulturell-künstlerischen Facetten. Ein Einblick.
Bei der Vorstellung des Buches im Escher Rathaus Foto: Editpress/Alain Rischard
„Die HMEsch, 150 Jahre alt, mit vielleicht der ein oder anderen Gebrauchsspur, steht wunderbar im kulturellen Leben, hat in jedem Bereich die Erwartungen mehr als erfüllt!“, so schreibt es Jean Thill, ehemaliger Dirigent, in seinem Prolog im „Livre d’Or“. Das Jubiläumsbuch zum 150. erstrahlt mit dem neuen Logo, entsprungen aus der Feder des damaligen LGE-Schülers Louis Elsen, und ist eine Hommage. Eine Hommage an die vielen „Ären“, die die Escher Stadtmusik unter verschiedenen Dirigenten erlebte, an die Konzerte, die Feiern und Menschen, ohne die der Verein nicht derselbe wäre. Und eine Hommage an die Stadt Esch, in der Musik in all ihren Formen gelebt und gefördert wird.
Im Buch finden alle Platz, die in der 150-jährigen Geschichte eine Rolle gespielt haben Foto: Editpress/Alain Rischard
Von den Chören der Kirche und Kapverdier, über die tanzenden Majoretten und das Cinéma Ariston bis hin zu den Schulen der Gemeinde, die die Liebe zum Klang von klein auf fördern: Im Buch finden sie alle Platz, denn gefeiert wird bei der HMEsch nicht alleine. Der Verein wurde am 16. April 1871 unter dem Namen „Société de musique fanfare d’Esch-sur-Alzette“ geboren. Den 150. hätte die 2018 in „Harmonie municipale Esch-sur-Alzette“ umgetaufte Stadtmusik eigentlich bereits 2021 feiern sollen, doch Covid, dann Esch2022 machten dem Organisationskomitee einen Strich durch die Rechnung, sodass das geplante Programm erst Ende 2022 starten durfte.
Die Menschen dahinter
Autor Lucien Wolff Foto: Editpress/Alain Rischard
Drei Jahre später veröffentlichte der Verein am vergangenen Freitag das Jubiläumsbuch von Lucien Wolff, der die Highlights vor allem der vergangenen 25 Jahre auf fast 450 Seiten präsentiert. Fotos von Umzügen, Nationalfeiertagen und Volksfesten, die Erinnerung an lange Nächte nach Konzerten, Vereinsreisen und alte Proberäume: Wer durch die vielen Seiten blättert, begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, festgehalten in Schrift und Farbe. Nicht nur sämtliche Feierlichkeiten zum Geburtstag sowie sämtliche Gala-Programme der letzten Jahre wurden dokumentiert: Im Fokus stehen die Menschen, die „gutt Geeschter“ alias Freiwillige der Amicale, den Verstorbenen Nello Baschera, ohne den viele Geschichten wohl nie erzählt worden wären, die Mitglieder der „Jugendmusek“, die „Crazy Bléiser“ und „Les Intrépides“, die heutigen Musiker. Sie alle sind die Ehrengäste im verschriftlichten Rückblick der HMEsch, denen mehr als nur eine Randnotiz im Index gebührt.
Einer von ihnen ist Charel Adam. Über 65 Jahre ist der Musiker Teil der Harmonie, denn schon als Kind spielte der heute 74-Jährige im Orchester. Die Dirigenten Georges Wagner, David Reiland, Jean Thill – Adam hat sie alle erlebt und war selbst bei vielem dabei, an das im Buch erinnert wird. „Einmal waren wir auf Konzertreise im italienischen Boario Terme. Beim Konzert lief alles wie am Schnürchen, danach haben wir im Zelt gegessen und irgendwann unsere Bläser ausgepackt und improvisiert. Es war das Schönste, was ich je erlebt habe, so viele Leute auf den Tischen, die zu unserer Musik tanzten“, sagt Adam. Der Rentner, der seit 2000 das Material des Vereins verwaltet und als „Jean fait tout“ immer zur Stelle ist, erinnert sich gerne an die vielen Reisen und Momente unter Freunden, die bis heute geblieben sind.
Charel Adam ist seit seiner Kindheit in der Escher Stadtmusik aktiv und legt seine Tuba noch so schnell nicht nieder Foto: Laura Tomassini
Nacktschwimmen mit Unterhose auf dem Kopf, eine Jam-Session zwischen stehenden Fahrzeugen, der ein oder andere Kater: Die „Spiichten“ der Escher Musikanten wurden stets außerhalb der Proben getrieben, denn im Raum mit den vielen Stühlen ist man seriös, so Adam: „Wir treffen uns zweimal die Woche und ich habe noch kaum eine Probe oder ein Konzert verpasst. Wie sagte unser Vater Grausam, einer der älteren Musiker, einmal zu mir: ,Mäi léiwe Jong, wanns de de bloe Kostüm bis hues, dann dees de en och un!‘.“ Vieles habe sich zwar geändert, der Zusammenhalt im Verein sowie die vielen Bekanntschaften der Jahre seien aber geblieben. Dass diese nun alle zu Papier gebracht wurden, freut den alteingesessenen Musiker, der noch heute gerne in den vorangegangenen Büchern zum Hundertjährigen und 125. Geburtstag des Vereins blättert.
Das Buch macht einen sehr soliden Eindruck Foto: Editpress/Alain Rischard
Musik wirklich leben
Adams persönliche Highlights des rezenten Passé: die Gala-Veranstaltung „Music & Dance“ zusammen mit den Tänzern der Tanzschule Sara Eden sowie den Klassen des städtischen Konservatoriums in der Philharmonie, die zahlreichen Opern-Abende zusammen mit unterschiedlichen Chören, und das Konzert „D’Joffer Marie-Madeleine, frësch verléift“ im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten. Diese durften nach mehreren Anläufen endlich zwischen November 2022 und November 2023 stattfinden, mit Eröffnungs- sowie Schlusskonzert, einem „Birthday Music Festival“ und vielen weiteren Specials, die natürlich alle im „Livre d’Or“ zu finden sind.
Adam ist stolz auf die Arbeit seiner Vereinsbrüder und -schwestern, vor allem aber darauf, wie die HMEsch nach all den Jahren immer noch mit ihrer Musik begeistert. „Noch gestern habe ich einem kleinen Jungen von sechs Jahren eine Tuba gegeben, die größer ist als er selbst“, meint der Musiker mit einem Lächeln. Das Jubiläumsbuch ist nämlich nur die Spitze des Eisberges, die Kirsche auf dem Kuchen. Das, was wirklich zählt, sind die Stunden unter Gleichgesinnten, die Erinnerungen, die zwar durch Papier wach gekitzelt werden, jedoch am schönsten sind, wenn man sie selbst erlebt.