Musiktipps zum Jahresbeginn
Ob die neuen Alben von Dry Cleaning und Sleaford Mods schon jetzt den Ton angeben und worauf Musikfans sich im Januar freuen können
Neues Jahr, neue Musik: Über die Wut von Dry Cleaning und Sleaford Mods, eine Band zum Geburtstag und das Comeback von Gluecifer.
Das Logo des digitalen Musik-Streamingdienstes Spotify Stefani Reynolds / AFP
Dry Cleaning
Ihre ersten beiden Alben erschienen im Abstand von anderthalb Jahren. Jetzt mussten ihre Fans etwas mehr als drei Jahre warten, bis ihnen Dry Cleaning ihr drittes Album bescheren. Dazwischen traten sie auf Einladung der allmächtigen Wilco auf dem von diesen kuratierten „Solid Sound Festival“ in Massachusetts auf. Bei dieser Gelegenheit lernten sie Bandkopf Jeff Tweedy kennen und handelten mit ihm aus, auf Gage zu verzichten, wenn sie im Studio der Band in Chicago aufnehmen dürfen. Man wurde sich einig. Dort trafen sie auf die walisische Musikerin und Produzentin Cat Le Bon, die auch das 2023er Wilco-Album „Cousin“ produziert hatte. Ihr wurde die Aufgabe zuteil, Dry Cleanings Album „Secret Love“ zu produzieren.

(RATING: 8/10 Punkte) Das Cover zu „Secret Love“ Quelle: 4AD
Das englische Quartett, das zu Beginn seiner Karriere innerhalb der Londoner Szene als Postpunk-Wunder gehandelt und mit Wire, The Fall, Art Brut und Magazine verglichen wurde, wollte mit „Secret Love“ einen Schritt weitergehen. Sängerin Florence Shaw traute sich, mehr von sich zeigen. Sie ist bekannt dafür, in den Songs zu sprechen, statt zu singen und das mit einem herrlich gleichgültigen, distanzierten Tonfall. Diesmal singt sie mehr.
Derweil experimentieren Gitarrist Tom Dowse, Bassist Lewis Maynard und Schlagzeuger Nick Buxton viel. Im Auftakt „Hit My Head All Day“ erklingen vermeintliche Bongos und auf Orgel getrimmte Synthesizer – als hätten die Talking Heads zu viele Schlaftabletten genommen. Im freundlich wirkenden „Let Me Grow And You’ll See The Fruit“ hat Shaw hinter der Akustikgitarre und dem mäandernden Bassspiel eine mit Gleichgültigkeit vorgetragene Wutrede versteckt. Klingt unmöglich? Nicht für Dry Cleaning. Die sind und klingen anders als ihre Konkurrenz. Genau das macht sie so besonders.
Sleaford Mods
Seinen Unmut ins Mikrofon zu spucken, das ist für Jason Williamson ein Kinderspiel. Mit seiner Band Sleaford Mods hat er bereits zwölf Alben mit seinen Rants gefüllt. Dazu serviert sein musikalischer Partner Andrew Fearn minimalistische Beats, Loops und Samples. Live ist das herrlich anzusehen, wie Fearn hinter einem auf Getränkekisten positionierten Sampler tanzend die Musik abruft, während Williamson über die Bühne wandert, gestikuliert und motzt.
Bisher wurde es selten langweilig mit dem Duo aus Nottingham. Damit das auch auf ihrem neuen Album „The Demise Of Planet X“ nicht passiert, haben sie sich Gäste eingeladen und generell neuen Ideen geöffnet: siehe die Ballade „Don Draper“ oder „Shoving The Images“ mit seinem galoppierenden Beatrhythmus. Laut eigener Aussage haben sie sich diesmal von The Specials, The Selector und Northern Soul inspirieren lassen.

(RATING: 7/10 Punkte) Quelle: Rough Trade
Schauspielerin Gwendoline Christie (Brienne von Tarth aus „Game Of Thrones“) und Big Special sind im Opener „The Good Life“ zu Gast. Und Christie kann sehr leidgeplagt und innig ins Mikrofon schreien, wie sich zeigt. In dem ruhigen „Double Diamond“ erklingen Streicher, für „Elitest G.O.A.T.“ konnten sie Sängerin Aldous Harding verpflichten, die mit ihrem kindlich wirkenden Gesang den warmen Gegenpol zu Williamsons Gekeife einnimmt. Und für „No Touch“ lotsten sie Sue Tompkins, die einstige Sängerin der viel zu kurzlebigen schottischen Indierocker Life Without Buildings, vors Mikrofon.
Zudem bieten sie zwei Künstlern aus ihrer Heimatstadt eine Plattform: dem Singer-Songwriter Liam Bailey in „Flood The Zone“ und Rapper Snowy in dem futuristischen „Kill List“. Auch sie tragen dazu bei, die Klangwelt des Duos zu erweitern.
The Morning Stars
Wie es zur Gründung der deutschen Indie-All-Star-Band The Morning Stars kam, ist eine wunderschöne Geschichte. Die bekannte Solomusikerin Barbara Morgenstern, Alex Paulick, bekannt von den Düsseldorfer Avantgardisten Kreidler, und Felix Müller-Wrobel, Gitarrist bei der sagenhaften Indieband Kante, schenkten Kante-Schlagzeuger Sebastian Vogel zum Geburtstag einfach eine neue Band. Sie alle kennen sich seit Ende der Neunziger und sind sich mit ihren aktuellen und ehemaligen Bands mehrfach über den Weg gelaufen. Während flüchtige Bekanntschaften oft ebenjene bleiben, gingen die vier in einen Berliner Proberaum, um zu schauen, was sie gemeinsam kreieren könnten.

RATING: 8/10 Punkte Quelle: The Morning Stars
Es dauerte nicht lange und die ersten Songs kristallisierten sich heraus. Mehrstimmige Gesänge, Müller-Wrobels Gitarrenspiel, Paulick am Fretless Bass, Vogels reduzierter Schlagzeug-Einsatz und Barbara Morgenstern mit ihren schwebenden Keyboard-Einstreuungen – so lässt sich ihr Debütalbum „A Hymn Without A Sound“ umschreiben.
Die Einflüsse ihrer Bands werden ergänzt um Verweise auf Rush, Talk Talk und Talking Heads. Sie setzten ihre Messlatte also sehr hoch und überspringen sie ohne weiteres. Die Songs sind progrockig („One Of The Doors“), zaghaft („Like This“), funky-rockig („Scars“), magisch („Chainsaw Fiddle“), mystisch und verspielt („Trap“) und episch („The Everything“). Es ist keine Musik, um mit einem halben Ohr hinzuhören.
Übrigens: Bei diesen namhaften Beteiligten sollte man annehmen, das Debütalbum würde auf einem etablierten Indielabel erscheinen. Aber sie fanden keins. Also veröffentlichen The Morning Stars „A Hymn Without A Sound“ in Eigenregie. Diese Entschlossenheit und dieser Mut werden hoffentlich belohnt.
Das Album erscheint offiziell am 16. Januar.
Gluecifer
Es gibt zwar den Wunsch, nie zu alt für Rock’n’Roll zu sein. Doch die in Musik verpackte jugendliche Energie kann nicht jeder konservieren. Es fehlt mitunter an guten Ideen und an Esprit. Wie es Gluecifer geschafft haben, dass ihnen dieses Schicksal erspart blieb, ist nicht überliefert. Man darf sich schlicht freuen über ihr sechstes Album „Same Drug New High“. So muss Garage Rock klingen, selbst wenn die Band satte 32 Jahren auf dem Buckel hat – die mehrjährige Unterbrechung zwischen 2005 und 2017 mit eingerechnet.

RATING: 7/10 Punkten Quelle: Steamhammer
Seit 2017 sind die Herren aus Oslo wieder aktiv. Vier Mitglieder von früher gingen damals mit einem neuen Mann am Bass zurück auf die Bühne. Mittlerweile sind 22 Jahre seit ihrem letzten Studioalbum „Automatic Thrill“ vergangen. Das scheint Gluecifer gar nicht berührt zu haben.
Sie sind zwar körperlich sichtlich älter geworden, ihre neuen Songs indes erinnern an ihre Hochphase zur Jahrtausendwende. Wahrscheinlich war es klug, nach der Reunion mit den Aufnahmen lange genug zu warten, bis sie genügend hochklassige Songs haben. Diesen Schluss legt dieses Album nahe. Man wartet ständig drauf, dass der nächste Song vielleicht schwächer als der vorherige ist. Aber so kommt es nicht. Sie sind allesamt auf einem ähnlich hohen Niveau.
Los geht es mit dem jugendlich-unbeherrschten Rock’n’Roller „The Idiot“. Die erste Mitsing-Hymne folgt mit dem Titelstück. Die Gitarre in „I’m Ready“ erinnert an AC/DC, in „Pharmacity“ streuen Gluecifer etwas Rock à la The Cult ein. Auch die zweite Hälfte ist keine Enttäuschung, und im Nu ist dieses tolle Comeback-Album vorüber. Schön, dass sich Gluecifer auch musikalisch zurückgemeldet haben.
Album erscheint offiziell am 16. Januar.