Filmfestival
Von der Disney-Videokassette zum Filmjuror – ein Treffen mit Peter Doherty in Luxemburg
Der Indie-Musiker und einstiges Boulevard-Gespenst Peter Doherty war Teil der internationalen Jury beim Luxembourg City Film Festival. Warum eigentlich?
Mag alte Filme: Peter Doherty, Musiker, Autor und Mitglied der internationalen Jury beim Luxembourg City Film Festival Foto: Margaux Gatti, Luxembourg City Film Festival
Früher war der Typ wirklich schwer zu fassen. Früher, das war die wilde Zeit nach dem Ende der Libertines, seiner ersten Band. Peter Doherty, damals noch Pete, hatte gerade seine neue Band Babyshambles gegründet. Er bandelte mit Kate Moss an und Amy Winehouse. Spritzte sich Heroin und gerne auch mal Blut auf Interviewpartner. Sagte Konzerte ab, auch damals in Luxemburg. Man dachte wirklich: Der Junge wird nur 27.
Jetzt ist er 47 und sitzt wohlgenährt an einem Tisch im Kellergeschoss des Hotel „Le Place d’Armes“. Spaziert mit Ehefrau Katia de Vidas durch die Oberstadt, fängt Kind samt Mini-Tretroller in der Hotellobby ein und gibt gut gelaunte Pressekonferenzen.
Doherty ist dieser Tage in Luxemburg als Gast des Luxembourg City Film Festival. Aber nicht weil er in einem Film mitspielen würde, sondern als Mitglied der internationalen Jury des Festivals. Dabei hat der Musiker mit Film eigentlich nicht so viel am Hut, den er gerne auch im Haus trägt, zum Interview aber abgelegt hat. Doherty war einst Objekt der Begierde vieler gieriger Paparazzi-Kameras, als er ein Boulevard-Gespenst war, damals in den späten Nullerjahren. Doherty war auch Objekt manch einer Doku – hervorzuheben die seiner Frau Katia, „Stranger in my own Skin“. Das Luxembourg City Film Festival ist für ihn, wie er selbst sagt, „das erste Mal auf der anderen Seite des Zauns“.
Doherty kokettiert mit der Rolle des Naivlings
Peter Doherty mag alte Filme. Das an sich ist ja erst mal rundherum toll. In heutigen Streaming-Zeiten mit eingeschränkt zugänglicher Filmgeschichte. Zeiten, in denen Leute denken, alte Filme, das sind doch diese Streifen aus den Neunzigern. Nein, für Peter Doherty ist alles, was nach 1970 gedreht wurde, modern. Schaut er eigentlich gar nicht. Er liebt Hitchcock, Film Noir, „The Maltese Falcon“.
Im Gespräch erzählt Doherty dann von seinen ersten Filmerinnerungen, von Groucho Marx und Charlie Chaplin. „Das sind die Leute, die meinen Blick auf die Welt geformt haben.“ Er erinnert sich an die Filmvorführungen für die Kinder des Army-Personals auf Zypern, wo sein Vater stationiert war, an Zeichentrickfilme und Disney-VHS-Kassetten zu Weihnachten. „Wir waren nicht wirklich eine Kinofamilie“, sagt Doherty. Später, in London, hat er im altehrwürdigen Programmkino Prince Charles Cinema an der Popcorn-Maschine gearbeitet und sich in Vorstellungen geschlichen. „‚Fear and Loathing in Las Vegas‘, den hab’ ich vielleicht 30-mal gesehen.“ Ein filmischer Drogentrip. Passt.
Meine Freunde haben mich alle gefragt, warum haben sie dich gefragt? Du hast doch gar keine Ahnung von Film.
Man muss festhalten: Peter Doherty ist wirklich ein grundsympathischer Typ, ein „lad“, würden die Briten wohl sagen. Bodenständig, geerdet, mit dieser feinen Prise Selbstironie, wie sie nur Menschen haben können, die in den Überresten eines Weltreichs aufgewachsen sind, das sich heute auf eine Insel beschränkt, auf der es oft regnet. Ein wirklich, wirklich netter Kerl. Nur: Das reicht irgendwie nicht, um ihn für die internationale Jury eines Filmfests zu qualifizieren.
Und er weiß es ja selbst. „Meine Freunde haben mich alle gefragt, warum haben sie dich gefragt? Du hast doch gar keine Ahnung von Film.“ Im Gespräch kokettiert er mit der Rolle des Naivlings in der Jury, der schnell begeistert und emotional berührt ist von Dingen, die seine Jury-Kollegen als „sentimentaler Müll“ bezeichnen. „Gestern haben sie über Haneke gesprochen“, sagt Doherty, „und ich dachte, das wär ein jüdischer Feiertag.“
Man muss Michael Haneke – deutsch-österreichischer Filmemacher, einer der relevantesten Regisseure des Weltkinos der letzten zweieinhalb Jahrzehnte – nicht kennen. Man muss dann aber auch nicht Teil der Expertenjury eines Filmfestivals sein. So hat die Einladung von Peter Doherty den Geschmack eines Publicity-Stunts. Die Rückkehr des Boulevard-Gespensts. Das wird diesem netten Typen nicht gerecht.