Luxemburger Geologe in Grönland
„Wie Luxemburg zu Beginn der Stahlindustrie“: Romain Meyer und seine strategische Rolle für Grönlands Rohstoffe
Grönland steht wegen seiner Rohstoffe und seiner Lage geopolitisch unter Druck. Auf der Suche nach ökonomischer Unabhängigkeit besetzt ein Luxemburger eine strategisch wichtige Rolle.
In Grönland gibt es quasi sämtliche Rohstoffe, die in neuen Technologien benötigt werden Foto: Editpress/Georges Noesen
Seitdem US-Präsident Donald Trump öffentlich über eine mögliche Übernahme Grönlands durch die USA spricht und mit der Zeit deutlich wurde, dass er es durchaus ernst meint, richtet sich der Blick der Welt auf die größte Insel der Erde. Einer, der sich schon lange für Grönland begeistert, ist der luxemburgische Geologe Romain Meyer. Seit dem 1. Oktober 2025 ist er Direktor des grönländischen Departements für Geologie.
Sein Interesse an der Region reicht bis in die Studienzeit zurück. Meyer schrieb seine Doktorarbeit über die Öffnung des Nordostatlantiks. „Es zog mich schon immer in die Arktis“, sagt er im Gespräch mit dem Tageblatt. „Das älteste Gestein hier in Grönland ist über vier Milliarden Jahre alt. Beim ältesten Gestein in Luxemburg, dem Devon, sprechen wir von einigen Hundert Millionen Jahren.“ Hinzu komme, dass es kaum Vegetation gebe. „Man sieht die Steine, was einen Geologen natürlich freut.“
Der luxemburgische Geologe Romain Meyer leitet seit dem 1. Oktober 2025 das grönländische Departement für Geologie Foto: privat
Zur aktuellen geopolitischen Lage darf sich Meyer nicht äußern. Als Angestellter der grönländischen Regierung unterliegt er klaren Kommunikationsvorgaben. „Alle Stellungnahmen dazu laufen über das Ministerium“, erklärt er. Ende vergangener Woche hatten sich die Vorsitzenden der fünf im grönländischen Parlament vertretenen Parteien unmissverständlich positioniert: „Wir wollen keine Amerikaner sein, wir wollen keine Dänen sein, wir wollen Grönländer sein.“ Medienberichten zufolge soll sich US-Außenminister Marco Rubio am Mittwoch in Washington mit seinen dänischen und grönländischen Amtskollegen treffen.
Hier gibt es so gut wie alles, was derzeit sowohl von der EU und den USA als auch der NATO als kritische Rohstoffe eingestuft wird
Romain Meyer
Direktor des Department of Geology
Grönland gehört zum dänischen Königreich, genießt jedoch weitreichende Autonomie. Wie die Süddeutsche Zeitung kürzlich schrieb, sind viele Grönländerinnen und Grönländer der Ansicht, dass sie trotz einer problematischen Kolonialgeschichte mit Dänemark heute einen faireren politischen Partner haben als mit den USA. Die grönländischen Inuit sind rechtlich deutlich besser gestellt als etwa die Inuit in Alaska. In ihrer Stellungnahme betonen die grönländischen Parteienchefs auch, dass die „Zukunft Grönlands von den Grönländern bestimmt“ werden müsse. Kein anderes Land habe sich da einzumischen.
Unterdessen droht Trump seit Ende der vergangenen Woche wiederholt damit, die Übernahme zur Not auch militärisch durchzuführen. Seine Übernahmepläne begründet der US-Präsident immer wieder mit sicherheitspolitischen Interessen. Dabei verfügen die USA bereits über eine Militärbasis auf Grönland. Pläne von Deutschland und Großbritannien, die Arktis-Region im Rahmen der NATO besser abzusichern, lassen Trump kalt. An Bord der Air Force One unterstrich der Republikaner erneut seine Ambitionen. „Wir sprechen über Erwerb, nicht über Pacht“, sagte der Präsident gegenüber Journalisten.
Seltene Erden in großen Mengen
Ähnlich wie bei seinem Coup in Venezuela geht es Trump in erster Linie nicht um Sicherheitsinteressen, sondern um Rohstoffe. Denn Grönland ist reich an Bodenschätzen. „Hier gibt es so gut wie alles, was derzeit sowohl von der EU und den USA als auch der NATO als kritische Rohstoffe eingestuft wird“, erklärt Meyer. Gemeint sind Materialien, die für moderne Technologien unverzichtbar sind. Dazu zählen Seltene Erden ebenso wie Vanadium, Titan, Chrom, Nickel oder Kobalt.
Gerade diese Rohstoffe sind für westliche Industrieländer von strategischem Interesse. „China hat aktuell quasi ein Monopol bei den Seltenen Erden, die in Grönland in großen Mengen vorkommen“, so Meyer. Diese Ressourcen könnten dazu beitragen, Abhängigkeiten zu verringern, etwa in den Bereichen Elektromobilität, erneuerbare Energien oder Rüstung.
Für den Abbau der Bodenschätze fehlt nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die zum Teil lebensfeindlichen klimatischen Bedingungen erschweren den Abbau Foto: Editpress/Georges Noesen
Noch steht dem großflächigen Abbau jedoch einiges entgegen. „Aufgrund der klimatischen Bedingungen und der fehlenden Infrastruktur ist der Abbau derzeit schwierig“, sagt Meyer. Langfristig könnten die Rohstoffe aber nicht nur westliche Staaten unabhängiger von China machen, sondern auch Grönlands wirtschaftliche Eigenständigkeit stärken. Dabei spielt das von Meyer geleitete Departement eine Schlüsselrolle. Es ist an der Vergabe der Abbaulizenzen beteiligt. Derzeit handelt es sich überwiegend um Explorationslizenzen. „Aktiv im Abbau sind momentan nicht mehr als eine Handvoll Unternehmen“, erklärt Meyer. „Im vergangenen Jahr haben wir drei neue Lizenzen vergeben.“
Dabei gelten strenge Umweltauflagen. Die grönländische Regierung fürchtet die Folgen eines unkontrollierten Rohstoffabbaus. Land wird deshalb grundsätzlich nicht verkauft. „Minen können lediglich gepachtet werden“, betont Meyer.
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Unbekannter Norden
Das Prinzip, dass Grund und Boden in staatlicher Hand bleiben, gilt in Grönland jedoch nicht nur für den Bergbau. Während Trump vom Erwerb der gesamten Insel spricht, ist in Grönland nicht einmal Landbesitz für Wohnzwecke vorgesehen. „Es gibt zwei staatliche Wohnungsagenturen, die die Vermietung organisieren“, sagt Meyer. „Deshalb leben die meisten Grönländerinnen und Grönländer in Apartments.“ Das Leben in der Hauptstadt Nuuk mit rund 20.000 Einwohnern vergleicht er mit einer Agglomeration wie Düdelingen. „Wenn man aber weiter raus geht, in Dörfer, wo quasi nur eine Familie wohnt, da ist das Leben ein ganz anderes“, so Meyer.
„Vergleichbar mit Düdelingen“: Der Alltag in der grönländischen Hauptstadt Nuuk Foto: Editpress/Georges Noesen
Inzwischen versteht der Geologe, der bis zu seinem Amtsantritt in Grönland beim luxemburgischen Staat beschäftigt war, warum die Inuit so viele Begriffe für Schnee kennen. „Ich weiß morgens mittlerweile, wie sich der Schnee im Laufe des Tages verändern wird und welche Schuhe ich anziehen muss.“ Viele Grönländer tragen Turnschuhe, weil deren Sohlen elastischer sind und besseren Halt bieten als schwere Winterschuhe.
So bodenständig der Alltag in Nuuk auch wirkt, die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes sind groß. Die grönländische Regierung verfolgt das Ziel, mit dem Rohstoffsektor einen Wirtschaftszweig aufzubauen, der die Unabhängigkeit der Insel stärkt. Voraussetzung dafür ist jedoch eine genaue Kenntnis der geologischen Gegebenheiten. „Im Süden rund um Nuuk wissen wir bereits sehr viel. Im Norden sieht das anders aus“, erklärt Meyer. Eine der Aufgaben seines Departements sei es daher, die geologische Kartierung im Norden voranzutreiben.
Lebensfeindliche Bedingungen
Das ist alles andere als einfach. Dort liegt das Gestein teilweise unter einer bis zu drei Kilometer dicken Eisschicht. Hinzu kommen extreme klimatische Bedingungen. „Es sind lebensfeindliche Verhältnisse“, sagt Meyer. Und das nicht nur wegen der Eisbären. „Jede Expedition hat einen Bärenjäger dabei.“ Für ihn sei es zunächst ungewohnt gewesen, Menschen mit Waffen in ein Flugzeug steigen zu sehen.
Die größte Herausforderung seien jedoch Wind und Wetter. „Die extremen Winde und die schnellen Wetterumschwünge sind schlimmer als die Kälte“, so Meyer. Ein Mitarbeiter habe ihm einmal erzählt, dass er sich als Kind stundenlang an einer Laterne festhalten musste, weil der Sturm ihn sonst fortgetragen hätte. Nachdem er selbst die ersten Stürme erlebt habe, habe er verstanden, was damit gemeint war.
Trotz allem soll der Rohstoffabbau weiterentwickelt werden, möglichst im Einklang mit der Umwelt. „Das spielt hier eine größere Rolle als in vielen zentraleuropäischen Ländern“, sagt Meyer. Er zieht gerne einen historischen Vergleich mit Luxemburg Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. „Der Aufbau der Eisen- und Stahlindustrie hat den Wohlstand des Landes begründet. Wenn das Portemonnaie einmal gefüllt ist, kann man auch in andere Wirtschaftszweige investieren.“
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass niemand kommt, um sich die Bodenschätze unter den Nagel zu reißen und Grönland sowie seine Bevölkerung auszubeuten.