Einziges NATO-Gebiet mit russischen Siedlungen
Sorgen um Spitzbergen: Norwegen fürchtet „Domino-Effekte“ mit Blick auf Grönland
In Norwegen fürchtet man „Domino-Effekte“ mit Blick auf Grönland und stellt sich Fragen zur Sicherheitslage der Inselgruppe im Hohen Norden, die ebenfalls reich an Rohstoffen ist – und wo Russland seine Präsenz in der Arktis ausgebaut hat.
Die „Kühle Küste“: Svalbard heißt das Archipel im hohen Norden auf Norwegisch, das auch von seinen Bodenschätzen her interessant ist Foto: AFP
Kegelförmige verschneite Berge, derzeit in das Dunkel der Polarnacht getaucht – das ist die Inselgruppe „Spitzbergen“. Zweitausend Kilometer südlich in Oslo ist das Archipel, welches zu Norwegen gehört, Anlass für politische Sorgenfalten. Welche Folgen hätte es für die Sicherheitslage von Spitzbergen, wenn Donald Trump wirklich mit Zwang Grönland einverleibt? Eine linke Partei verlangt darum eine Fragestunde im Parlament zu Sicherheitskonzepten für die Inselgruppe, dem einzigen Territorium der NATO, auf welchem sich russische Siedlungen befinden.
Regierungschef Jonas Gahr Störe gefällt diese Diskussion nicht, er nennt eine Annexion Grönlands durch die USA „hypothetisch“. Spitzbergen sei ein „untrennbarer Teil von Norwegen. Und das wird auch so bleiben,“ so seine Replik. Doch Experten sind hier anderer Ansicht; die meisten Stimmen, die derzeit zu dem Archipel zu hören sind, glauben, dass Russland den Druck erhöhen könnte, mehr Rechte dort einzufordern.
„Spitzbergen ist in vielerlei Hinsicht strategisch deutlich interessanter als Grönland“, so Andreas Østhagen, Forschungsleiter für Ozean und Arktis am Fridtjof-Nansen-Institut – interessanter für Russland, das zunehmend deutlichere Präsenz in der Arktis zeigt. Verteidigungsexperten wie Bjørn Olav Knutsen von der Universität Bodö glauben, dass durch Trumps aggressive Politik internationale Abkommen immer weniger gelten, Knutsen spricht von einem „Domino-Effekt“, der andere Vereinbarungen betreffen könnte.
Eigentlich ist das Gebiet entmilitarisierte Zone
Und für das Archipel gelten besondere Regeln. Nach dem „Spitzbergen-Vertrag“, welcher von 1925 an besteht, darf dort frei gewirtschaftet werden. Seit den Dreißiger Jahren ist Russland mit zwei Siedlungen vor Ort, Barentsburg und Pyramiden, wo vornehmlich Kohle abgebaut wurde. In den letzten Jahren zeigt das Land dort vermehrt Aktivitäten – die Orte sollen zu „touristischen Zentren“ ausgebaut werden, eine Kreuzfahrt-Linie wurde im vergangenen Jahr von der nordrussischen Hafenstadt Murmansk eröffnet.
Auch waren die Russen in den letzten Jahren für Provokationen verantwortlich – die Sowjetfahne wurde gehisst, ein orthodoxes Kreuz aufgestellt und eine improvisierte Militärparade abgehalten. An norwegischen Spekulationen über Waffendepots in den Minen von Barentsburg mangelt es auch nicht. Dabei gilt das hocharktische Gebiet als entmilitarisierte Zone; allerdings gibt es eine Klausel der NATO, dass die Mitgliedstaaten greifen dürfen, wenn das Entmilitarisierungsgebot durch einen Aggressor verletzt würde.
Die „Kühle Küste“ (Svalbard), wie das Gebiet auf Norwegisch heißt, ist auch von seinen Bodenschätzen her interessant. Forscher der Technischen Universität Trondheim NTNU berichteten von großen Vorkommen von Gold, Silber, Kupfer und Zink auf dem 2.500 Meter tiefen Meeresboden. Der ehemalige Erdölminister Norwegens, Ola Borten Moe, glaubt darum, dass es eine Illusion sei, „dass Souveränität duch symbolische Politik und Zurückhaltung gesichert wird, anstatt durch tatsächliche Nutzung, Investitionen und Macht“ und fordert mehr Präsenz seines Landes auf der Insel.
Dabei sitzt Norwegen derzeit zwischen den Stühlen: Die über lange Zeit gute Beziehung zu Russland hat sich seit der Invasion in die Ukraine verschlechtert. Aber auch das Verhältnis zu den USA ist derzeit getrübt, Störe kritisierte Trumps Drohungen gegen Dänemark und nannte den Angriff gegen Venezuela einen „Verstoß gegen das Völkerrecht“. Auf der anderen Seite schalt der US-Präsident die norwegische Regierung „töricht“, da er im vergangenen Dezember den Friedensnobelpreis nicht erhalten hatte. Dabei ist hierfür ein fünfköpfiges Komitee zuständig, welche kürzlich Trumps Idee zurückwies, den Preis von der ausgezeichneten venezuelischen Oppositionsführerin María Corina Machado zu übernehmen.