Julian Dörr

Warum das US-Kino die direkte Konfrontation mit 9/11 bis heute scheut

Direkte Filme über den 11. September floppten fast ausnahmslos – doch in Blockbustern wie „The Dark Knight“ verarbeitete Hollywood das nationale Trauma präziser als jede Dokumentation.

Feuerwehrmänner in den Trümmern des World Trade Centers

Feuerwehrmänner in den Trümmern des World Trade Centers ADAM GRAY

Als der erste Pearl-Harbor-Film in den amerikanischen Kinos anlief, war der japanische Überraschungsangriff auf den US-Marinestützpunkt am 7. Dezember 1941 gerade einmal ein halbes Jahr her. Nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 dauerte es immerhin drei, vier Jahre, bis sich die ersten Filme kritisch mit dem verkorksten Militäreinsatz auseinandersetzten („The Deer Hunter“ (1978), „Apocalypse Now“ (1979)). Doch anders als bei anderen traumatischen Ereignissen der US-Geschichte scheut das amerikanische Kino bis heute die Konfrontation mit 9/11.

Es gibt wenige direkte filmische Darstellungen der Tragödie vom 11. September, gelungen ist keine davon. Weder Oliver Stones blasser „World Trade Center“ (2006) noch das Fahrstuhl-B-Movie „9/11“ (2017) mit Charlie Sheen und Whoopi Goldberg. Das heißt jedoch nicht, dass 9/11 keinen Einfluss auf die US-amerikanische Kulturindustrie hatte. Im Gegenteil. Die Anschläge vom 11. September und ihre politischen Folgen waren auch eine kulturelle Zäsur, die das US-Kino in Pre- und Post-9/11 unterteilte.

Kriegsfilme ritten auf einer Welle des Patriotismus – wie „Black Hawk Down“ (2002), der angesichts des Afghanistankrieges die US-Intervention im somalischen Bürgerkrieg 1993 verklärte. In anderen Filmen waren die Wunden so frisch, dass man sie verdecken musste – wie in Sam Raimis erstem „Spider-Man“ (2002), bei dem die Zwillingstürme in der Postproduktion digital aus der Skyline Manhattans entfernt werden mussten. In der finalen Auseinandersetzung zwischen Spider-Man und dem Green Goblin wird dann aber der Zusammenhalt der New Yorker Zivilbevölkerung beschworen, der viele nach dem 11. September so berührte: „You mess with Spidey, you mess with New York!“

Selbst Steven Spielberg, sonst Meister des magischen Eskapismus, schrieb in seinem Science-Fiction-Blockbuster „War of the Worlds“ (2005) die politische Realität so deutlich ein, dass es kein Entkommen vor ihr gab. Die alte H.‑G.-Wells-Geschichte von der Alien-Invasion lädt Spielberg mit Bildern auf, die sehr deutlich an den Zusammenbruch der Zwillingstürme erinnern.

Am eindrucksvollsten aber bleibt in diesem Kontext Christopher Nolans „The Dark Knight“ (2008), der Mittelteil seiner Batman-Trilogie. Eine 9/11-Parabel mit dem Joker als Verkörperung des chaotisch-anarchischen Terrors. Ein Übel, das der vermeintliche Held Batman nur überwinden kann, indem er selbst moralische und juristische Grenzen überschreitet mit illegaler Massenüberwachung. Die Fiktion überflügelt die Realität. Der NSA-Skandal wird erst fünf Jahre später aufgedeckt. Treffender als Nolan hat keiner die USA nach 9/11 porträtiert.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Kanton Graubünden

Reisebus umgestürzt: Tödliches Unglück in der Schweiz