Ungarn
„Unheilvoller Weg der ideologischen Kolonisierung“: Papst kritisiert Brüssel bei Orban-Besuch
Die zentralen Kritikpunkte der Papstrede treffen im Kern die Politik von Regierungschef Viktor Orban. Allerdings vermisst Franziskus auch „die angemessenen Anstrengungen für den Frieden“ aus Brüssel. Der Papst bleibt so ein weiteres Mal zweideutig in Bezug auf die Ukraine.
Der Papst, Ungarns Präsidentin Novak und Premier Viktor Orban Foto: AFP/Vincenzo Pinto
Eine derart offene politische Schelte des Papstes hatte in Budapest wohl niemand erwartet. Zum Auftakt einer dreitägigen Pilgerreise in Ungarn geißelte Franziskus im ehemaligen Karmeliterkloster der Hauptstadt in einer Grundsatzrede über Europa vor Regierungsvertretern und Vertretern der Zivilgesellschaft Nationalismus sowie Pochen auf Partikular-Interessen anstelle der Suche nach Gemeinsamkeiten.
Beide zentralen Kritikpunkte der Papstrede treffen im Kern die Politik von Regierungschef Viktor Orban. Seit zehn Jahren spielt dieser immer wieder mit großungarischen Herrschaftsansprüchen. Orban beklagt die Opferrolle Ungarns in Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg beim Vertrag von Trianon von 1920 zwei Drittel seines bisherigen Staatsgebietes verloren hatte. Da Russland damals nicht an der Zerstückelung Ungarns teilnahm, hält es Orban deshalb umso enger mit Wladimir Putin.
Der starke Mann Ungarns hat sein Land gerade wieder mit neuen Verträgen in die Energieabhängigkeit von Russland getrieben. Auch blockiert er viele EU- und NATO-Hilfsmaßnahmen zugunsten der Ukraine. Ungarn verbietet den Waffentransport in die Ukraine. Die russische Invasion in die Ukraine, ein östliches Nachbarland auch Ungarns, hat Budapest zwar halbherzig kritisiert, doch umwirbt seine Regierung immer wieder Putin, besucht diesen gar in Moskau und stellt sich danach als großer Vermittler und Friedensfürst dar, wobei Budapest die russischen Interessen immer wichtiger scheinen als die ukrainischen.
Papst kritisiert Gendern und Abtreibung
„Ungarn und der Vatikan sind die einzigen Staaten in Europa, die Frieden fordern“, behauptete Ungarns Vertreter im Vatikan, Botschafter Eduard Habsburg, am Vortag des dreitägigen Papstbesuches. In Budapest schien Franziskus dies zu bestätigen, als er in einer längeren Redepassage ausführte, wenn er „an die leidgeprüfte Ukraine denke“, frage er sich, „wo die angemessenen Anstrengungen für den Frieden“ blieben. Die Formulierung „leidgeprüfte Ukraine“ hatte Franziskus jedoch schon am Vortag im Vatikan bei einer Audienz mit dem ukrainischen Regierungschef Denys Schmyhal gebraucht. Dort klang dies als klare Kritik der russischen Invasion, deren Opfer die Ukraine ist.
Gleichzeitig fand Franziskus in Budapest indes auch lobende Worte für Orbans konservative Gesellschaftspolitik. Europa brauche den Beitrag aller, ohne dass dabei „die Einzigartigkeit der Staaten“ außer Acht gelassen würde. Ein Europa einer „abstrakten Überstaatlichkeit“ wäre der „unheilvolle Weg der ideologischen Kolonisierung, die Unterschiede auslöscht“. Dies sei etwa der Fall bei der sogenannten Gender-Kultur oder der Darstellung eines „sinnwidrigen ‚Rechts auf Abtreibung' als Errungenschaft“, mahnte Franziskus.
Ungarn zählt rund 60 Prozent Katholiken und 20 Prozent Protestanten. Heute Samstag will Franziskus in Budapest Flüchtlinge besuchen, darunter Syrer und Ukrainer. Ungarn hat rund 35.000 Ukrainer aufgenommen; die Mehrheit von ihnen nutzt das Land jedoch als Transitroute und will wegen der pro-russischen Politik Orbans nicht in Ungarn bleiben.