Deutschland

Warum die Rente nicht sicher ist und was sich ändern muss

SPD-Chefin Bärbel Bas kritisiert Friedrich Merz im Rentenstreit. Die Chefin der Wirtschaftsweisen unterstützt dagegen den Kanzler: Private Vorsorge müsse wichtiger werden. In 15 Jahren verliert Deutschland sieben Millionen Arbeitskräfte.

Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas diskutieren kontrovers über Rentenpolitik in Deutschland

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz (l.) hat die Arbeitsministerin Bärbel Bas mit seinen Aussagen zur Rente gegen sich aufgebracht Foto: Ralf Hirschberger/AFP

Der Rentenstreit verschärft die Spannungen in der schwarz-roten Koalition. Nun goss die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas Öl ins Feuer: Von Friedrich Merz (CDU) sei „der Eindruck vermittelt worden, als sollen die Menschen alles jetzt privat absichern“, sagte die Bundessozialministerin am Mittwoch in der ARD-Sendung „Maischberger“. Diese Botschaft habe sie „nicht in Ordnung“ gefunden, so Bas. Merz hatte am Montag bei einer Veranstaltung des Bankenverbands gesagt, die Rente könne künftig „allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“.

Bas zeigte sich nun verwundert über den Begriff „Basisabsicherung“ und erklärte: „Ich habe die Formulierung nicht verstanden.“ Die geplante Rentenreform, die derzeit in einer Kommission erarbeitet wird, habe ausdrücklich das Ziel, eine „lebensstandardsichernde Rente“ zu garantieren, betonte Bas. Dabei müsse die gesetzliche Rente weiter eine wichtige Rolle spielen – neben der privaten und betrieblichen Altersvorsorge.

Damit stößt die Debatte in der Koalition zu der zentralen Frage vor: Was kann die gesetzliche Rente in einer alterenden Gesellschaft noch leisten?

„Die gesetzliche Rente ist keine reine Basisabsicherung, sondern für viele alte Menschen die einzige Einkommensquelle“, sagte der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum, der Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) berät, und unterstützte an diesem Punkt Bärbel Bas. Allerdings ergänze Südekum: „Der Kanzler hat aber recht, dass für zukünftige Generationen die private Altersvorsorge eine größere Rolle spielen muss. Hierfür wurden ja auch bereits Reformen der alten Riester-Rente umgesetzt, das war überfällig. Aber das stellt die Rolle der ersten Säule – der gesetzlichen Rente – nicht in Frage.“

Rente erst mit 68 – ab dem Jahr 2050

Die Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, unterstützt dagegen den Kanzler: „Die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz lässt sich als Hinweis auf den wachsenden Reformdruck im Rentensystem verstehen“, sagte Schnitzer dem Tageblatt. „Mit dem Renteneintritt der Babyboomer steigen die Ausgaben deutlich, während die Anzahl der Erwerbstätigen sinken wird.“ Die Münchener Ökonomin nennt Zahlen: „In den nächsten 15 Jahren werden dem Arbeitsmarkt rund sieben Millionen Arbeitskräfte allein aus Altersgründen verloren gehen.“ Hinzu kommt die längere Lebensdauer: In den 1960er Jahren erhielten die Menschen im Schnitt zehn Jahre lang Rente, heute sind es 20 Jahre.

„Um das umlagefinanzierte System stabil zu halten, wird es ohne Belastungen für verschiedene Gruppen nicht gehen“, betonte Schnitzer und nannte ein Bündel an Maßnahmen. „Ein zentraler Ansatz ist, die Lebensarbeitszeit moderat zu verlängern, etwa durch eine transparente Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung.“ Der Sachverständigenrat schlägt seit Langem vor, dass zusätzliche Lebenszeit zu zwei Drittel in Arbeit und zu einem Drittel in den Ruhestand gehen soll. Mit Blick auf die Bevölkerungsvorausberechnung heißt das: „Alle zehn Jahre müsste die Regelaltersgrenze um sechs Monate steigen. Ab 2050 gäbe es dann die Rente mit 68 Jahren, ab 2070 mit 69 Jahren“, wie der Wirtschaftsweise Martin Werding schon 2025 vorgerechnet hat.

Jens Südekum sieht das etwas anders: „Ein zentrales Ziel der Rentenreform muss darin bestehen, die faktische Lebensarbeitszeit zu verlängern. Das ist aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und des demografischen Wandels unerlässlich. Aber diese faktische Verlängerung muss fair ausgestaltet sein und sollte sich an der Zahl der geleisteten Beitragsjahre orientieren, nicht allein am Lebensalter.“ Das ist auch Bas’ Idee.

Sieben Prozent pro Jahr weniger für Frührentner

Auch der Vorruhestand kann nicht so bleiben. „Gleichzeitig sollten Frühverrentungsanreize reduziert und für Beschäftigte in körperlich besonders belastenden Berufen bessere Übergänge in weniger belastende Tätigkeiten geschaffen werden. Für freiwillig frühere Renteneintritte sind hingegen versicherungsmathematisch korrekte Abschläge konsequent“, sagte Schnitzer. Für jedes Jahr, das Menschen früher gehen, werden aktuell 3,6 Prozent abgezogen. „Versicherungsmathematisch korrekt wären Abschläge zwischen fünf und sieben Prozent“, hat Werding berechnet.

Zugleich müsse auch die private Altersvorsorge deutlich gestärkt werden, so Schnitzer. „Hier ist in den vergangenen Jahrzehnten durch ineffiziente Instrumente wie die Riester-Rente viel Zeit und Rendite verloren gegangen. Der Sachverständigenrat empfiehlt dafür einfache, kostengünstige und kapitalmarktorientierte Standardlösungen“, erklärte die Ökonomin. „Insgesamt muss private Vorsorge künftig einen deutlich größeren Stellenwert bekommen, um die gesetzliche Rente wirksam zu ergänzen.“ Das war der Punkt, den der Kanzler setzen wollte.

Am 30. Juni will die von der Regierung eingesetzte Rentenkommission ihre Empfehlungen vorlegen. Dann muss die Koalition den Mut finden, diese auch umzusetzen. Wer wie Bärbel Bas die Augen vor der Realität der alternden Gesellschaft verschließt, wird die Rente nicht sicher machen, sondern unbezahlbar.

So viel Rente gibt es

Aktuell gibt es in Deutschland im Bundesschnitt 1.892 Euro Rente im Monat für Männer und 1.459 Euro für Frauen.

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