Russische Invasion
Ukraine-Krieg dauert nun so lange wie der Erste Weltkrieg
Seit mehr als vier Jahren wehrt sich die Ukraine gegen die russische Invasion. Immer stärker tragen ihre Kampfdrohnen den Krieg zum Angreifer zurück. Im Visier: die russische Ölindustrie.
Feuerwehrleute löschen ein Feuer, nachdem ein ukrainischer Drohnenangriff das Gebäude des Panoramas „Verteidigung von Sewastopol 1854-1855“ getroffen haben soll Foto: Sevastopol mayor Mikhail Razvozhaev telegram channel/AP/dpa
In ihrem Abwehrkampf gegen Russland hat die ukrainische Armee Ziele Hunderte Kilometer tief im Hinterland des Gegners mit Drohnen und Raketen angegriffen. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, über Nacht seien 326 feindliche Drohnen abgefangen worden. Diese Zahl ist nicht unabhängig überprüfbar, spricht aber für einen großangelegten ukrainischen Angriff.
Der ukrainische Generalstab in Kiew zählte am Mittwoch den 1.568. Tag des Krieges. Damit dauert die von Kremlchef Wladimir Putin 2022 befohlene Großinvasion in das Nachbarland nun so lange wie der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 (ebenfalls 1.568 Tage); und ein Ende ist nicht abzusehen.
Russland will die Ukraine militärisch und politisch zurück in seinen Machtbereich zwingen. Es hält einschließlich der schon 2014 annektierten Halbinsel Krim knapp ein Fünftel der Ukraine besetzt. Doch in den vergangenen Wochen setzt die ukrainische Armee Moskau gerade mithilfe ihres Drohnen-Arsenals immer stärker unter Druck.
Drohnentreffer lösen Brand in Raffinerie aus
Die nächtlichen ukrainischen Drohnenangriffe trafen unter anderem die Raffinerie von Samara an der Wolga und lösten einen Brand aus, wie Telegramkanäle berichteten. Der Gouverneur der Region, Wjatscheslaw Fedorischtschew, schrieb auf Telegram von drei Verletzten und Schäden an mehreren Industrieobjekten.
Im Gebiet Wladimir östlich von Moskau wurden nach Behördenangaben zwei Anlagen der Ölindustrie beschädigt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte auf dem Portal X Angriffe auf diese Ziele.
In Tscheboksary an der Wolga, 1.300 Kilometer von Kiew entfernt, sprachen die russischen Behörden von drei Verletzten nach einem Raketenangriff. Dort wurde nach Angaben Selenskyjs ein Rüstungsunternehmen beschossen, das Teile für russische Drohnen und Raketen produziert. Zum Einsatz kamen ukrainische Marschflugkörper des Typs FP-5 Flamingo. „Wir wenden weiter Langstreckensanktionen gegen russische Militärobjekte und die Ölindustrie an“, schrieb der ukrainische Präsident.
Es ist der dritte ukrainische Angriff auf die Fabrik. Zuletzt wurde das Rüstungswerk Anfang Mai attackiert. Auch damals setzte die Ukraine Raketen ein.
Die Furcht vor den ukrainischen Drohnen hat inzwischen Sibirien erreicht. In den Regionen Tjumen und Omsk lösten die Behörden Drohnenalarm aus. Omsk, das 2.800 Kilometer von Kiew entfernt liegt, ist Standort der größten russischen Ölraffinerie und mehrerer Rüstungsbetriebe. Es wurde aber nichts über einen tatsächlichen Angriff bekannt.
Geschichtsmuseum in Sewastopol getroffen
In Sewastopol auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim schlug eine Drohne in ein Geschichtsmuseum ein, das Panorama der Belagerung der Stadt im Krimkrieg im 19. Jahrhundert. Der Chef der Besatzungsverwaltung, Michail Raswoschajew, sprach von einem gezielten Angriff auf eine Kultureinrichtung.
Dies wäre indes untypisch für die bisherigen Angriffsmuster der ukrainischen Armee. Umgekehrt hat Russland in mehr als vier Jahren Angriffskrieg viele Museen, Theater, Bibliotheken, Schulen und Kirchen in der Ukraine bei Luftangriffen beschädigt.
Die russischen Drohnenangriffe in der Nacht trafen am schwersten die grenznahe ukrainische Großstadt Charkiw. Die Regionalverwaltung berichtete von 26 Einschlägen binnen kurzer Zeit. Es habe acht Verletzte gegeben. Auch die Stadt Saporischschja wurde getroffen, es gab Gebäudeschäden. Die ukrainische Luftwaffe zählte über Nacht 207 russische Drohnen, von denen 181 abgefangen worden seien.
Ukraine greift mit selbst entwickelter Rakete an
Die Ukraine hat nach eigenen Angaben eine tief in Russland gelegene Rüstungsfabrik mit einer selbst entwickelten Rakete angegriffen. „In der vergangenen Nacht haben ukrainische FP-5-Flamingos eine Militärfabrik in Tscheboksari getroffen, die die Armee der Besatzer mit Komponenten für Drohnen und Raketen versorgt“, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch. Er veröffentlichte dazu ein Video, das eine Rakete im Anflug auf ihr Ziel zeigen soll, sowie Rauchwolken über einer russischen Einrichtung.
Tscheboksari liegt gut 600 Kilometer östlich von Moskau und damit etwa tausend Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Die von der Ukraine selbst entwickelte Rakete vom Typ Flamingo hat eine Reichweite von bis zu 3.000 Kilometern. Sie wurde im vergangenen Jahr erstmals getestet. Die Ukraine setzt ihre selbst entwickelten Raketen mit großer Reichweite aber nur selten ein.
Der Gouverneur der russischen Region Tschuwaschia bestätigte den Angriff auf Tscheboksari. „Früh am Morgen wurde Tscheboksari mit Raketen beschossen“, schrieb Oleg Nikolajew im Onlinedienst Telegram. „Wir arbeiten daran, die Zahl der Opfer und den Schaden an der Infrastruktur zu erfassen.“
Dem ukrainischen Generalstab zufolge griff die Ukraine zudem eine Ölraffinerie in der Region Samara sowie einen russischen Tanker im Schwarzen Meer an. (AFP)