Naher Osten

Amnesty spricht von „ethnischer Säuberung“ im Westjordanland – Israel weist Vorwurf zurück

Als Konsequenz fordert Amnesty die EU zu einer Sanktionierung Israels auf. Israel wies den Bericht als „gegenstandslose Vorwürfe“ zurück.

Rauch steigt über von israelischen Siedlern in Brand gesetztem Gebiet im Nahostkonflikt auf

Rauch steigt aus einem Gebiet auf, das Berichten zufolge von israelischen Siedlern in Brand gesetzt wurde Foto: AFP/Hazem Bader

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat das israelische Vorgehen im besetzten Westjordanland als eine „Kampagne ethnischer Säuberung“ gebrandmarkt. Das dortige „brutale“ Vorgehen mittels Zwangsvertreibungen, Landraub und Gewalt gegen palästinensische Beduinen- und Hirtengemeinschaften sei staatlich gelenkt, heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation.

Die Kampagne gegen die Palästinenser werde nicht von einzelnen radikalen Siedlern angeführt, heißt es in dem Bericht. „Die ethnische Säuberung im Westjordanland ist staatlich sanktioniert, wird staatlich umgesetzt, staatlich durchgesetzt“, sagte Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard bei einer Pressekonferenz in Berlin. „Es ist ein staatliches Projekt.“

Die Staaten der Europäischen Union aber könnten eine zentrale Rolle dabei einnehmen, „Israels Politik der ethnischen Säuberung und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu beenden. Als eine konkrete Maßnahme nannte Callamard eine Aussetzung des Assoziierungsabkommens der EU mit Israel.

Das israelische Außenministerium wies die Anschuldigungen der Menschenrechtsorganisation in einer Erklärung gegenüber der Nachrichtenagentur AFP zurück. „Amnesty International ist schon seit langem eine realitätsferne politische Randorganisation geworden, deren anti-israelische Agenda jegliche Verpflichtung gegenüber Fakten, Objektivität oder der ernsthaften Verteidigung von Menschenrechten ausgeblendet hat“, schrieb das Ministerium.

In dem Amnesty-Bericht heißt es, mit einer „brutalen, staatlichen Kampagne ethnischer Säuberung“ wolle die israelische Regierung „ihre Pläne zur formellen Annexion des Westjordanlands“ sowie die Expansion israelischer Siedlungen in dem Palästinensergebiet beschleunigen.

Hirten vertrieben

Der Report mit dem Titel „Alles Palästinensische auslöschen“ konzentriert sich auf ländliche Gemeinschaften im Westjordanland, die besonders unter Gewalttaten israelischer Siedler und Zwangsvertreibung zu leiden haben. Laut Amnesty wurden im Zeitraum von Dezember 2022 bis Dezember 2025 insgesamt 27 Beduinen- und Hirtengemeinschaften mit jeweils hunderten Menschen vertrieben oder waren Gewalt ausgesetzt.

Die Menschenrechtsorganisation wirft der rechtsgerichteten Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, sich der religiös-nationalistischen Agenda der Siedlerbewegung angepasst zu haben. Die Ziele der Siedlerbewegung seien in die staatliche Politik integriert worden, indem diese Politik den Landraub beschleunige, den rechtswidrigen Ausbau von Siedlungen vorantreibe und die finanzielle und logistische Unterstützung für illegale Siedlungen und Außenposten verstärke.

Im seit 1967 von Israel besetzten Westjordanland leben neben rund drei Millionen Palästinensern auch mehr als 500.000 Israelis in Siedlungen und Außenposten, die nach internationalem Recht illegal sind.

Amnesty-Generalsekretärin Callamard warf der internationalen Gemeinschaft vor, Israels „wiederholte und massive Verstöße gegen das Völkerrecht“ befördert zu haben, indem sie tatenlos zugesehen hätten. Von der EU verhängte Sanktionen gegen gewalttätige israelische Siedler begrüßte Callamard zwar, nannte sie aber unzureichend.

Das seit dem Jahr 2000 bestehende EU-Israel-Assoziierungsabkommen begünstigt den Handel zwischen Israel und der EU. Mehrere EU-Mitgliedstaaten hatten im vergangenen Jahr eine Initiative dafür gestartet, das Abkommen wegen des israelischen Vorgehens im Gazastreifen zu suspendieren. Dies kann von den 27 EU-Mitgliedstaaten jedoch nur einstimmig beschlossen werden.

Bei einem EU-Außenministertreffen im April wurde bei dem Thema keine Einigkeit erreicht. Deutschland wie auch Italien wandten sich gegen eine Aussetzung des Abkommens. Bei dem kommenden EU-Außenministertreffen am 15. Juni könnte das Thema wieder auf die Tagesordnung kommen.

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