Analyse von außen

Trumps Imperialismus ohne Ausreden

Kommentatoren haben die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro weitgehend als einen von den USA orchestrierten Versuch eines „Regimewechsels“ oder als Bemühung dargestellt, die bestehende politische Ordnung des Landes ohne Maduro zu erhalten. Diese Interpretationen übersehen jedoch eine weitreichendere Entwicklung: das Entstehen einer neuen, diskreteren Form des Imperialismus.

Donald Trump spricht über Zugang zu Öl und Ressourcen für den Wiederaufbau eines Landes

Donald Trump: „Wir brauchen Zugang zu dem Öl und zu anderen Dingen in ihrem Land, die es uns ermöglichen, ihr Land wieder aufzubauen“ Foto: Alex Brandon/AP/dpa

Anstatt einen amerikanischen Kolonialgouverneur im Miraflores-Palast zu installieren, funktioniert dieses System mit subtileren Mitteln, die in gewisser Weise zynischer und effektiver sind. Venezuela hat nach wie vor Ministerien, Sicherheitsdienste, Gerichte und zeremonielle Symbole wie die Präsidentenschärpe. Doch seine wirtschaftliche Lebensader – die Möglichkeit, Öl zu verkaufen und über die Erlöse zu verfügen – wurde unter die Kontrolle der Vereinigten Staaten gestellt. Wie Präsident Donald Trump gegenüber Reportern erklärte: „Wir brauchen uneingeschränkten Zugang. Wir brauchen Zugang zu dem Öl und zu anderen Dingen in ihrem Land, die es uns ermöglichen, ihr Land wieder aufzubauen.“

Im Gegensatz zu traditionellen Sanktionen, die durch externe Strafen Einfluss nehmen wollen, funktioniert diese Regelung wie eine informelle Zwangsverwaltung. Die US-Regierung vermarktet venezolanisches Öl, zahlt die Einnahmen auf von ihr kontrollierte Konten ein und nutzt den Zugang zu diesen Geldern, um lokale Behörden zu disziplinieren.

Koloniale Parallelen

Der nächstgelegene historische Präzedenzfall ist nicht der Wiederaufbau Europas und Japans nach dem Krieg, sondern die indirekte Herrschaft während der Kolonialzeit. Unter einem solchen System bleibt eine lokale Regierung bestehen, um das tägliche Leben zu verwalten, die Ordnung aufrechtzuerhalten und Dissens zu kontrollieren, während die imperiale Macht die Kernattribute der Souveränität behält, darunter Handel, Außenpolitik und Kontrolle über die wichtigsten Einnahmequellen des Staates.

Entgegen den Erwartungen vieler außenstehender Beobachter begrüßte die überwiegende Mehrheit der Venezolaner laut einer aktuellen Umfrage das offensichtliche Ende ihrer Souveränität. Diese Reaktion ist weniger eine Befürwortung des amerikanischen Imperialismus als vielmehr eine vernichtende Anklage gegen den Chavismus. Jahrelang glaubten viele Venezolaner, dass die Souveränität bereits verloren gegangen sei und durch die Abhängigkeit von ausländischen Geheimdiensten und undurchsichtigen finanziellen Verflechtungen effektiv an Mächte wie Russland und Kuba ausgelagert worden sei.

Der Überfall vom 3. Januar zur Festnahme von Maduro und seiner Frau hat diese Wahrnehmung nur noch verstärkt. Kuba berichtete später, dass 32 Mitglieder seiner Streitkräfte und Geheimdienste während der US-Operation getötet worden seien, ein eindrucksvoller Hinweis darauf, wie tief kubanisches Personal in den Sicherheitsapparat Venezuelas eingebettet war.

Vom Vasallenstaat zum Protektorat

Die Venezolaner müssen sich daher einer bitteren Ironie stellen. Ihr Land, das lange Zeit als Vasallenstaat galt, wird nun durch die Kontrolle seiner Ölexporte und -einnahmen und nicht durch eine formelle Annexion oder eine Bodeninvasion zu einem amerikanischen Protektorat umgestaltet.

Hier werden Narrative, die oft als bloße Rhetorik abgetan werden, strategisch unerlässlich. Imperien haben sich schon immer auf Geschichten gestützt, um nicht nur Zwang gegenüber dem heimischen und internationalen Publikum zu legitimieren, sondern auch Erwartungen so zu formen, dass Macht vorhersehbar und durchsetzbar wird.

Die europäischen Imperien des 19. Jahrhunderts verstanden dies sehr gut und verhüllten ihre imperiale Herrschaft oft in erhebenden Erzählungen von moralischer Pflicht und zivilisatorischem Fortschritt. Frankreich sprach von seiner „zivilisatorischen Mission“ („mission civilisatrice“), während die britische imperiale Ideologie ihren berüchtigtsten Ausdruck in Rudyard Kiplings Aufforderung fand, „die Last des weißen Mannes zu tragen“. Im Jahr 1884 formulierte der französische Staatsmann Jules Ferry die imperialistische Logik mit auffallender Direktheit, indem er schrieb, dass „die überlegenen Rassen ein Recht haben, weil sie eine Pflicht haben“, „die minderwertigen Rassen zu zivilisieren“.

„Eine Nation der Ideale“

Im Gegensatz dazu vertrat das Nachkriegsamerika eine andere Sichtweise. Präsident Harry Truman betonte die Unterstützung für „freie Völker“, die sich gegen „Versuche der Unterwerfung“ wehrten, während John F. Kennedy versprach, „jeden Preis zu zahlen“ und „jede Last zu tragen“, um „das Überleben und den Erfolg der Freiheit zu sichern“, und damit die Macht der USA ausdrücklich mit einem gemeinsamen Ziel und nicht mit imperialistischer Ausbeutung verband.

Dieses Selbstverständnis wurde später in Stein gemeißelt im World War II Memorial in Washington, das verkündet, dass „die Amerikaner kamen, um zu befreien, nicht um zu erobern, um die Freiheit wiederherzustellen und die Tyrannei zu beenden“. In einer Abschiedsrede kurz vor seinem Tod griff Senator John McCain auf dieselbe Tradition zurück und beschrieb Amerika als „eine Nation der Ideale, nicht des Blutes und des Bodens“, die am stärksten war, als sie „mehr Menschen als je zuvor in der Geschichte von Tyrannei und Armut befreite“.

Diese Erzählungen waren keineswegs bloße rhetorische Schnörkel, sondern trugen dazu bei, die amerikanische Außenpolitik der Nachkriegszeit zu prägen, das Engagement der USA glaubwürdiger zu machen und Allianzen zu stärken, die auf gemeinsamen Werten beruhten.

„Wir werden Öl nutzen, und wir werden Öl nehmen.“

US-Präsident Donald Trump

Entscheidend war auch, dass sie den Reputationsverlust durch Raubzüge erhöhten.

Trumps neue Erzählung bricht scharf mit dieser Tradition. Während frühere Formen des Imperialismus auf moralische Rechtfertigungen setzten, verzichtet er auf solche Alibis und reduziert die Ausübung von Macht auf einen Eintrag in einer Bilanz. Trump selbst hat diesen Wandel kürzlich in einem Interview mit der New York Times deutlich gemacht, indem er das Völkerrecht völlig außer Acht ließ. Auf die Frage, was seine Handlungen einschränke, antwortete er: „Meine eigene Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“ Er sprach auch davon, Venezuela „auf sehr profitable Weise“ wieder aufzubauen, und fügte hinzu: „Wir werden Öl nutzen, und wir werden Öl nehmen.“

Die Auswirkungen auf Venezuela und die internationale Ordnung sind tiefgreifend. Regelbasierte Narrative binden Macht an Institutionen und schaffen und erhalten Vertrauen. Personalistische Narrative hingegen binden Macht an Temperament, was sie unvorhersehbar und letztlich unzuverlässig macht.

Wenn die USA wollen, dass die Venezolaner – und die Welt – ihre Intervention als vorübergehend und legitim betrachten, müssen sie klare strukturelle Beschränkungen auferlegen: einen glaubwürdigen, zeitlich begrenzten Weg zu Wahlen; eine transparente, unabhängig geprüfte Verwaltung der Öleinnahmen; und ein festes Bekenntnis zu den Menschenrechten, einschließlich der Freilassung politischer Gefangener. Vor allem müssen die USA erkennen, dass ihre Macht nicht selbstgerechtfertigt ist.

Ohne diese Auflagen wird Venezuela nicht von einer Diktatur zu einer Demokratie übergehen. Stattdessen wird es lediglich eine Form der Bevormundung gegen eine andere eintauschen.

* Ricardo Hausmann, ehemaliger Planungsminister Venezuelas und ehemaliger Chefökonom der Interamerikanischen Entwicklungsbank, ist Professor an der Harvard Kennedy School und Direktor des Harvard Growth Lab.

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