Ukraine
Die Hälfte von Kiew nach Attacken während „Friedensgesprächen“ erneut ohne Heizung
Mit rund 800 Drohnen und Marschflugkörpern haben die Russen an den beiden Tagen der „Friedensverhandlungen“ in Abu Dhabi allein Kiew angegriffen. In der Nacht zum Sonntag waren es 396 Luftangriffswaffen, vor allem Shahed-Drohnen mit iranischer Technologie.
Menschen suchen während eines russischen Luftangriffs Schutz in einer U-Bahn-Station Foto: AFP/Serhii Okunev
Erstmals startete Russland zudem einen massiven Angriff mit von Bombern noch auf russischem Gebiet abgefeuerten X-22- und X-32-Raketen auf Kiew. Diese Raketen sind laut Experten nur mit amerikanischen Patriot-Raketen abschießbar. Bisher haben über 99 Prozent dieser modernen Raketen ihre Ziele in der Ukraine erreicht.
Getroffen wurden in Kiew erneut Wärmekraftwerke und Strom-Umspannstationen. Auch Cherson, Charkiw und Siedlungen im Donbas wurden angegriffen. Dabei gab es weitere Tote. Laut dem Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko waren infolge des Angriffs auf die zivile Infrastruktur am Sonntag erneut rund die Hälfte der schätzungsweise noch rund drei Millionen in Kiew ausharrenden Einwohner ohne Heizung. Die bis zu 6.000 großen Wohnblocks ohne Heizung bei etwa minus zwölf Grad befinden sich vor allem auf der östlichen Seite des Stadtflusses Dnipro, dort wo sich vor allem der ukrainische Mittelstand Wohneigentum erworben hat.
Hunderttausende mussten auch auf den Strom verzichten. Soweit bei Redaktionsschluss bekannt, wurde bei dem Angriff eine Arbeiterin von Ex-Präsident Petro Poroschenkos Roshen-Fabrik getötet. Am Nachmittag wurde noch der Tod eines Rettungshelfers in der Nacht zum Samstag gemeldet. Klitschko hatte die Bevölkerung schon nach dem Dreikönigstag aufgefordert, die Hauptstadt zeitweise zu verlassen. Diesem Aufruf kamen rund 600.000 Kiewer nach.
600.000 Kiewer haben die Stadt verlassen
„Putin versucht den Kälte-Genozid“, kommentierte eine junge Ukrainerin. Die Zahl der Toten würde unweigerlich zunehmen, meinte die junge Frau. Vor allem ältere und gehbehinderte Mitbürger seien dieser Kälte oft schutzlos ausgeliefert. Sie stellte den bereits vierten massiven Angriff auf Kiew in 16 Tagen in Zusammenhang mit dem von Stalin in den 1930er-Jahren künstlich herbeigeführten Holodomor, der Hungerkatastrophe, die Millionen Ukrainern das Leben kostete.
Laut einer weiteren Informantin haben manche Kiewer ohne Verwandte auf dem Lande oder in der als sicherer geltenden Westukraine, begonnen, verlassene Häuser in den Dörfern zu besetzen. „Dort kann man immerhin ein Feuer direkt in der Wohnung machen, im Wohnblock ist das viel zu gefährlich“.
Putin versucht den Kälte-Genozid
Eine junge Ukrainerin
Doch nach vier Kriegsjahren sind auch die Zivilisten in der Ukraine hart im Nehmen geworden. Da in den meisten Stadtteilen die Gasversorgung noch funktioniert, versammelt sich die ganze Familie in einem möglichst kleinen Raum und heizt mit dem Gaskocher. Findige Kiewer erwärmen so ein kurzes Gleisstück aus Stahl, welches einen Wärmespeicher hergibt. Andere wiederum haben große Wasserbottiche auf ihren Gasherd gestellt. Auch so kann etwas Wärme gespeichert werden. Wer weder große Töpfe noch Bahngeleise-Stücke hat, erwärmt Ziegel aus den Trümmern.
Bekannt geworden sind auch die geheizten, so genannten „Zelte der Unverbrüchlichkeit“ zwischen den Wohnblocks, in denen sich die Kiewer erwärmen und ihre Mobilgeräte und Powerbanks aufladen können. Videoaufnahmen aus Kiew zeigen gar klirrend kalte Discos vor diesen Zelten.
US-Unterhändler sehr optimistisch
„Putin hat zynisch eine brutale, massive Attacke auf die Ukraine befohlen, just als sich die beiden Delegationen unter Vermittlung der USA in Abu Dhabi getroffen haben, um den Friedensprozess anzuschieben“, klagte der ukrainische Außenminister Andrei Sybiha in den sozialen Netzwerken. „Seine Bomben haben nicht nur unser Volk getroffen, sondern auch den Verhandlungstisch“, so Sybiha.
Dennoch äußerten sich die amerikanischen Unterhändler sehr positiv über die erstmals seit längerer Zeit im Dreierformat Russland-Ukraine-USA abgehaltenen Verhandlungen. Er glaube gar, bald komme es zu einem Treffen zwischen Putin und Selenskyj in Moskau oder auch Kiew, sagte ein anonymer US-Verhandler auf „Axios“. Es hätte ein gemeinsames Arbeitsessen gegeben und Russen und Ukrainer seien sich „wie Freunde gegenüber gesessen“, behauptete der Amerikaner.
Den meisten Beobachtern in der Ukraine ist jedoch klar, dass Putin mit seinen Angriffen auf die Energie-Infrastruktur den Widerstandswillen der ukrainischen Gesellschaft brechen will.
Eine klare Mehrheit legt weiterhin die von Russland geforderten Gebietsabtretungen sehr deutlich ab. Nur knapp ein Drittel der Ukrainer wäre unter Umständen auf den Verzicht des Donbas bereit.