Analyse
Moskaus Strategie gegen die Ukraine: Bevölkerung zermürben und Partner bedrohen
Am vergangenen Sonntag traf es einen Zug an der Grenze zu Polen, am Montag feuerte ein russisches Kriegsschiff auf einen dänischen Armeehubschrauber und am Dienstag fingen NATO‑Kampfjets eine Drohne über Litauen ab.
Russland greift unter anderem die Eisenbahn in der Ukraine zunehmend an und terrorisiert damit die Zivilbevölkerung Foto: Sergey Bobok/AFP
Das sind die jüngsten von unzähligen Angriffen, mit denen Moskau versucht, die Bevölkerung in der Ukraine zu zermürben und die Partner Kiews unter Druck zu setzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Russlands neue strahlgetriebenen Drohnen, gegen die die Ukraine wenig ausrichten kann.
Längst geht es dem Kreml nicht mehr nur um militärisch bedeutende Ziele. Wjatscheslaw Tschauss, Militärgouverneur der ukrainischen Verwaltungsregion Tschernihiw, erlebt das täglich: Sie beschießen „Tankstellen, Wasser- und Heizungsanlagen. Wir arbeiten jeden Tag daran, unsere Abwehr zu verbessern, aber das Problem ist, dass wir seit zwei Monaten immer mehr Jet-Drohnen haben, die viel schwieriger abzuschießen sind“, sagt er.
Kallas: Eine „bewusste Terrorstrategie“
Diese Drohnen vom Typ Geran werden nicht von Propellern angetrieben, sondern von einem Strahltriebwerk, und können schneller und höher fliegen. „Die Geran macht einen Teil der von den Ukrainern aufgebauten Abwehrstruktur gegen Drohnen zunichte“, weil sie wirkungslos geworden sei, erläutert Stéphane Audrand, Forscher am Französischen Institut für Internationale Beziehungen (IFRI).
„Das ist eine bewusste Terrorstrategie. Russland will die ukrainischen Städte unbewohnbar machen“, warf EU-Außenkommissarin Kaja Kallas Moskau Ende August nach einem Angriff auf ein Einkaufszentrum vor. Angesichts der starren Frontlinie, an der es kaum noch Geländegewinne gibt, versucht Russland, den Druck auf das Hinterland zu verstärken, um die Moral der ukrainischen Gesellschaft zu untergraben.
Die Jet-Drohnen eröffneten Moskau neue Möglichkeiten, sagt Alexander Gabuev von der US-Denkfabrik Carnegie. Russland habe die industriellen Kapazitäten, Drohnen und ballistische Raketen in großem Umfang zu produzieren. Hinzu kämen noch die Lieferungen seines Verbündeten Nordkorea.
Immer mehr hybride Angriffe
Sollte die Ukraine unbewohnbar werden und die Zivilbevölkerung nach Europa fliehen, hätte dies für den Kreml einen doppelten Vorteil, analysiert Gabuev. Einerseits „würde das die Steuereinnahmen verringern“ und die ukrainische Wirtschaft belasten, andererseits würden weitere Kriegsflüchtlinge „den populistischen Parteien in Europa gewichtige Argumente liefern“.
Europa unterstützt die Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland militärisch und finanziell sowie mit Geheimdienstinformationen. Joint Ventures zwischen Ukrainern und Europäern produzieren zudem militärische Ausrüstung, wie beispielsweise das deutsch-ukrainische Unternehmen Quantum Frontline Industries, das in Bayern Drohnen für Kiew herstellt.
„Das tiefe Hinterland der Ukraine ist Europa“, sagt Sicherheits- und Verteidigungsexperte Audrand. Daher müsse der Kreml nach der Logik des russischen Präsidenten Wladimir Putin „den Europäern die Rechnung dafür präsentieren“, sagt Gabuev. Das sei der Grund für die immer häufiger werdenden hybriden Angriffe, die die Europäer Russland zuschreiben.
Sabotageakte gegen die Rüstungsindustrie
So machte die deutsche Bundesregierung Moskau für den versuchten Anschlag mit einer Sprengdrohne auf den Flughafen Leipzig/Halle Anfang August verantwortlich. Anfang September warnten die dänischen Geheimdienste, dass „die russischen Dienste aktiv Sabotageakte gegen die Rüstungsindustrie in Dänemark vorbereiten“. Auch die dänische Rüstungsindustrie kooperiert mit der Ukraine.
Bleibt die Frage, welches Ziel Russland verfolgt. Geht es darum, sich vor eventuellen Verhandlungen in eine möglichst starke Ausgangslage zu bringen? Das sei zweitrangig, sind sich Gabuev und Audrand einig. Was derzeit geschieht, „bedeutet nicht, dass Russland den Druck bewusst erhöht, um etwas zu erreichen. Es befindet sich konjunkturbedingt in einer besseren Position, da seine Ausrüstung besser funktioniert“, sagt der französische Forscher.
„Die Russen handeln so, weil sie es können“, ist Gabuev überzeugt. Sollte es tatsächlich Gespräche zwischen Moskau, Kiew und Washington geben, könnte der Kreml die Angriffe nutzen, um der US-Regierung die Botschaft zu vermitteln: „Ihr seht, dass die Situation völlig außer Kontrolle gerät. Um dem ein Ende zu setzen, müsst ihr einfach Druck auf die Europäer und auf Kiew ausüben, damit sie unseren Forderungen nachgeben.“