Marco Goetz
Das Weltereignis kam am Kiosk erst mit Stunden Verspätung an
Am Morgen nach 9/11 blieben Italiens Kioske stundenlang leer: Die Redaktionen druckten im Eiltempo Sonderausgaben und veränderten die vertraute Nachrichtenwelt über Nacht.
Zeitungen berichten über den 11. September ADAM GRAY
Ich erinnere mich genau: Cortina d‘Ampezzo (I), Mittwoch, 12. September 2001. Gegen 9 Uhr morgens gab es am Kiosk noch keine Zeitungen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was am Vortag geschehen war. Die Nachricht von den Anschlägen hatte uns noch nicht erreicht: Wir hatten weder Fernseher noch Radio oder Internet.
In einem Land, in dem die meisten Zeitungen nicht im Abonnement, sondern am Kiosk verkauft werden – und das bereits früh am Morgen –, war die Verspätung ungewöhnlich. Es sei etwas passiert, deshalb gebe es Verzögerungen, erklärte der Kioskbetreiber. Dieses Bild ist mir bis heute klar vor Augen geblieben: ein italienischer Zeitungskiosk ohne Tageszeitungen.
Gegen 11 Uhr waren sie dann da. Die Titelseiten ähnelten sich: die brennenden Zwillingstürme, die einschlagenden Flugzeuge, die einstürzenden Hochhäuser. Dazu Sonderseite um Sonderseite. Auch für Italiens Zeitungen gab es an diesem Morgen nur ein Thema: die Anschläge in den USA. Die übliche Nachrichtenordnung war über Nacht bedeutungslos geworden.
Dabei hatte Italien genügend eigene Themen. Die Regierung unter Silvio Berlusconi war erst seit wenigen Monaten im Amt. Das Land bereitete sich auf die Einführung des Euro vor. Zugleich waren die schweren Ausschreitungen beim G8-Gipfel in Genua noch längst nicht aufgearbeitet. Hinzu kamen der Beginn des neuen Schuljahres und die Debatte über die geplante Bildungsreform.
Es war der Alltag eines ganzen Landes, der plötzlich in den Hintergrund trat. Was am 11. September noch wichtig erschienen war, wirkte einen Tag später wie eine Nachricht aus einer anderen Welt.