Nahost-Experte im Gespräch

„Irans Regime fühlt sich in einer Position der strategischen Dominanz“

Nach Ansicht des Nahost- und Sicherheitsexperten Ali Fathollah-Nejad verfügt US-Präsident Donald Trump im Iran-Konflikt zwar über keine guten militärischen Optionen. Aber seine Strategie des wirtschaftlichen Drucks könnte zu „Rissen“ in der Teheraner Machtelite führen. Fathollah-Nejad ist Chef der Berliner Denkfabrik „Center for Middle East and Global Order“ und Autor des Buches „Iran – Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät“.

Eine Skulptur an der Straße von Hormus entlang der iranischen Küste in Bandar Abbas: Die Meerenge ist zum Mittelpunkt des US-iranischen Konflikts geworden

Eine Skulptur an der Straße von Hormus entlang der iranischen Küste in Bandar Abbas: Die Meerenge ist zum Mittelpunkt des US-iranischen Konflikts geworden Foto:: Atta Kenare/AFP

Tageblatt: Herr Fathollah-Nejad, wie wahrscheinlich ist es, dass die Straße von Hormus jemals wieder frei befahrbar wird?

Ali Fathollah-Nejad: Die Wahrscheinlichkeit ist schwierig zu beziffern. Nach Ansicht der Islamischen Republik soll die Straße von Hormus nicht mehr zur Regelung vor Beginn des Krieges zurückkehren. Allerdings hat Teherans Strategie, die Meerenge de facto zu schließen, auch Nachteile und Risiken. Die US-Seeblockade hat zur Folge, dass Irans Ölexporte kollabieren.

Iran verknüpft die Öffnung der Meerenge mit weitreichenden Bedingungen. Muss US-Präsident Donald Trump darauf eingehen, um den Krieg zu beenden?

Die iranischen Forderungen reflektieren das Mitte Juni unterzeichnete Rahmenabkommen mit den Amerikanern, das sehr zu Teherans Gunsten ausfiel. Das Regime fühlt sich in einer Position der strategischen Dominanz. Seiner Einschätzung nach hat Trump sehr viel schlechtere Karten. Die iranischen Maximalforderungen sind in ihrer Gesamtheit für die USA nicht hinnehmbar. Denkbar ist allerdings, dass Washington einzelne Zugeständnisse macht. Etwa bei der Aufhebung der Seeblockade, der Freigabe von eingefrorenen Geldern oder der Lockerung einzelner Sanktionen.

Unterschiedliche Ansichten im Machtapparat

Trump setzt aktuell darauf, dass Irans Wirtschaftskrise das Regime an den Verhandlungstisch zwingt. Hat das den Hauch einer Chance?

Zur militärischen Öffnung der Straße von Hormus wären Bodentruppen in großer Zahl nötig, was zu hohen amerikanischen Verlusten führen könnte. Darüber hinaus hat die iranische Seite genau im Blick, dass es den USA an Munition und Luftabwehrraketen mangelt. Zudem würde Iran amerikanische Luftschläge mit harten Vergeltungsaktionen gegen die arabischen Golfstaaten beantworten. Das ist der Grund, warum Trump nun auf stärkeren ökonomischen Druck gegen das iranische Regime baut. Das wird kurzfristig nicht wirken, kann aber mittel- und langfristig durchaus Teheran unter Druck setzen.

Das Regime fühlt sich in einer Position der strategischen Dominanz. Seiner Einschätzung nach hat Trump sehr viel schlechtere Karten.

Was wäre nötig, damit Trumps Strategie das Regime langfristig zum Kompromiss zwingt?

Wenn die Machtelite in Teheran verstärkt wirtschaftlich und finanziell unter Druck gesetzt wird, könnten Risse entstehen. Das Regime umfasst Oligarchen, die auf ihre Profite schauen. Allerdings herrschen im Machtapparat unterschiedliche Kalkulationen. Es gibt die Kräfte, die die hohen ökonomischen Kosten einer weiteren konfrontativen Politik Irans sehen und kompromissbereiter sind. Dagegen kommen die Ultra-Hardliner mit diesen Kosten klar, weil sie über genügend Finanzmittel verfügen und politisch sowie ideologisch eine Annäherung an die USA fürchten.

Eine Frau läuft in Teheran am Porträt des getöteten ehemaligen iranischen Präsidenten Ali Khamenei vorbei

Eine Frau läuft in Teheran am Porträt des getöteten ehemaligen iranischen Präsidenten Ali Khamenei vorbei Foto: Atta Kenare/AFP

Hat Trump überhaupt noch eine gesichtswahrende Option, den Krieg zu beenden?

Gesichtswahrende Optionen gäbe es für beide Seiten. Es geht um Narrative, die die jeweiligen Unterstützer zufriedenstellen. Auf amerikanischer Seite hieße dies, dass auch ein „krummer Deal“, der Iran bei der Straße von Hormus Vorteile verschaffen würde, als außenpolitischer Erfolg von Trump dargestellt werden könnte. Trump könnte sagen, dass er den Krieg beendet und die Meerenge wieder geöffnet habe. Die Iraner könnten betonen, dass ihre Strategie des Widerstandes gegen Amerika und Israel Früchte getragen habe.

Das Regime hat nur Hardliner

Hieße ein „krummer Deal“ auch: Trump müsste akzeptieren, dass die Iraner Gebühren für die Passage durch die Straße von Hormus verlangen?

Gebühren sind nicht das Entscheidende. Noch wichtiger ist für Iran die Forderung, dass alle Schiffe, die durch die Straße von Hormus in den Persischen Golf fahren, von den Islamischen Revolutionsgarden registriert werden. Aus Sicht Teherans wird man sehr genau darauf schauen, dass keine US-Militärgüter an die amerikanischen Basen am Golf transportiert werden. Dies wäre eine Anerkennung iranischer Souveränität über die Straße von Hormus. Washington könnte das nicht akzeptieren. Es hätte auch Risiken für die arabischen Golfstaaten und die Weltwirtschaft. Denn bei dieser Regelung könnte Iran die Straße von Hormus immer wieder strangulieren und als Waffe benutzen.

Gebühren sind nicht das Entscheidende. Noch wichtiger ist für Iran die Forderung, dass alle Schiffe, die durch die Straße von Hormus in den Persischen Golf fahren, von den Islamischen Revolutionsgarden registriert werden.

Wurden die Hardliner im iranischen Regime durch Trumps Krieg gestärkt?

Im iranischen Regime gibt es nur Hardliner. Unter ihnen findet ein Kampf um die Neuverteilung der Macht in Teheran statt. Grob gesprochen stehen sich zwei Flügel gegenüber. Die pragmatischen Hardliner um Parlamentspräsident Mohammad-Bagher Ghalibaf sind an einer diplomatischen Einigung mit den USA interessiert. Die Ultra-Hardliner rund um den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Said Dschalili setzen hingegen weiter auf Konfrontation und Krieg.

Die mit Iran verbündeten Huthis in Jemen attackieren saudische Tanker im Roten Meer sowie Ölanlagen. Eskaliert der Konflikt?

Die jüngsten Angriffe der Huthis auf saudische Ziele sind kein Zufall. Hinter dieser Eskalation steckt auch Irans Botschaft an die arabischen Golfstaaten: Wenn ihr unserem Modell des Managements der Straße von Hormus nicht zustimmt, müsst ihr nicht nur mit härteren Angriffen von unseren Stellvertretern zwischen Irak und Jemen rechnen. Dann könnte es auch zur dauerhaften Blockade der anderen wichtigen Meerenge, dem Bab al-Mandab, an der Südspitze des Roten Meeres kommen.

Nichtmilitärischen Druck ausüben

Wenn die Lage in der Region unruhig bleibt: Müssen wir uns langfristig auf hohe Benzin- und Energiepreise einstellen?

Bei einer längeren Destabilisierung der Region müssen wir mit anhaltend hohen Benzin- und Energiepreisen rechnen. Dieser Konflikt ist über die Straße von Hormus und das Bab al-Mandab hinaus extrem vielschichtig. Er umfasst auch sicherheitspolitische Themen wie die iranischen Atompläne, das Raketenprogramm oder die Unterstützung Teherans für regionale Milizen. Abhilfe könnte eine regionale und internationale Koalition schaffen, die die wichtigsten Industrieländer und regionalen Staaten versammelt. Sie sollte vor allem nichtmilitärischen Druck auf die Politik Teherans ausüben, damit die beiden für die Weltwirtschaft wichtigen Meerengen nicht in den Würgegriff genommen werden.

Die Menschen im Iran leiden extrem unter hoher Inflation, Stromausfällen und Gehaltsstopps. Glauben Sie, dass es erneut Unruhen geben wird?

Teile des iranischen Regimes befürchten, dass neue Proteste aufflammen könnten. Hinzu kommt die Angst, dass in Friedenszeiten die eklatante Wirtschaftskrise den Unmut der Bevölkerung anfacht. Deshalb sind einige Kräfte in der Machtelite daran interessiert, die Konfrontation in der Außenpolitik nicht aufzugeben.

Ali Fathollah-Nejad ist ein deutsch-iranischer Politologe und Autor mit den Schwerpunkten Naher/Mittlerer Osten, westliche Außenpolitik und post-unipolare Weltordnung

Ali Fathollah-Nejad ist ein deutsch-iranischer Politologe und Autor mit den Schwerpunkten Naher/Mittlerer Osten, westliche Außenpolitik und post-unipolare Weltordnung Foto: Nassim Rad

1 Kommentare
Millie 14.08.202620:24 Uhr

Gut, daß es nur eine Skulptur ist, sonst wäre der hintere Mann nach dem ersten Schuß des Vorderen tot.

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